Bildung und Beruf

Aids Hilfe Wien: Ein Leitfaden für sexuelle Gesundheit im Unterricht

BMHS aktuell: Die Aids Hilfe Wien unterstützt Lehrkräfte mit einem Manual zu Sexualität, sexueller Gesundheit und Diskriminierung. Katja Grafl erklärt, wie Schulen in diesen Zeiten aufklären können und worauf Lehrende achten sollen.

Florian Wörgötter - 12. Juni 2020

Im Internet kursieren diverse Mythen zum Thema Sexualität. Halbwahrheiten über das Aussehen von Geschlechtsteilen, den ersten Sex oder die Übertragung von Krankheiten können die Einstellung zur eigenen Sexualität verzerren. Damit die Schule die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auch zuverlässig begleiten kann, hat die Aids Hilfe Wien ein Manual für Lehrkräfte zum Thema sexuelle Gesundheit erstellt.

„Es ist wichtig, mit Jugendlichen offen und vorurteilsfrei über sexuelle Gesundheit zu sprechen, damit sie der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten vorbeugen können“, sagt Katja Grafl, Leiterin des Fachbereichs Workshops und Jugendprävention der Aids Hilfe Wien.

„Unser praxisorientiertes Manual soll Lehrkräften evidenzbasierte und altersgerechte Informationen und Begriffe bereitstellen. So können sie die Themen Sexualität, sexuelle Gesundheit und Diskriminierung eigenständig im Unterricht bearbeiten, um dem Halbwissen aus dem Internet aktiv entgegenzuwirken“, meint Grafl.

Denn: Wenn Schüler/innen ihren Körper und ihre Sexualität kennen, können sie auch selbstbestimmt förderliche Entscheidungen für ihre sexuelle Gesundheit treffen.

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Das Manual der Aids Hilfe gibt Lehrkräften Aufklärungstipps für sexuelle Gesundheit und Diskriminierung.

Inputs, Fragen, Methoden

Die Inhalte des Manuals basieren auf der langjährigen Erfahrung der Aids Hilfe Wien in der Vermittlung sexueller Gesundheitskompetenzen. Die 75 Seiten führen durch die Kapitel „Körperwissen“, „Sexuelle und reproduktive Gesundheit“, „Sexualitäten und Gender“, „Kommunikations- und Entscheidungsfindungskompetenzen“ und „Stigmatisierung und Diskriminierung“. Jedes Kapitel gliedert sich in drei Abschnitte:

Erstens: Ein inhaltlicher Input führt ins Thema ein. So wird etwa der Unterschied zwischen HIV und AIDS erklärt und wie man sich (nicht) anstecken kann. Grafiken zeigen, wie man ein Kondom verwendet oder den weiblichen Zyklus verstehen lernt. Aufzählungen erklären, wie man aktives und wertfreies Zuhören lernt.

Zweitens: Häufig gestellte Fragen aus dem Workshop-Alltag werden verständlich beantwortet. Zum Beispiel: Wie erklärt man „schwul, bi und trans“? Wie reagiert man auf bewusst provokante Fragen der Schüler/innen? Was kann man im Schulalltag gegen Diskriminierung tun?

Drittens: Interaktive Methoden sollen den Praxisbezug sicherstellen. Ein „Identitätsbingo“ zeigt die vielfältigen Identitäten innerhalb einer Gruppe. Das „Gender-Unicorn“ macht die Genderdiversität sichtbar. Die Übung „Angesteckt“ zeigt mit Kärtchen die verschiedenen Infektionswege von sexuell übertragbaren Krankheiten.

Aufklärungstipps für Lehrende

Am meisten wird das Manual in Biologie oder im Turnunterricht eingesetzt. Die einzelnen Themenblöcke eignen sich aber auch für ein fächerübergreifendes Bearbeiten oder für Einheiten mit dem Fokus auf Gesellschaftspolitik, Gleichberechtigung und Geschlechterrollen, meint Grafl. Auch Projektwochen zum Thema sexuelle Bildung kann es inspirieren.

Worauf sollen Lehrer/innen achten, wenn sie Pubertierenden ein Bewusstsein für Sexualität beibringen wollen? „Im ersten Schritt ist es sinnvoll, sich selbst mit der eigenen Positionierung und seinen Unsicherheiten in Bezug auf sexuelle Gesundheit auseinanderzusetzen“, empfiehlt Grafl. Es sei vollkommen in Ordnung, wenn nicht jede Lehrkraft gerne mit Jugendlichen über Sexualität reden will. Ein Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen kann unterstützen. Auch die Aids Hilfe Wien könne jederzeit kontaktiert werden.

„Lehrpersonen sollten offen und vorurteilsfrei über Sexualität sprechen. Dann können sie auch Mythen aus dem Internet aufklären.“

Da Lehrer/innen auch eine Vorbildfunktion erfüllen, sollten sie die richtigen Begriffe verwenden und diese konsequent erklären können. Außerdem empfehle sich, am Anfang des Unterrichts Gesprächsregeln festzulegen, die auf gegenseitigen Respekt und Achtsamkeit fokussieren: Alle sollen respektvoll zuhören. Alle sollen ausreden dürfen. Was besprochen wird, bleibt in der Klasse.

Diskriminierung in der Schule

Was sollen Lehrer/innen beachten, wenn sie über Diskriminierung aufklären? „Aus unserer Erfahrung ist es sinnvoll, im Kollegium ein standardisiertes Vorgehen festzulegen“, meint Grafl. So könne für den Fall einer Diskriminierung eine Ansprechpersonen benannt werden und Interventioneb festgelegt werden. Im Rahmen dieser können auch die Schüler/innen zum Thema aufgeklärt werden.

Grafl ist überzeugt: „Wenn eine Schule aktiv auf Diskriminierung reagiert, setzt sie damit ein Signal und erhöht bei Jugendlichen schon im Vorfeld das Bewusstsein für Diskriminierung.“

 

Das Manual für Lehrkräfte können Sie hier downloaden. Infos zum Fortbildungs- und Workshop-Angebot der Aids Hilfe Wien finden Sie hier.

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.