Schwerpunkt: Fehlerkultur

Alles schön perfekt hier

Nach der Verbesserung von Arbeitsabläufen wird nun die Selbstoptimierung ausgerufen. Fehler und Niederlagen sind da wie dort tabu. Doch Perfektionismus verunmöglicht Kreativität. Gute Unternehmen wissen das schon längst.

Von Stefan Schlögl - 29. Mai 2019

 

Jeder Mensch macht in einer Stunde zwei bis fünf Fehler, das hat einmal der Fehlerforscher Michael Frese von der Leuphana Universität Lüneburg errechnet. Die meisten sind natürlich harmlos.

Ein Formulierungsfehler während eines Geschäftstermins, eine im falschen Ordner abgelegte Präsentation, der Zahnpasta-Rest im Mundwinkel. Kann passieren.

Leider sind aber auch einige schwerwiegende darunter, die mitunter dramatische Folgen haben können. Vor allem im Wirtschaftsleben. Ein Internet-Broker, dessen „Fat Finger“ auf einen Schlag ein paar Milliarden Euro Börsenwert vernichtet.

 

In einer erfolgsorientierten Gesellschaft will niemand auf der Seite der Verlierer stehen, schon gar nicht, wenn Selbstoptimierung zum Antriebsriemen der eigenen Existenz wird. Foto: Shutterstock/Elnur

 

Der Glaube, dass ein von wackeligen Krediten befeuerter Immobilien-Boom fröhlich weitergehen wird. Die Überzeugung, dass ein paar Tricksereien bei der Dieselmotor-Software einfach unbemerkt bleiben.

Und dann gibt es diese fiesen, kleinen Missgeschicke, die sich zu echten Katastrophen auswachsen können, meist passieren sie an der sensibelsten Schnittstelle einer modernen Industriegesellschaft, jener zwischen Technik und Mensch.

Dann etwa, wenn sich erfahrene, topausgebildete Piloten während eines Flugs mit dem Abstellen eines Softwarefehlers beschäftigen – und dabei übersehen, dass längst ungleich wichtigere Vitalfunktionen des Flugzeugs den Geist aufgegeben haben.

Selbstoptimierung als Antrieb

Mit fatalem Ausgang. Es sind vor allem Fehlerketten wie diese, wenn auf ein Malheur, eine kleine falsche Entscheidung, dann zwei, drei weitere folgen, die ein Unternehmen, Börsen, ganze Wirtschaftssysteme kollabieren lassen können.

Aber es liegt nicht nur an diesen Worst-Case-Szenarien, dass Fehlleistungen so übel gelitten sind. Und das trotz all der Beschwörungen, dass wir doch aus ihnen lernen können, dass es gerade diese Niederlagen seien, die uns stark machen.

In einer erfolgsorientierten Gesellschaft will niemand auf der Seite der Verlierer stehen, schon gar nicht, wenn Selbstoptimierung zum Antriebsriemen der eigenen Existenz wird.

 

Auf Karriere-Plattformen wie LinkedIn oder Xing, aber auch den anderen virtuellen Auslagen wie Instagram oder Facebook sind Niederlagen tabu.

 

Auf Karriere-Plattformen wie LinkedIn oder Xing, aber auch den anderen virtuellen Auslagen wie Instagram oder Facebook sind Niederlagen tabu. Schon mal einen Influencer gesehen, der sich mit seinem 3rd-Wave-Kaffee die Hosen eingesaut hat? Eben.

Ein Phänomen, das übrigens nicht nur hippe Millennials, sondern auch ausgewachsene Top-Entscheider betrifft. Als vor Jahren ein Wirtschaftsmagazin Spitzenmanager befragte, aus welchen Fehlern sie gelernt hätten, war das Ergebnis: Schweigen.

Was nicht zuletzt einer Haltung geschuldet ist, die vor allem in Österreich und Deutschland zu beobachten ist: einmal gescheitert, immer gescheitert. Und wer den Schaden hat, braucht für Häme und Spott nicht zu sorgen. Kultur der zweiten Chance? Ned bei uns!

Also werden Fehler lieber kleingeredet, verdrängt oder aufwändig vertuscht – und entziehen damit einem Unternehmen oder einer Organisation die Informationen, die im Fehler stecken, und so nicht helfen zu verhindern, dass er sich wiederholt.

Das hat etwa der Raketenkonstrukteur Wernher von Braun erkannt. Er schenkte einem Techniker einmal eine Flasche Champagner – und das nicht, weil er alles richtig gemacht hatte, sondern weil er einen von ihm verursachten Konstruktionsfehler als Grund für einen abgebrochenen Raketenstart benannte.

Hätte der Mann geschwiegen, hätten sich Heerscharen von NASA-Technikern auf die Suche nach dem Problem machen müssen. Seine Aufrichtigkeit hat der Organisation also eine Menge Geld und viel Zeit erspart. Kein Wunder, dass es statt den Entlassungspapieren eine Flasche Schampus gab.

Bürokratie als Waffe

Fehler gelten nicht zuletzt deshalb 
als unbeliebt, weil sie Unvorhergesehenes produzieren. Und Unternehmen, vor allem Institutionen, mögen keine Überraschungen – also sichert man
 sich ab. Die effektivste Waffe dafür ist: Bürokratie.

Kaum, dass irgendwo ein – oft vermeintlicher – Missstand auftaucht, wird eine neue Regel eingeführt. Sodann wird ein eigener Überwachungsapparat geschaffen, der dafür sorgt, dass die Regel eingehalten wird.

Die Folgen sind in vielerlei Hinsicht fatal: So ein Apparat kostet richtig viel Geld. Und die Betroffenen fühlen sich prinzipiell dem Verdacht ausgesetzt, immer irgendwas falsch zu machen.

 

Folglich steigt die Angst davor, Fehler zu begehen, weil in all der Regulierungs-Manie keiner mehr durchblickt, was nun tatsächlich gewünscht oder nicht gewünscht ist.

 

Folglich steigt die Angst davor, Fehler zu begehen, weil in all der Regulierungs-Manie keiner mehr durchblickt, was nun tatsächlich gewünscht oder nicht gewünscht, gut oder schlecht ist.

Gleichzeitig fühlt sich niemand mehr unmittelbar verantwortlich, weil ja ohnehin alles innerhalb des „Teams“ „gerecheckt“ und rückgekoppelt werden muss. Diese „Verantwortungsdiffusion“ führt unter anderem zum bekannten Phänomen der Massen-E-Mail-Verteiler, auch CC-Wahnsinn genannt.

Lieber zwei Dutzend Leute, von der Vorgesetzten bis zum Portier, über die nächste Druckerpapier-Anschaffung in Kenntnis zu setzen, als einfach autonom und kraft eigener Kompetenz zu entscheiden. Wer übrigens Eigeninitiative und Anpacken als Lapsus sieht, hat seinen Henry Ford nicht gelesen.

Erfolgreiche Fehler

Selbst der Auto-Tycoon, ein großer Rationalisierer und Optimierer vor dem Herrn, bekannte einmal: „Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge.“

Der Mut zum Fehler ist also der erste Schritt, um Fehlerangst und Scham 
aus dem Berufsleben zu vertreiben. 
Das heißt übrigens nicht, dass Normen und Standards nicht wichtig wären. Sie garantieren schließlich Maßstäbe und Vergleichbarkeit, sind Ordnungsgrößen, die sich nicht zuletzt in Leistungsmessung und Notensystemen niederschlagen.

Das Wort Standard stammt aus dem Englischen und steht für die Standarte, die Fahne des Königs, die stellvertretend für die Macht und den Willen des Fürsten stand, nennen wir ihn in diesem Zusammenhang einfach „den Chef“.

 

Irrtümer und Missgeschicke sind in diesem egozentristischen Weltbild weder erwünscht noch erlaubt, was mittlerweile den Perfektionismus 
in den Rang einer Ersatzreligion erhoben hat. Illustration: Shutterstock

 

Wer sich um die königliche Standarte versammelte, war folglich immer im Recht und ersparte sich so das Nachdenken darüber, ob es nicht vielleicht ein paar schlaue Alternativen zu Top-Down-Entscheidungen, dem Gewohnten und Althergebrachten gäbe.

Schließlich eröffnen nur Wahlmöglichkeiten die Chance auf Kreativität, Innovation und das Heben unerschlossener Lernpotenziale.

In einer Zeit jedoch, in der Institutionen – Kirchen, Parteien, Schule, Medien – hinterfragt werden, ist es nur logisch, dass sich der Mensch zur Standarte seiner selbst, zur einzigen Norm macht.

Ein makelloser, von Like-Adorationen gefütterter Social-Media-Virtuose unter dem Banner der Selbstverwirklichung, den permanenter, selbstauferlegter Optimierungsdruck am Laufen hält.

Irrtümer und Missgeschicke sind in diesem egozentristischen Weltbild weder erwünscht noch erlaubt, was mittlerweile den Perfektionismus 
in den Rang einer Ersatzreligion erhoben hat.

Streben nach Perfektion

Absolute Fehlerlosigkeit ist ein Kind der Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Massenproduktion, die eng getakteten Abläufe am Fließband ließen nicht zu, dass eine Schraube wegen ein paar Hundertstel Millimeter Abweichung nicht in ihr Gewinde passt.

Knapp 200 Jahre später liegt dem Streben nach Perfektion die Angst zugrunde, nicht ins System zu passen, nicht den hohen Erwartungen von Über-Ich, Eltern, Vorgesetzten, der Whats-App-Group (Suchen Sie sich was aus, aber machen Sie dabei keinen Fehler!) zu entsprechen.

„Wir glauben, Perfektion könnte uns beschützen“, konstatiert die amerikanische Sozialforscherin Brené Brown in einem Vortrag bei der Ideen-Konferenz TED-Talks.

„Wir glauben, wenn wir perfekt leben, perfekt aussehen und uns perfekt verhalten, können wir Schuld, Scham und Schande vermeiden.“ Jedoch warnt Brown: „Sich perfekt einzufügen, bedeutet noch nicht, auch dazuzugehören.“

 

„Wir glauben, wenn wir perfekt leben, perfekt aussehen und uns perfekt verhalten, können wir Schuld, Scham und Schande vermeiden.“

 

Eine Botschaft, die mittlerweile auch in den Unternehmen angekommen ist: Perfektionisten, das haben nicht zuletzt Untersuchungen des Psychologen Paul Hewitt gezeigt, vermögen zwar kurzfristig Schwung in die Abläufe zu bringen und ihre Kolleginnen und Kollegen mit ihrem Elan anzuspornen, auf lange Sicht jedoch können sie das ganze Gefüge zum Einsturz bringen.

Sie warten ab, weil für sie nur eine vermeintlich perfekte Lösung zählt, sie schließen Projekte nicht ab, weil sie jeden noch so kleinen Makel eliminieren wollen, sie sind unfähig, zu delegieren.

Paul Hewitt hat sich lange Jahre mit dem Dogma der absoluten Vollkommenheit beschäftigt. Er hat ehemalige Manager-Perfektionisten in Obdachlosen-Heimen gefunden.

Permanente Fehlerfahndung und vorauseilende Selbstoptimierung sind also nicht die Mittel der Wahl. Vielmehr geht es darum, die Ursachen zu verstehen und sie gezielt zu beseitigen.

Und zwar von jenen, die direkt am Ablauf, etwa einem Produktionsprozess, beteiligt sind und auch die Freiräume haben, einen Missstand selbständig zu beseitigen.

Das Kaizen-Prinzip

Ausgerechnet in Japan, einem Land, das sinnbildlich für die ökonomische und gesellschaftliche Null-Fehler-Toleranz steht, wurde ein Modell entwickelt, das Fehler als Grundlage der lernenden Organisation sieht. Das Kaizen-Prinzip.

Entwickelt von einem Ingenieur namens Taiichi Ohno und vom Automobilhersteller Toyota vor Jahrzehnten übernommen, stehen dabei Optimierung von Arbeitsabläufen, Prozessorientierung und ein rigoroses Qualitätsmanagement im Mittelpunkt.

Klingt soweit nicht außergewöhnlich. Tatsächlich aber setzt der Produktionsprozess vor allem auf permanente Veränderung. So kann ein Mitarbeiter zu jedem Zeitpunkt die Produktion anhalten und einen Verbesserungsvorschlag machen.

Dabei zählt nicht die große Innovation, sondern eine gezielte, kontinuierlich und in kleinen Schritten stattfindende Verbesserung, über die sich alle Beteiligten, Zulieferer, Logistiker, Manager, austauschen.

Fehler und Irrtümer sind also nicht Störfaktoren, sondern Ausgangspunkte für eine bessere Lösung.

Dieses Lernen aus nichtlinearen Prozessen hat den Autohersteller zu einem der größten der Welt gemacht und steht gleichermaßen für die höhere Erkenntnis: Wer offen über Fehler redet, hat Erfolg.

Es geht also nicht darum, Fehler aus unserer Welt zu verbannen. Das schaffen wir nicht. Nobody is perfect. Viel mehr geht es um das Vertrauen in uns selbst, sie tatsächlich lösen zu können.

 

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Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 1/19.