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Das Auslandspraktikum für Lehrlinge soll besser beworben werden

Ein Auslandspraktikum für Lehrlinge wird von den wenigsten genutzt. Eine Studie ortet Optimierungsbedarf bei Beratung und Erfahrungsaustausch. Wie Ministerien, WKO und OeAD die Lehrlinge mit Erasmus+ mobiler machen wollen?

Florian Wörgötter - 7. Oktober 2021

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Erasmus+ soll auch Lehrlinge ins Ausland schicken. Jedoch lediglich ein Bruchteil absolviert ein Auslandspraktikum. Warum so wenige und wie es mehr werden sollen, erklärt die erste österreichische Studie zur Auslandsmobilität von Lehrlingen.

Wenn einst Handwerker „auf der Walz“ durch fremde Länder wanderten, sollten sie vor ihrer Meisterprüfung möglichst neue Orte und Arbeitspraktiken kennenlernen. Obendrauf sammelten sie unbezahlbare Lebenserfahrung. Heutzutage möchte Erasmus+ dasselbe europäischen Lehrlingen mit Auslandspraktika und Sprachkursen bieten. Allerdings: Noch wird das Auslandspraktikum für Lehrlinge in Österreich kaum genutzt, wie eine Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft erstmals empirisch erhoben hat.

Demnach erreichte im Jahr 2020 die Zahl der Lehrlinge in Auslandspraktika ihren Höhepunkt bei 1.038 Genehmigungen, die wegen COVID teilweise erst später absolviert wurden oder werden. Das entspricht laut Studie gerade einmal 3 % eines Altersjahrganges. Im Vergleich dazu wurde im selben Jahr 3.707 Schülerinnen/Schülern ein Auslandspraktikum im Rahmen von Erasmus+ genehmigt. Unter den Ausbilder/innen und Fachkräften hätten 419 an Erasmus+ teilgenommen.

Präsentiert wurden die Ergebnisse in einem Schulterschluss vom OeAD als nationale Agentur für Bildung und Internationalisierung, dem Bildungsministerium, dem Wirtschaftsministerium und der Wirtschaftskammer Österreich.

Motive und Hemmnisse

Die Studie untersuchte die Motive, Erwartungen und Hemmnisse für die Auslandsmobilität in der Lehrzeit. In Summe lässt sich sagen, dass Lehrbetriebe mit Erfahrungen in der Auslandsmobilität auch interessierter an einem Auslandspraktikum für Lehrlinge sind (80 %) als Unternehmen ohne diese Erfahrung (34 %). Erstere schätzen auch den Nutzen für ihre Lehrlinge bedeutend höher ein, also deren wachsende Eigenständigkeit, persönliche Entwicklung und bessere Fremdsprachenkenntnisse.

Was für Lehrbetriebe gegen ein Auslandspraktikum spreche: Finanzielle Förderungen wie der entschädigte Bruttoverdienst der Lehrlinge würden den tatsächlichen Entfall der Leistung fehlender Mitarbeiter/innen nicht kompensieren. Aus Sicht der Lehrlinge: Sprachkurse werden zwar ungedeckelt gefördert, Aufenthalts- und Reisekosten in Pauschalen und als Prämie ein Tagesgeld von 15 Euro bezahlt. Dennoch bleibt für Lehrlinge ein Selbstbehalt, um die tatsächlichen Kosten des Aufenthalts auch decken zu können.

Wenig Wissen in Lehrbetrieben

Eine Telefonumfrage der Wirtschaftskammer Österreich unter 500 Lehrlingen präzisiert, dass weniger finanzielle Aspekte oder mangelnde Sprachkenntnisse gegen ein Auslandspraktikum sprechen, sondern der fehlende Freundeskreis und das erstmalige Reisen auf eigene Faust. Ein weiteres Gegenargument sei das fehlende Wissen über die Förderangebote von Erasmus+. Jede/r zweite Befragte kenne das Auslandspraktikum für Lehrlinge nicht. Nur vier von zehn Lehrlingen werden in der Berufsschule informiert; nur jede/r Vierte über den Ausbildungsbetrieb.

In Summe würde aber ein Drittel der befragen Lehrlinge (sehr) gerne ein Auslandspraktikum absolvieren. Ihre Hauptmotive: sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln, Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern und neue Menschen und Länder kennenzulernen.

Auslandspraktikum für Lehrlinge

Eine hohe Mobilität junger Fachkräfte sei auch wichtig, um künftig wettbewerbsfähig zu bleiben, heißt es auf der Pressekonferenz. Schließlich würden Auslandspraktika auch das Innovationspotenzial und den Austausch guter Praxis steigern. Daher müsste auch die Berufsausbildung den neuen Qualifikationen am Arbeitsplatz angepasst werden.

Bildungsminister Heinz Faßmann nennt das Ziel, die Zahl der Lehrlinge in Auslandspraktika solle sich bis zum Jahr 2027 auf 2.000 pro Jahr verdoppeln. Um die internationale Lehrlingsmobilität zu erhöhen, sollen künftig fünf Schwerpunkte umgesetzt werden: Eine Verdoppelung der Auslandspraktika scheint ein logisches Ziel, da auch die EU-Budgetmittel für Erasmus+ für die Jahre 2021–2027 beinahe verdoppelt wurden. Der Fokus soll noch mehr auf Auslandsaufenthalte gerichtet werden, die individuelle Förderung soll um ein Fünftel erhöht werden und auch Praktika außerhalb der EU sollen möglich werden.

Gezieltere Informationspolitik

BMBWF, BMDW, WKÖ und OeAD wollen in einer gemeinsamen Informationsstrategie die Möglichkeiten und den Nutzen von Auslandspraktika gezielter kommunizieren. Die Zielgruppen: Unternehmen, Berufsschulen, Ausbildungsverantwortliche, Eltern und Lehrlinge. Die Kommunikation soll zielgruppengerecht sowohl Chancen wie auch Emotionen vermitteln – über Testimonials, Influencer-Marketing, ein Social-Media-Toolkit und Werbevideos.

Weiters sollen sich Akteurinnen und Akteure der Lehrlingsausbildung besser (inter)national vernetzen können – in einer Konferenz im Jahr 2022, in regelmäßigen Seminaren, Studienbesuchen und Netzwerken für Ausbilder/innen. Außerdem sollen Best-Practice-Beispiele systematisch analysiert werden und auch den Zielgruppen vermittelt werden.

Schließlich wäre es schade, wenn junge Menschen ihre Chance auf ihre persönliche „Walz“ verpassen würden, nur weil ihnen entgeht, dass sie diese Reise auch antreten können.

 

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