Schwerpunkt: International

Deutschland: Exportschlager Berufsbildung

Die duale Ausbildung in Deutschland wird weltweit häufig kopiert. Gleichzeitig bilden deutsche Firmen im Ausland Fachkräfte nach ihren Bedürfnissen aus. Lesen Sie im 6. Teil unseres International-Schwerpunkts, wie das funktioniert.

Von Manuela Tomic - 17. Oktober 2018

 

Deutschland zählt zu den wirtschaftlichen Schwergewichten in der EU. Mit einem Brutto-Inlandsprodukt (BIP) von 3,362 Milliarden Euro liegt es deutlich vor Noch-EU-Land England und Frankreich.

Deutschland ist eine Exportnation. Jeder vierte Arbeitsplatz hängt von den Ausfuhren ab. Im Jahr 2017 lieferte die europäische Wirtschaftsgroßmacht Waren im Wert von 1.279 Milliarden Euro aus. Die wichtigsten Industrien sind neben der Automobilindustrie der Maschinenbau sowie der  chemisch-pharmazeutische Bereich.

Mitverantwortlich für den Boom ist nicht zuletzt eine erfolgreich etablierte duale Ausbildung, die sich auch in einer niedrigen Jugendarbeitslosigkeit niederschlägt. 2006 lag der Anteil der erwerbslosen Jugendlichen noch bei 15,2 Prozent; aktuell liegt er gerade einmal bei sechs Prozent.

Vor allem deshalb sind in den vergangenen Jahren Länder aus der ganzen Welt auf unseren Nachbarn aufmerksam geworden.

 

Das Alleinstellungsmerkmal

Kein Land ist für seine duale Berufsausbildung international so bekannt wie Deutschland. Kein Wunder, wurde doch das deutsche duale System längst in vielen anderen Länder teilweise oder ganz adaptiert.

Das kommt wiederum den deutschen Unternehmen, die in diesen Ländern Niederlassungen oder Fertigungsanlagen haben, zugute. Eine klassische Win-Win-Situation also.

Von Schweden bis nach Singapur

Ob Italien, Schweden, Spanien, Kroatien, Brasilien, Südafrika oder sogar Singapur: das deutsche Modell scheint vor keinem Land Halt zu machen. Darüber hinaus bilden deutsche Unternehmen ihre Fachkräfte nach ihren Bedürfnissen aus.

Wie weit fortgeschritten die erfolgreiche Methode ist, wird erkennbar, wenn man einen Blick auf die Homepage des Bundesinstituts für Berufsbildung, einer Zweigstelle des Berliner Bildungsministeriums, wirft. Hier wurde längst eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet, um mit internationalen Partnern gezielt kooperieren zu können.

Partner für ausländische Firmen

Ebenso gibt es Strategieprojekte für Kooperationen mit neun Auslandshandelskammern sowie Gewerkschaften und ein zweijähriges Förderprojekt zur Stärkung des deutschen Handwerks und der Schaffung von internationalen Qualitätsstandards für die berufliche Bildung.

Durch die Kooperation und das Lernen voneinander kann Deutschland in Zukunft aber auch viele Anregungen für sein eigenes Ausbildungssystem mit aufnehmen.

Mit diesem breiten Fokus wird unser Nachbar seine Position als strategischer Partner in der dualen Ausbildung für ausländische Firmen und Schulen wohl noch eine Zeit lang behalten.

 

Das Schulsystem

Die duale Ausbildung in Deutschland dauert, ähnlich der österreichischen, meistens zwischen zwei und dreieinhalb Jahre, Auszubildende verbringen jede Woche einen oder zwei Tage im Betrieb und den Rest in der Schule.

Manche Ausbildungen und Praxisphasen sind hingegen auch blockweise organisiert. Insgesamt gibt es 350 Ausbildungslehrgänge in Deutschland.

Berufsausbildung im Trend

Die deutschen Ausbildungsgänge stoßen auf große Resonanz: Mehr als die Hälfte der deutschen Jugendlichen entscheidet sich laut Statistischem Bundesamt für eine duale Ausbildung.

In Österreich sind es bloß 40 Prozent. Außerdem gibt es in Deutschland bundesweit geltende Ausbildungsordnungen, die dafür sorgen, dass alle Fachkräfte über dasselbe Wissen und Können verfügen, egal aus welchem Bundesland sie kommen.

Wie die Ausbildung im Detail geregelt ist, entscheidet die Schule beziehungsweise das jeweilige Unternehmen mit dem festgelegten Ausbildungsvertrag.

Duales Studium

Wie in Österreich erhält auch in Deutschland jeder Auszubildende eine Vergütung zwischen 300 und 900 Euro. Die Bandbreite der Löhne ist dabei sehr groß und hängt vom jeweiligen Beruf und Bundesland ab, in dem die Lehre absolviert wird.

Neben der dualen Ausbildung im Sekundärsektor gibt es auch die Möglichkeit, ein duales Studium an einer Fachhochschule oder Universität zu besuchen. Das Bachelor-Studium dauert drei Jahre, das Master-Studium zwei Jahre. Voraussetzung ist die Reifeprüfung und bei manchen Fachhochschulen auch das positive Abschneiden bei Assessment-Tests.

 

Der Experten-Check

„Deutschland gehört bei der beruflichen Ausbildung zu den international erfolgreichsten Systemen“, sagt Berufsbildungsexperte Felix Rauner von der Universität Bremen. „Das sieht man vor allem auch an der niedrigen Jugendarbeitslosigkeit“.

Blicke man auf die wirtschaftlich stärkeren Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Bayern, dann liege diese noch niedriger, erklärt der Bildungsexperte.

Selbst Österreich, bei der Jugendarbeitslosigkeit im EU-Vergleich ein Musterschüler, läge mit aktuell knapp zehn Prozent weit hinter den Nachbarn.

Regionale Gestaltung

Ein weiteres Merkmal sei die „gestaltungsorientierte Berufsbildung“. Jedes Bundesland hat sein eigenes Bundesgesetz. Somit werde in Deutschland stark auf regionale Gestaltungsmöglichkeiten gesetzt.

An dieser Stelle kritisiert Rauner aber die vergleichsweise schwache Steuerung der Bildungsstrategie. „In der Schweiz beispielsweise werden die wichtigen Eckpunkte zukünftiger Strategien zentral gesteuert“, sagt Rauner.

Bologna mit Tücken

So etwas wäre auch für Deutschland verstärkt wünschenswert. Mit der Bologna-Reform habe man zudem duale Studiengänge an den Hochschulen etabliert. Hier sieht der Bildungsexperte jedoch ein Problem: Solche Hochschulen lassen nur Studenten mit einem Abitur zu.

Die berufliche Erstausbildung und ein duales Hochschulstudium würden nicht aufeinander aufbauen, bemängelt Rauner, sondern seien quasi Parallel-Ausbildungen, die nebeneinander existieren. Hier habe man eine Chance vertan.

 

Das sagt Martin Barth

Martin Barth macht eine Ausbildung zum Destillateur am Fritz-Henßler-Berufskolleg in Dortmund. Seine Lehre absolviert er in der Preussischen Spirituosen Manufaktur in Berlin.

„Meine Ausbildung absolviere ich immer in Blöcken, zweieinhalb Monate in Dortmund und den Rest der Ausbildung im Betrieb“, erklärt er. Barth hat die duale Ausbildung nach seinem Abitur begonnen.

„Ich finde es positiv, dass ich meine Lehre etwas verkürzen konnte, da ich ein Abitur habe“, erklärt Barth. Am dualen System in Deutschland sieht er die Attraktivität darin, dass man für seine Ausbildung bezahlt wird.

Denn auch das sei nicht überall selbstverständlich. „Mir gefällt auch, wie das duale System in Deutschland organisiert ist“, sagt Barth. Kritik übt er nur, wenn es um die Lohnschere der Azubis geht.

Mehr Chancengleichheit

„Ich bin sehr zufrieden mit meiner Lehrstelle, aber ich würde mir wünschen, dass sich auch in den neuen Bundesländern etwas tut“, sagt der Lehrling, „denn im Gegenteil zu mir muss ein Friseur-Azubi aus Sachsen oder Thüringen eventuell noch nebenbei jobben, damit er sich die Ausbildung finanzieren kann“.

Hier wünscht sich der junge Azubi vor allem eines: mehr Chancengleichheit im dualen Musterland Deutschland.

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.