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„Digitaler Unterricht verlangt ein anderes Mindset“

Österreich lehrt und lernt seit kurzem übers Internet. Wir haben zwei Bildunsgexpertinnen zu ihren Tipps für die digitale Didaktik befragt.

Von Florian Bayer - 27. März 2020

 

Laut einer Umfrage des Bildungsministeriums (16. bis 19. März, Hajek) unter 500 Eltern ist der Umstieg zum „Lernen zu Hause“ en gros gut gelungen. Nur für zehn Prozent funktioniere es „eher schlecht“, für zwei Prozent „sehr schlecht“.

Neun Prozent der Eltern beklagten fehlende technische Ausstattung zuhause, eine relativ kleine Zahl, hochgerechnet auf ganz Österreich sind das dennoch Zehntausende Haushalte. Sieben Prozent der Eltern wünschen sich eine stabile Lernplattform, ebenfalls sieben Prozent mehr Kontakt zu den Lehrenden.

Bei einer zeitgleich durchgeführten Befragung der Lehrenden gaben knapp 90 Prozent der Stichprobe (n=302 Lehrkräfte) an, der Start ins Home Schooling habe „sehr gut“ oder „gut“ funktioniert. Die Schulschließungen halten demnach 93 Prozent für „sehr richtig“ und fünf Prozent für „richtig.“

Überwiegende Zustimmung also und ein, in der Selbstbewertung, gelungener Start. Doch wie beurteilen Bildungsexpertinnen den Umstieg und welche Tipps empfehlen sie Lehrenden?

Die Bildunsgexpertinnen Andrea Schaffar (u.a. Universität Wien) und Andrea Schlager (Donau-Universität Krems). Fotos: Luiza Puiu / HochZwei

Die Bildungsgexpertinnen Andrea Schaffar (u.a. Universität Wien) und Andrea Schlager (Donau-Universität Krems). Fotos: Luiza Puiu / HochZwei

 

„Die anfänglichen Probleme betrafen vor allem die Technik“, sagt Andrea Schlager, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für digitales Lernen und Gestalten der Universität Krems. Viele Schulen hätten noch keine LMS-Plattform voll eingerichtet, sondern behelfen sich mit WhatsApp und E-Mail.

Schlager empfiehlt den Lehrenden einer Schule, möglichst einheitlich vorzugehen. „Wenn jeder ein anderes Kommunikationstool verwendet, verlieren Schülerinnen und Schüler irgendwann den Überblick.“

An starren Stundenplänen festzuhalten, empfiehlt sie übrigens nicht. Ein digital übermittelter Lehrinhalt sollte maximal 20 Minuten dauern, danach sollte eine praktische Übung kommen.

Es gibt sehr viele Inhalte und Erklärvideos im Internet. Die Lehrenden müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern nur richtig einsetzen und im richtigen Kontext. Auch solle das Soziale nicht zu kurz kommen, es solle auch Raum für Alltagsgespräche und die gegenseitige Wahrnehmung sein.

Anderes Mindset nötig

„Leider gibt es noch wenig Best-Practice-Beispiele von den Schulen, die von anderen genutzt werden und auf denen sie aufbauen können“, sagt Bildungsexpertin Andrea Schaffar, die u.a. an der Universität Wien Medienpädagogik unterrichtet. Versäumnisse der letzten Jahre würden sich nun rächen.

Es komme aber gar nicht so sehr auf die technische Komponente an, sagt Schaffar.  „Virtuell zu unterrichten heißt vielmehr, sich ein anderes Mindset zurechtzulegen. Es kann viel mehr schiefgehen, es gibt mehr Trial and Error.“

Vor allem aber müsse man den eigenen Stil finden, sagt Schaffar – und das braucht seine Zeit. How-to-Listen Punkt für Punkt durchzugehen und nach allgemeinen Lösungen vorzugehen sei jedenfalls der falsche Ansatz. Vielmehr gehe es um ein Ausprobieren, Experimentieren, Flexibilität.

Kommunikationsräume schaffen

„Normalerweise taktet die Schule ja das gesamte Leben. Alles wird vorgegeben, und die Schüler durchlaufen diesen Rahmen. Jetzt aber taktet keiner von außen, sondern nur virtuell“, sagt Schaffar.

Das Um und Auf sei daher die Beziehung untereinander, schließlich entsteht auch Motivation erst durch regelmäßigen Kontakt. Dabei solle es nicht nur um den Stoff gehen, sondern auch Gelegenheit zum persönlichen Austausch bleiben – etwa durch Kommunikationsräume auf den Plattformen, Gruppenarbeiten oder gemeinsame Brainstormings.

Eine weitere Herausforderung sei die digitale Kluft, also Unterschiede beim Zugang und bei der Nutzung von digitalen Technologien. Die zeigt sich momentan ganz deutlich innerhalb der Familien: Es mache für den Lernerfolg einen wesentlichen Unterschied, ob man ein eigenes Zimmer und einen Rechner hat oder beides mit anderen teilen muss, sagt Schaffar.

Das werde derzeit oft vergessen, genauso wie der Umstand, dass wir gerade eine Extremsituation erleben. „Lehrende sollten einen Gang runterschalten und den Familien Zeit lassen, sich umzustellen. Viele haben Angst, weil niemand von uns jemals so etwas erlebt hat. Darauf müssen Lehrkräfte ganz bewusst Rücksicht nehmen“, so Schaffar.

Tipps von beiden Expertinnen: Nicht nur ein, zwei Medientypen probieren, sondern verschiedene mischen. Kleinere Häppchen und keine großen Blöcke. Inspiration aus den vielen guten Massive Open Online Courses holen, die spannend strukturiert sind.

Und ruhig auch mal Gäste für die digitale Lehreinheit einladen. Das bringt Außenbezug und Abwechslung, und die ist wichtiger denn je.

 

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.