Bildung und Beruf

Anton Bucher zum Ethikunterricht: „Nicht ethisch sein geht nicht“

BMHS aktuell: Das Gesetz zum Ethikunterricht als alternatives Pflichtfach zu Religion ist beschlossen. Religionspädagoge Anton Bucher erklärt, warum Ethik für alle sinnvoller wäre und welche Chance für die Integration verspielt wird.

Florian Wörgötter - 3. Dezember 2020

MEHR_wasjetzt_Bucher Ethikunterricht

Religionspädagoge Anton A. Buchner erklärt das neue Gesetz für den Ethikunterricht. Wenn sich Schüler/innen der Sekundarstufe II vom Religionsunterricht abmelden, müssen sie ab dem Schuljahr 2021/22 den Ethikunterricht besuchen.

Schon vor 20 Jahren hat Religionspädagoge Anton A. Bucher den Schulversuch Ethik für das Bildungsministerium evaluiert. Doch seine „ermunternden Erkenntnisse“ wurden von der Politik weitgehend „verschleppt“. Nach jahrzehntelanger Kontroverse hat der Nationalrat nun den Ethikunterricht für alle Schüler/innen der Sekundarstufe II beschlossen, die sich vom konfessionellen Religionsunterricht abmelden.

Der habilitierte Erziehungswissenschafter Anton A. Bucher arbeitet auch am Ethik-Lehrplan, an der Ausbildung für Ethik-Lehrende und schreibt für das neue MEHR!-Schulbuch für den Ethikunterricht. Im Interview erklärt der Professor der Universität Salzburg, warum er nach wie vor das Volksbegehren „Ethik für ALLE“ unterstützt, wie Ethik zur Integration beitragen könnte und wo sich Lehrende in Ethik fortbilden können.

Was jetzt: Herr Bucher, was konkret steht im neuen Gesetz, mit dem der Ethikunterricht als alternatives Pflichtfach zum Religionsunterricht verankert werden soll?

Das Gesetz füllt nur eine DIN-A4-Seite. Kurz zusammengefasst: Jene Schüler/innen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht der 14 staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften wählen, müssen nun den Ethikunterricht besuchen. Eine Ethik-Klasse sollte mindestens zehn Schüler/innen umfassen. Ethik und Religion sollen möglichst zeitgleich angeboten werden.

Was bedeutet dieses Gesetz für BHS-Schulen?

Für den Ethikunterricht ist vorgesehen, dass er in einem Ausmaß von zwei Wochenstunden angeboten werden soll – sofern die Mindestanzahl von zehn Schülerinnen/Schülern erreicht wird. Alternativ können auch Schüler/innen aus Parallelklassen rekrutiert werden. Ansonsten wäre auch eine jahrgangsübergreifende oder sogar eine schulübergreifende Lösung möglich.

Allerdings werden Klassen für diesen Unterricht, in dem es wesentlich um das Zusammenleben geht, weiterhin auseinandergerissen. Schlimmstenfalls kann es auch zur Konkurrenz zwischen Religions- und Ethiklehrenden kommen, weil es beiden ein Anliegen sein wird, genügend Schüler/innen für ihre Stundenzahl zu bekommen. In Salzburg sind mir aber auch Schulen bekannt, an denen Religions- und Ethiklehrende gemeinsame Projekte durchführen.

Sie wurden schon 2001 vom Bildungsministerium beauftragt, den Schulversuch Ethik zu evaluieren. 2014 haben Sie geschrieben, der Ethikunterricht in Österreich sei „politisch verschleppt“, doch „pädagogisch lange überfällig“. Sind Sie glücklich mit dem Ergebnis?

Das hat mich auch Bildungsminister Heinz Faßmann auf einer Tagung gefragt. Zu meiner Antwort stehe ich heute noch: Ich bin unzufrieden und zufrieden zugleich. Unzufrieden, weil bildungstheoretisch nicht die sinnvollste Lösung gekommen ist. Denn ich finde: Wir können religiös oder nicht religiös sein. Was wir aber nicht sein können: nicht ethisch.

„Wir können religiös oder nicht religiös sein. Was wir aber nicht sein können: nicht ethisch.“

Doch ich bin zufrieden, dass es endlich eine bundesweite Regelung gibt; dass noch mehr Schüler/innen einen Ethikunterricht bekommen werden und vor allem: dass auch die Ethik-Lehrenden endlich Sicherheit haben, dass ihr Unterrichtsfach nicht eingestellt wird, weil der Schulversuch abgebrochen werden könnte. Das Gesetz definiert ihn jetzt als alternativen Pflichtgegenstand und verzichtet auf die unselige und letztlich auch diskriminierende Bezeichnung „Ersatzfach“.

Diese Kontroverse hat sich über Jahre hingezogen. Österreich ist diesbezüglich das letzte Land der EU, das nun endlich den Ethikunterricht bundesweit regelt und somit die Phase der Schulversuche nach knapp 24 Jahren abgeschlossen hat.

Sie unterstützen auch die Initiative „Ethik für ALLE“ und ihr Volksbegehren, das einen Ethikunterricht für alle Schüler/innen ungeachtet ihrer konfessionellen Zugehörigkeit fordert. Warum will das die Regierung nicht?

Gute Frage. Natürlich gibt es politische Kräfte, die das wollen. Dazu gehören vor allem der frühere Bildungssprecher der Grünen Harald Walser oder auch Ex-Bildungsministerin Claudia Schmied und etliche SPÖ-Politikerinnen. Warum es die ÖVP nicht will? Meine Einschätzung: Sie will sich nicht mit der Kirche anlegen. Die katholische Kirche ist strikt gegen Ethik, weil die Befürchtung entsteht, zu viele würden sich vom Religionsunterricht abmelden. Und einen Konflikt mit der Kirche will der Bundeskanzler unter keinen Umständen.

Wie müsste Ihrer Vorstellung nach der ideale Ethikunterricht aussehen?

Aus der positiven Forderung „Ethik für ALLE“ ist sehr oft der Schluss abgeleitet worden, dass wir gegen den Religionsunterricht sind. Ich bin für religiöse Bildung. Im Sinne von Ethik für alle müsste das Fach heißen „Ethik und Religionen“. Ein lebendiger, spannender Unterricht müsste allen Schülern und Schülerinnen die großen Weltreligionen erkenntlich machen, denen auch viele unserer Schüler/innen angehören.

Kein „Laber“-Fach, was auch dem Religionsunterricht passieren kann, sondern dass Schüler/innen auch kognitiv etwas lernen. Das Ziel ist die ethische Autonomie, um ein eigenständiges, begründetes Urteil in der Frage des richtigen Lebens zu finden, aber auch im religiösen Bereich.

Warum ist es so wichtig, die Ethik anhand von Religion zu lehren?

Weil jede Religion auch eine ethische Dimension hat. Und weil viele Konflikte auf unserem Planeten darauf basieren, dass unterschiedliche Kulturen mit meist unterschiedlichen Religionen aufeinanderprallen.

Laut einer von Ethik für ALLE beauftragten Gallup-Umfrage bevorzugen 70 % der Gesellschaft einen gemeinsamen Ethikunterricht für alle Schüler/innen. Nur 16 % seien für das soeben beschlossene Modell. Behaupten andere Umfragen das Gegenteil?

Nein, mir wäre keine bekannt. Gallup ist sicherlich seriös. Ich mache auch die Erfahrung beim Feierabendbier mit „einfacheren“ Leuten, dass es auch für sie evident ist, dass man Klassen nicht auseinanderreißen sollte, sondern etwas Gemeinsames macht.

Ein Argument sei, wenn man Klassen „zum Zweck der Wertevermittlung“ teile, würde man sie auch außerhalb der Schule „spalten“.

Diese Befürchtung sehe ich weniger. Im Hinblick auf unsere muslimischen Mitbürger/innen ist mir lieber, wenn sie einen islamischen Religionsunterricht in der Öffentlichkeit der Schule bekommen – und dieser nicht salafistisch oder wahhabitisch geprägt in Hinterhöfen stattfindet.

„Am liebsten wäre mir, wenn Muslime, Protestanten und Katholiken alle gemeinsam in einem Fach ethische und religiöse Fragen beantworten.“

Am liebsten wäre mir aber, wenn Muslime, Protestanten und Katholiken alle gemeinsam in einem Fach ethische und religiöse Fragen beantworten. Es ist auch nicht Aufgabe des Religionsunterrichts, Kinder in eine Religionsgemeinschaft hinein zu sozialisieren. Dafür sind die Familie oder die Pfarrgemeinde zuständig. Aufgabe der öffentlichen Schule ist die Bildung und nicht das Rekrutieren neuen Nachwuchses.

Schüler/innen, die den islamischen Religionsunterricht besuchen, werden nun keinen Ethikunterricht besuchen dürfen. Dabei wäre das Fach Ethik prädestiniert, um das Gemeinsame hervorzuheben. Verspielt man nicht eine große Chance für die Integration?

Ich glaube schon – wie ein Beispiel meiner Evaluation aus dem Jahre 2001 zeigt: In einer Ethik-Klasse in Oberösterreich sind viele zerstrittene Schüler/innen aus Ex-Jugoslawien zusammengekommen. Einer begnadeten, engagierten Ethik-Lehrerin ist es gelungen, aus diesem zerstrittenen Haufen eine integrierte und tolerante Klassengemeinschaft aufzubauen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn alle in ihrem stillen Kämmerlein gesessen wären und es keinen Dialog gegeben hätte.

Auch Susanne Wiesinger, Autorin des Buches „Kulturkampf im Klassenzimmer“, befürwortet einen gemeinsamen Ethik- und Religionsunterricht, weil das eines der besten Foren ist, um Integration zu leisten.

Wie kann denn der geplante Ethikunterricht die Integration fördern?

Indem man Erkenntnisse übereinander aufbaut, Begegnungen ermöglicht, wodurch Vorurteile abgebaut werden. Durch angemessene Wissensvermittlung der kulturellen und religiösen Herkünfte der einzelnen Schüler/innen kann eine Haltung der Toleranz, der Wertschätzung und des Respekts gebildet werden. Ideal wäre natürlich, wenn alle Schüler/innen in solche Prozesse einbezogen werden.

Das für den Herbst geplante Ethik für ALLE-Volksbegehren kann nun erst zwischen 18. und 25. Jänner 2021 unterzeichnet werden. Kommt es zu spät?

Wir hätten es schon wesentlich früher machen wollen, doch während eines Lockdowns kann man kein Volksbegehren durchziehen. Wenn die notwendige Anzahl der Unterschriften nicht zustande kommt, fände ich es frappierend, dass immerhin sieben von zehn Österreicherinnen und Österreichern für einen gemeinsamen Unterricht sind. Wenn es aber darum gehen soll, dafür eine Unterschrift zu leisten, ist die Bereitschaft in der Regel sehr gering.

Sie haben auch am Lehrplan für die Ausbildung mitgewirkt. Wie können sich Lehrende für den Ethikunterricht ausbilden lassen?

Aktuell laufen an den Pädagogischen Hochschulen berufsbegleitende Universitätslehrgänge. Dort sind 30 ECTS-Punkte vor der Aufnahme des Ethikunterrichts zu absolvieren, weitere 30 ECTS-Punkte dann begleitend mit dem ersten Unterrichten. Insgesamt erwirbt man die Lehrbefähigung für das Fach Ethik in vier Semestern.

Ab dem Schuljahr 2021/22 soll – zumindest hier in Salzburg – auch das reguläre Lehramtsstudium für Ethikunterricht belegt werden können. Soweit ich weiß, soll man Ethik auch in Wien, Graz und Innsbruck studieren können.

Wie wird das Ethik-Lehramtsstudium aufgebaut sein?

Mit pädagogischen und psychologischen Fächern wie jedes Lehramtsstudium. Dann sind ethisch-philosophische und religionskundliche Einheiten enthalten. Einen großen Schwerpunkt hat auch Moral, Entwicklungspsychologie und Religionswissenschaft. Einschlägige Bezugsdisziplinen thematisieren etwa Bio-Ethik und Medizin-Ethik.

Ist es sinnvoll, dass Religionslehrer/innen auch den Ethikunterricht übernehmen?

Das war lange eine Streitfrage. Die Bayern haben schon 1972 entschieden, wer Religion unterrichtet, kann auch Ethik unterrichten. In Österreich besteht die Freiheit des Unterrichtens.

Ich persönlich habe wenig dagegen, in der Evaluation ist uns aber ein Problem mehrfach begegnet: Schüler/innen haben sich von Religion abgemeldet, weil ihnen der/die Lehrende nicht gepasst hat. Wenn im Ethikunterricht die gleiche Person unterrichtet, wäre das nicht besonders motivierend. Daher würde ich davon abraten, am gleichen Schulstandort sowohl Ethik als auch Religion zu unterrichten.

Kann es denn nicht auch zu Interessenkonflikten oder gar sprichwörtlichen Glaubenskonflikten führen?

Diese Gefahr sehe ich weniger. Die theologische Ethik ist sehr mündig, aufgeschlossen und an Aufklärung interessiert und liegt weit weg von dem, was aus dem Vatikan kommt. Vielerorts ist der Religionsunterricht vom Idealtyp „Ethik und Religionen“ kaum mehr zu unterscheiden. Auch Religionslehrende vermitteln Kenntnisse über andere Religionen. Ihnen ist es ein Anliegen, dass Schüler/innen nicht nur brave Katholiken und Katholikinnen werden, sondern mündige Individuen.

Sie waren auch Teil der Lehrplan-Kommission für die Schule. Steht der Ethik-Lehrplan schon für das Schuljahr 2021/22?

Der Lehrplan ist seit einigen Monaten fertig und wird derzeit noch von den politischen Parteien und den Sozialpartnern begutachtet.

Anhand welcher Themen ist Ethik lehrbar?

Zum Beispiel: Was ist eine Tugend? Was ist eine utilitaristische Ethik? Was ist eine Pflichten-Ethik? Es werden verschiedene ethische Standpunkte und moralische Dilemmata präsentiert. Schüler/innen sollen darüber ins Gespräch kommen und sich positionieren lernen. Hinzu kommt ein gewisses Faktenwissen. Ein Maturant sollte den Unterschied zwischen aktiver und passiver Euthanasie kennen, welche Positionen in der Umweltethik existieren und vieles, vieles mehr.

Sie sind auch einer der Autoren und Autorinnen des Ethik-Schulbuches von Lernen will MEHR! Wie münzt man Ethik in Schulaufgaben um?

Ich sitze gerade an der Frage: Was ist Glück? Hier lernen Schüler/innen eines der traditionsreichsten Themen der Ethik, was Philosophen wie Aristoteles zum Glück sagen, welche Strategien wie das Flow-Konzept das Glück fördern oder mindern und was die Glücksforschung in Studien herausgefunden hat, wie etwa, dass Querschnittsgelähmte und Lotteriegewinner/innen nach zwei Jahren gleich glücklich sind.

 

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