Schwerpunkt: Online-Lernen

Bildungsminister Faßmann erklärt seinen Plan für die digitale Schule

Minister Faßmann präsentiert seine Strategie zur Digitalisierung der Schule. Die Vorhaben: Tablets oder Laptops für ausgewählte Schulen, Fortbildung für Lehrende, Gütesiegel für Lern-Apps. Ein Überblick über Inhalte und Reaktionen.

Was jetzt-Redaktion - 19. Juni 2020

Eine „neue pädagogische Realität“ verspricht Bildungsminister Heinz Faßmann am 17. Juni, als er seine Strategie zur Digitalisierung der Schule vorstellt. Gemeinsam mit Bundeskanzler Sebastian Kurz und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck präsentiert er einen 8-Stufen-Plan, der „neue Kulturkompetenzen“ für die digitale Schule sichern soll.

Damit der Umgang mit digitalen Medien gelinge, brauche es „geschulte Lehrende, qualitätsgesicherte Materialen, digitale Endgeräte und Schulen mit leistungsfähigen Netzen“. Und: Die Schulen sollen nachdenken, wie digitale Instrumente einzusetzen sind. Zusätzliche 200 Millionen Euro bis zum Jahr 2022 sollen den Innovationsschub für die digitale Schule finanzieren.

Foto: BKA/Andy Wenzel

Hier ein Überblick über die acht Stufen der Strategie und die ersten Reaktionen von Oppositionsparteien, Sozialpartnerschaft und Schüler/innen-Organisationen.

1. Portal „Digitale Schule“

Das Portal „Digitale Schule“ soll einen zentralen Zugriff auf die wichtigsten Applikationen, Kommunkationswege und Webseiten ermöglichen („Single Point of Entry“). Schüler/innen sollen mit einem einzigen Account und einer einzigen Anmeldung alle Services nutzen können. Verwaltungsapplikationen wie ein digitales Klassenbuch oder Mitteilungsheft sollen auch die Kommunikation mit den Eltern verbessern.

2. Einheitliche Lernplattformen

Über den Sommer soll jeder Schulstandort seine Online-Lehre nur mehr über ein einziges Lernmanagementsystem durchführen. Dann heißt es für Schulen: entweder MS Teams oder LMS.at oder Eduvidual etc.

3. Fortbildung der Lehrenden

Im Sommer sollen Schulungen zur Nutzung einer einheitlichen Plattform angeboten werden. Auch in den Curricula der Lehrendenausbildung sollen digitale Kompetenzen nachgebessert werden. Außerdem sollen ab August offene Onlinekurs-Videos (MOOCS) den Lehrenden zeit- und ortsabhängig zeigen, wie sie Distance Learning organisieren sollen, Lernplattformen einsetzen, digitalen Content verwenden oder mit den Eltern kommunizieren.

4. Eduthek nach Lehrplan

Die digitalen Lerninhalte auf der Plattform „Eduthek“ sollen noch besser nach Lehrplänen und Schultypen gegliedert werden. Mit einer zielgenaueren Suche sollen Pädagogen und Pädagoginnen auch die richtigen Inhalte für ihr Fach finden.

5. Gütesiegel für Lern-Apps

Die Vielfalt an Lern-Apps und Bildungsmedien soll geprüft werden und für den Einsatz im digitalen Unterricht zertifiziert werden. Die Qualitätskriterien: pädagogischer Wert, Lernmanagement,  Benutzerfreundlichkeit, Lernengagement und Datenschutz.

6. Ausbau der IT-Infrastruktur

In den nächsten vier Jahren sollen Bundesschulen an Glasfasernetze angeschlossen werden. Außerdem soll ein leistungsfähiges WLAN die Unterrichtsräume ausstatten. Noch dieses Jahr sollen die ersten 60 Schulen aufgerüstet werden.

7. Laptops und Tablets für Schüler/innen

Schulen der Sekundarstufe I können ab dem Schuljahr 2021/22 mit Laptops oder Tablets ausgestattet werden. Dazu müssen sie ein „pädagogisches Digitalisierungs- und Nutzungskonzept“ einreichen. Also: Wie wollen die Schulen digital unterrichten? Wie bilden sie ihre Lehrenden fort? Welchen einheitlichen Gerätetypus wünschen sie?

Wird eine Schule im Auswahlverfahren „akkreditiert“, sollen zuerst Schüler/innen in der fünften (im ersten Jahr auch in der sechsten) Schulstufe ausgestattet werden. Nach und nach soll so jeder Jahrgang seine Geräte haben. Die Schüler/innen dürfen die Geräte die gesamte Unterstufe behalten und auch privat nutzen, müssen aber einen Finanzierungsbeitrag leisten. Die geplanten 25 Prozent sollen sozial gestaffelt werden.

8. Digitale Endgeräte für Lehrende

Wenn das Digitalisierungskonzept einer Schule das Auswahlverfahren besteht, können auch Lehrende mit Laptops oder Tablets und den zugehörigen Software-Lizenzen ausgestattet werden. Im Zuge von Schulsanierungen sollen auch ihre Arbeitsräume ausgestattet werden.

„Die neue pädagogische Realität: Wir geben weder Schulbuch noch Schreibschrift auf, sondern lernen eine neue Kulturkompetenz – den Umgang mit digitalen Medien.“

Zur Finanzierung hochwertiger digitaler Lerninhalte wurde nichts gesagt.

Was halten nun die Oppositionsparteien, Schüler/innen-Organisationen und Sozialpartnerschaft vom 8-Stufen-Plan für die digitale Schule?

Die Reaktionen der Opposition

SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid kritisiert, dass offenbar nur ausgewählte Schulen ausgestattet werden sollen und die Eltern zu Kasse gebeten würden.

NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre erkennt im Digitalisierungspaket „keine Bildungsrevolution, sondern eine längst überfällige Hausaufgabe“. Das Paket sei grundsätzlich gut, komme aber zu spät für die aktuelle Corona-Krise und eine etwaige zweite Welle.

Von von einer „Farce“ spricht FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl: Geräte und Breitbandausbau seien „gut und richtig“, die entscheidende Frage stelle sich aber im Software-Bereich: Wie lässt sich der Unterricht selbst digitaler gestalten? Welche Programme, Inhalte und Methoden sollen den Lehrbetrieb modernisieren?

Die Reaktion der Sozialpartnerschaft

„Gut, aber nicht gut genug“, charakterisiert Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl die Digitalisierungspläne und betont, dass vor allem ein „selbstbestimmter Umgang mit Tablets, Laptops und Smartphones gelehrt werden muss“. Und: „Die Geräte müssen für Schüler/innen gratis sein.“

Mariana Kühnel, Vize-Generalsekretärin der Wirtschaftskammer, begrüßt den 8-Stufen-Plan für die digitale Schule, fordert aber eine Ausweitung auf Mittelschulen, Polytechnikum und Berufsschulen. Denn besonders dort werde der Fachkräftebedarf der Zukunft gedeckt.

Und was sagen die Schüler/innen?

Die Schülerunion begrüßt die längst überfällige Reform, denn die Schulen seien im letzten Jahrhundert steckengeblieben. Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike nennt vor allem den Ausbau der digitalen Basistruktur als besonders wichtig, da viele Schulen über kein funktionierendes WLAN verfügen würden.

Noomi Anyanwu, Bundesvorsitzende der Aktion Kritischer Schüler_innen, antwortet auf eine Was jetzt-Anfrage: Der 8-Punkte-Plan der Regierung sei zwar gut, aber längst notwendig gewesen. Sie kritisiert „die langsame Umsetzung und die finanziellen Details: Die Schüler/innen brauchen sofortige und kostenlose Digitalisierung in ihren Schulen.“

 

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