Schwerpunkt: Fehlerkultur

Lernstoff im Wandel: Früher war auch nicht alles richtig

Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Und der Lernstoff auch. Sechs Fakten, die wir einst gelernt haben – und die so nicht mehr stimmen.

Von Stefan Schlögl - 26. Juni 2019

 

Pluto. Hier groß. Eigentlich klein. © Shad.off/Depositphotos.com

 

DAMALS
Pluto ist ein Planet.

HEUTE
Pluto ist kein Planet.

Er kam spät und blieb kurz: Erst 1930 wurde Pluto entdeckt und galt seitdem als der neunte und äußerste Planet unseres Sonnensystems.

Groß war der Himmelskörper nicht – er hat gerade einmal ein Drittel des Volumens des Erdmonds – aber immerhin galt er als Planet.

Bis sich Astronomen daran machten, zu definieren, was denn nun ein Planet eigentlich sei. Die Wahrheitsfindung war eher komplex, am Ende stand jedoch 2006 die Entscheidung: Pluto wird degradiert, und zwar zum Zwergplaneten. Kleiner Trost: Sein Name steht für eine Unterklasse der Zwerggestirne, die Plutoiden.

 

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Die Chinesische Mauer. Gut sichtbar – zumindest aus dieser Perspektive. © Sumners/Depositphotos.com

 

DAMALS
Die Chinesische Mauer ist das einzige von Menschen errichtete Bauwerk, das vom Weltall aus mit bloßem Auge sichtbar ist.

HEUTE
Ist es nicht.

Das Alleinstellungsmerkmal der Chinesischen Mauer stand so wohl nie in einem Lehrbuch. Dennoch ist es Teil des Wissens geworden. Tatsächlich jedoch handelte es sich um einen nie überprüften Allgemeinplatz.

Bis 2003 Yang Liwei, der erste chinesische Raumfahrer, zugab, dass er das Monument während seines Orbital-Flugs nicht erkennen konnte. (Er wurde dennoch als „Held des Weltraums“ ausgezeichnet.)

2018 bestätigte die NASA Yangs Aussage: Selbst aus relativ nah kreisenden Raumstationen sei das Bauwerk nicht sichtbar. Weder mit freiem Auge noch mit gewöhnlichen Kameras.

 

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Mittlerweile ein Weichling: der Diamant. © AnatolyM/Depositphotos.com

 

DAMALS
Diamant ist der härteste Stoff.

HEUTE
Wurtzit-Bornitrid und Lonsdaleit sind härter.

Seit 2009 gehört der Diamant zu den Weichlingen. Theoretisch zumindest. Schließlich sind seit damals zwei Materialien bekannt, die auf die schönen Namen Wurtzit-Bornitrid und Lonsdaleit hören.

Beide sind, wie zwei Wissenschafter errechnet haben, in ihrer Reinform härter als Diamant, Bornitrid um ein Fünftel, Lonsdaleit hält sogar zwei Drittel mehr Belastung aus.

Nachteil: Die Stoffe sind sehr selten, und ihre Eigenschaften konnten nur in Simulationen nachgewiesen werden. Seit 2013 gibt es übrigens einen neuen Top-Härtefall: ein kubisch kristallines Bornitrid, das bislang jedoch auch nur im Labor nachgewiesen wurde.

 

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Das Chamäleon ist ein launisches Tierchen. © Fivespots/Depositphotos.com

 

DAMALS
Ein Chamäleon passt seine Farbe der Umgebung an.

HEUTE
Nein, nur seiner Stimmung.

Mal grün – wie ein Blatt, vor dem es sitzt. Mal braun – wie ein Waldweg, über den es gerade trottet: das Chamäleon als Meister der Tarnung, das seine Hautfarbe einfach an den jeweiligen Hintergrund anpasst, um sich dem Fressfeind zu entziehen oder ein Insekt zu täuschen: Das war lange die vorherrschende Meinung.

Tatsächlich aber wechseln die Schuppenkriechtiere ihre Farbe häufig und ziemlich schnell, was dann auch Wissenschafter stutzig machte.

Sie nahmen die Echsen genauer unter die Lupe und stellten fest, dass die Farbwechsel vor allem ein Kommunikationsmittel sind, um Stimmungen und Gefühle auszudrücken. Besonders bunt treiben es die Tierchen, wenn es gilt, das Revier zu verteidigen. Oder potenzielle Paarungspartner anzulocken.

 

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Entdecker auf Irrwegen: Christoph Kolumbus. © Gemeinfrei nach CC0 1.0. Metropolitan Museum of Art, NY.

 

DAMALS
Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt.

HEUTE
Es war Leif Eriksson. Und Giovanni Caboto.

Seien wir uns ehrlich: Wir wissen alle, dass der Genueser nicht der erste Europäer war, der 1492 Amerika entdeckt hat. Es war wohl Leif Eriksson, um das Jahr 1000.

Strafverschärfend für Kolumbus kommt hinzu, dass der nicht den Kontinent, sondern bloß eine Karibikinsel entdeckte – die er noch dazu für Indien hielt.

Als erster Europäer, der in der Neuzeit seinen Fuß auf nordamerikanisches Festland setzte, gilt hingegen der Italiener Giovanni Caboto. 1497 war das. Sein Pech: Er segelte mit einem Schutzbrief des englischen Königs Heinrich VII.

Nachdem jedoch vier Jahre zuvor Spanien und Portugal die gesamte, auch unentdeckte „Neue Welt“ mit dem Segen des Papstes unter sich aufgeteilt hatten, war seine Tat gewissermaßen ein Sündenfall, dem man konsequent die Kolumbus-Propaganda entgegenhielt. Erfolgreich, wie sich zeigen sollte.

 

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Giardia intestinalis. Klingt nach viel, ist aber nur ein Einzeller. © Kateryna Kon/Shutterstock.com

 

DAMALS
Es gibt fünf Reiche der Lebewesen.

HEUTE
Es ist alles sehr kompliziert.

Wie war das noch? Es gibt fünf Reiche der Lebewesen: Tiere, Pflanzen, Pilze. Dazu kommen zwei, die man gern vergisst: eukaryotische Einzeller und Prokaryoten, die Bakterien.

1977 bekamen dann noch ein paar spezielle Einzeller, die Archaeen, ein eigenes Reich. Doch dann ging es dank weiterer Analysen mit dem Klassifizieren erst richtig los. Ende des 20. Jahrhunderts führte man eine neue höchste Kategorie, die Domäne, ein. Davon gab es drei, Archaea, Bacteria und Eukarya. (Sind Sie noch da?).

Seit einigen Jahren gelten sieben Reiche als amtlich: Tiere, Pflanzen, Pilze, Protozoen, Chromista, Archaeen sowie Bakterien.

 

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Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 1/19.

 

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