Schwerpunkt: Orientierung

Franz Roth: Wie man Geografie spielerisch vermitteln kann

Der Geografielehrer Franz Roth hat Geografie-Lernspiele entwickelt. Im Gespräch erzählt der Vorarlberger, warum man dafür besser verrückt sein sollte und wie man lernschwache wie lernstarke Schüler/innen spielerisch fördert.

Florian Wörgötter - 16. Dezember 2021

MEHR! Bildungsmagazin Was jetzt | Geografie-Lernspiele | Franz Roth © Franz Roth

Kurz vor Weihnachten wollen wir eine Runde spielen: Der Geografielehrer Franz Roth hat uns erklärt, wie er seine Geografie-Lernspiele entwickelt hat. Früher hat er Länder-Puzzleteile aus Holz ausgesägt; heute werden sie online bewegt.

Seine ersten Geografie-Lernspiele hat Franz Roth noch aus Holz gebastelt. Damals hat der Vorarlberger Geografie- und Geschichtelehrer eine Europakarte mit einem Diaprojektor auf eine Holzplatte projiziert. Die Landesgrenzen hat er mit einem Stift nachgefahren, mit einer Laubsäge ausgeschnitten und selbst bemalt. Seine Schüler/innen haben dieses Europa-Puzzle innerhalb einer Schulstunde gemeinsam zusammengesetzt.

Das Prinzip des Puzzles nutzt Roth auch für seine digitalen Geografie-Lernspiele „Erde“, „Österreich“ und „Europäische Union & Euro“. Darin können Schüler/innen der Sekundarstufe I spielerisch topografisches Grundwissen erlernen. Aktuell finden Wiener Lehrende die Geografie-Lernspiele kostenlos im Bibliothekspädagogischen Zentrum der Stadt Wien – Büchereien. Im aktuellen WissenPlus stellen wir die Lernspiele im Detail vor.

Lernen muss Freude machen

Im ländlichen Raum des Bregenzerwaldes ist eine Mittelschule wie eine Gesamtschule, in der Schüler/innen mit unterschiedlichsten Lernniveaus zusammentreffen. In seinen 40 Berufsjahren als Mittelschullehrer war es Roth immer wichtig, den lernschwachen Schüler/innen Erfolge zu vermitteln und gleichzeitig die lernstarken Schüler/innen auch zu fördern. „Ein Lernspiel bietet die Möglichkeit, dass jede/r in ihrem/seinem Tempo arbeiten kann und auch alle freiwillig mitmachen – zuhause oder im Unterricht“, sagt Roth.

Das Wichtigste aber sei: „Unabhängig vom Lernniveau – das Spiel macht allen Spaß. Und Lernen muss Freude machen. Sonst bleibt der Stoff nicht nachhaltig hängen.“ Das Schöne für ihn sei, dass lernschwache Schüler/innen motiviert werden, wenn sie beim zweiten Versuch mehr Punkte erreichen als beim ersten.

„Es geht nicht darum, dass sie jede Hauptstadt Europas auswendig kennen müssen. Wenn sie jedoch den Namen der moldawischen Hauptstadt Chişinău in den Nachrichten hören, sollen sie wissen, wo Moldawien liegt.“

Das oberste Ziel seiner Spiele sei aber, ihnen ein grundlegendes Wissen zur Topografie zu vermitteln. „Es geht nicht darum, dass sie jede Hauptstadt Europas auswendig kennen müssen. Wenn sie jedoch den Namen der moldawischen Hauptstadt Chişinău in den Nachrichten hören, sollen sie wissen, wo Moldawien liegt“, sagt Roth. Denn erst, wenn sie zu den Orten der Weltkarte eine Beziehung aufbauen, würden sie bei Nachrichten genauer hinhören.

Ein Verrückter am Werk

Das erste seiner digitalen Geografie-Lernspiele („Erde“) hatte Roth im Jahr 2009 noch autodidaktisch am Computer mit Flash programmiert, stieß dabei aber bald an seine Grenzen. Über das Internet fand er den gleichgesinnten Programmierer Michael Albers aus Dortmund. Über Skype haben die beiden ihre Bildschirme geteilt und das Spiel gemeinsam weiterentwickelt.

So wuchs aus einer geplanten Europa-Karte eine Weltkarte mit fünf Kontinenten, auf der Schüler/innen interaktiv Staaten und ihre Hauptstädte zuordnen können sowie Zahlen zu Bevölkerung und Fläche finden.

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Im Lernspiel „Erde“ erkunden Schüler/innen spielerisch die Welt.

Beim ersten Spiel steckte Roth noch Mühen und Muse in die Sponsorensuche. Bald musste er erkennen, dass seine Zeit besser investiert ist, wenn er das Geld aus eigener Tasche beisteuert, da ihm das „Machen und Gestalten“ mehr Freude bereitet. „Eigentlich bin ich ein Verrückter. Denn finanziell haben sich die 1.000 Stunden am Computer nicht rentiert“, gesteht Roth. „Doch mein Antrieb war, dass ich sehen konnte, welche Freude die Schüler/innen beim Geografie-Lernspiel hatten“. Wenn ihn seine Schüler/innen nach dem Entwicklungsprozess fragen, dann vermittelt er ihnen seine wichtigste Lernerfahrung: „Wenn du ein Ziel vor Augen hast, wirst du immer einen Weg finden, dieses auch zu erreichen.“

Auch sein Programmierer Albers war dieser Überzeugung, daher haben die beiden zwei weitere Geografie-Lernspiele gemeinsam entwickelt. Im Spiel „Österreich“ können Schüler/innen Bundesländer und ihre Hauptstädte erraten, diese im Puzzle zusammenfügen und Flüsse, Seen und Berge in der Österreichkarte richtig zuordnen. Das Besondere ist, dass zu jedem Begriff ein aussagekräftiges Bild erscheint. Zudem können diese Bilder in drei Bilderreisen formatfüllend betrachtet werden.

Im Spiel „Europäische Union & Euro“ vermitteln Karten im Zeitraffer die Entstehungsgeschichte der Europäischen Union und welche Länder in welchem Jahr den Euro als Zahlungsmittel eingeführt haben.

Digitalisierung der Mathematik

Obwohl Franz Roth heute seine verdiente Pension im verschneiten Bregenzerwald genießen könnte, steckt er bereits knietief im nächsten „Wahnsinnsprojekt“. Eine ehemalige Mathematik-Kollegin hatte die Vision, den gesamten Mathematik-Schulstoff von der fünften bis zur achten Schulstufe mit Lernvideos, Übungsmaterial und Tests für den Computer digital aufzubereiten. Das Ziel dieses Projektes: dass auch jene Schüler/innen, die sich keine Nachhilfestunden leisten können, digital zu ihrer Lernhilfe kommen.

Roth musste sich nicht lange überreden lassen, obwohl auch hier sein Antrieb beinahe ehrenamtlich bleibt: „Wenn Schüler/innen etwas nicht können, muss die Frage sein: Wie können wir es ihnen dennoch beibringen? Wie können wir es schaffen, dass sie Vertrauen in sich selbst gewinnen?“, meint Roth. „Wenn sie aber feststellen, dass es Möglichkeiten gibt, mit denen sie trotzdem vorwärts kommen, dann sind wir glücklich.“

 

Weitere Infos zu den Geografie-Lernspielen und zur kostenlosen Anmeldung für Lehrende erfahren Sie im aktuellen WissenPlus.

 

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