Bildung und Beruf

Gewalt in der Schule: So reagiert man richtig

Wenn ein Konflikt im Klassenzimmer eskaliert, sind Lehrer meist unmittelbar betroffen – wie auch die Ereignisse an der HTL in Wien-Ottakring zeigen. Warum Pädagogen mit dem brisanten Thema nicht alleine sind, erklärt Lehrer-Coach Clemens Österreicher.

Von Manuela Tomic - 8. Mai 2019

 

Vor wenigen Tagen soll ein Lehrer der HTL Ottakring einen Schüler bespuckt haben. Der Schüler soll den Lehrer zuvor gemeinsam mit weiteren Schülern über längere Zeit aggressiv provoziert haben – bis die Situation eskalierte.

Es sind Fälle wie diese, die immer wieder in Medien auftauchen und aufhorchen lassen. Auch entsprechende Zahlen des Bildungsministeriums sorgten vergangenes Jahr für hitzige Debatten in Social-Media-Kanälen. So gab es im Schuljahr 2017/18 österreichweit rund 847 Anzeigen wegen Gewalt an Schulen.

Mehr als ein Drittel davon an Wiener Bildungseinrichtungen. Der Großteil der Anzeigen betraf laut den Angaben des Bildungsministeriums Handlungen gegen Leib und Leben, also zum Beispiel Körperverletzungen.

Doch wie können Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die Schulleitung bei körperlichen Übergriffen reagieren? Welche Präventivmaßnahmen gibt es? Und wo erhalten Lehrkräfte im Fall des Falles Hilfe?

Time-out-Klassen

Vor Ort, in den Schulen, ist das Thema bereits angekommen: Viele haben bereits Strategien entwickelt, um mit groben Konflikten umzugehen. So gibt es seit einigen Jahren so genannte „Time-out-Klassen“, also eine Art Erste-Hilfe-Klassen für Schüler, die gewalttätig oder verhaltensauffällig sind.

In diesen Gruppen werden sie für einige Zeit von speziellen Lehrern betreut. Neben Schulpsychologen arbeiten an vielen Schulen auch Sozialarbeiter mit den Jugendlichen. Aber wie kommt es überhaupt zu Gewaltdelikten an Schulen und was können Lehrer tun?

Hoher Druck bei Lehrern

„Jeder Schüler kommt mit seinem persönlichen emotionalen Päckchen in die Schule“, sagt Clemens Österreicher, Wirtschaftspädagoge und Lehrer-Coach, „und das kann der Schüler dann nicht einfach so in der Garderobe abstellen.“

Gleichzeitig werde aber von den Lehrerinnen und Lehrern immer mehr gefordert, sagt Österreicher. Diese sollen mittlerweile Elternersatz, Erzieher und pädagogisch immer auf dem neusten Stand sein, „und lehren sollen sie auch noch“, meint der 36-jährige Wiener. Trotzdem gebe es einige Tipps, die Lehrerinnen und Lehrer beachten können, um mit Gewalt an Schulen besser umzugehen.

Reflexion im Vordergrund

Schlägt eine Konfliktsituation etwa in körperliche Gewalt um, müssen Lehrer die jeweiligen Schüler natürlich sofort trennen. Aber das sei nur der erste Schritt. Danach gehe es darum, die Situation gemeinsam mit den Schülern anzusprechen und aufzuarbeiten.

Dabei sollte es um die Frage gehen, was diese Dynamik ausgelöst hat und welche Bedürfnisse der Beteiligten nicht erfüllt oder wahrgenommen wurden. Das erfordere vor allem Zeit – die viele Pädagogen in aller Regel nicht haben, das weiß auch Clemens Österreicher.

Gemeinsam Lösungen erarbeiten

Dennoch misst er diesen Reflexionsphasen einen sehr hohen Stellenwert in der Gewaltprävention bei. Schließlich könnten die Schüler nur dann erleben, dass ihre Emotion menschlich ist und man über Konflikte redet, bevor sie nicht mehr kontrollierbar sind.

Eine Möglichkeit, um einer Eskalation vorzubeugen, sei etwa das Diskutieren des Themas in  Rollenspielen. Dort könnten die Ursachen spielerisch analysiert und gemeinsam Lösungen erarbeitet werden. Soziales Verhalten werde „ausprobierbar“, nennt das Österreicher. Lehrern hingegen rät der Mediator, nicht aus ihrer Rolle zu fallen: „Auch in Konfliktsituationen sollten Pädagogen versuchen, authentisch zu bleiben.“

Keine Einzelkämpfer

Am wichtigsten sei es jedoch für Lehrerinnen und Lehrer, sich nicht als Einzelkämpfer zu sehen, sondern sich im Kollegium oder mit Schulpsychologen über die Herausforderungen im täglichen Unterricht auszutauschen. „So kommt es zu einer Entlastung des Lehrpersonals“, sagt Österreicher.

Ganz grundsätzlich steht für den Lehrer-Coach eines im Vordergrund: Konflikte sollten als Chance betrachtet und offen angesprochen werden. Und hier brauche es auch Ressourcen, die die Schulen bestmöglich dabei unterstützen.

 

Info

Das Bildungsministerium unterstützt die Initiative „Nationale Strategie zur schulischen Gewaltprävention“. Weitere Informationen des BMBWF gibt es hier. Lehrerinnen und Lehrer können sich an die Schulpsychologische Bildungsberatung oder an das Österreichische Zentrum für psychologische Gewaltprävention im Schulbereich (ÖZPGS) wenden.

 

Zur Person

Clemens Österreicher ist Wirtschafts- und Erlebnispädagoge, Mediator und Outdoortrainer in Wien. Der HTL-Absolvent hat Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität in Wien studiert und ist zertifizierter Coach bei der Österreichischen Vereinigung für Supervision und Coaching.

 

 

 

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.