Schwerpunkt: Orientierung

BMBWF: Wie sichert ein Gütesiegel die Qualität von Lern-Apps?

Das Bildungsministerium zertifiziert Lern-Apps ab jetzt mit einem staatlichen Gütesiegel. Wir haben uns angesehen, wie dieses Evaluierungsverfahren im Detail funktioniert und welche prüfende Rolle Sie als Lehrkraft dabei spielen können.

Florian Wörgötter - 23. September 2021

Bildungsmagazin Was jetzt | Gütesiegel Lern-Apps © OeAD

Das BMBWF zertifiziert nun Lern-Apps mit einem Gütesiegel. Doch wie funktioniert diese Evaluation? Wer bewertet die Qualität nach welchen Kriterien? Und können Sie das auch tun? Wir haben für Sie die Details recherchiert.

Eine der größten Herausforderungen im Homeschooling für Lehrende und Eltern war es, in den Weiten des Internets pädagogisch brauchbare Lern-Apps zu finden. Daher verleiht das Bildungsministerium im Rahmen seines 8-Punkte-Plans nun ein staatliches Gütesiegel, das alle „pädagogischen, funktionalen und schüler/innenorientierten“ Anforderungen an eine Lern-App garantieren soll. Die Finanzierung kommt von der Innovationsstiftung für Bildung; die operative Durchführung übernimmt der OeAD.

„Damit soll Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Erziehungsberechtigten Orientierung und Hilfestellung bei der Auswahl innovativer, bereits am Markt befindlicher Produkte gegeben werden“, beschreibt BMBWF-Sektionschefin Iris Rauskala den Zweck der Zertifizierung von Lern-Apps. Doch wie funktioniert dieses Zertifizierungsverfahren? Wer bewertet die Qualität einer Lern-App? Und welche Kriterien sind entscheidend? Wir haben es uns angesehen.

Was ist eine Lern-App?

Zuallererst muss eine Lern-App auch der Definition des OeAD entsprechen, um die erste Hürde der Online-Bewerbung zu meistern. Eine Lern-App sei „ein digitales Hilfsmittel, das in seiner Funktion das Lernen im Rahmen des schulischen Unterrichts und eigenverantwortliches, interessengeleitetes Lernen unterstützt, indem Schüler/innen mithilfe mobiler Endgeräte wie Smartphones oder Tablets zeit- und ortsunabhängig Lerninhalte u.a. erarbeiten, üben, vertiefen, wiederholen, strukturieren bzw. anwenden und eigene Interessensgebiete verfolgen können“.

Außerdem muss eine Lern-App DSGVO-konform sein, darf keine Werbung enthalten und soll sowohl für iOS als auch für Android entwickelt worden sein. Was sie nicht sein darf: eine Organisations-App (Kalender, To-do-Liste), ein Nachschlagewerk (Formelsammlung, Wörterbuch) oder eine App zur Gestaltung der Lernumgebung.

Zertifizierung und Evaluation

Wenn eine Lern-App diesen Kriterien entspricht, durchläuft sie ein standardisiertes Evaluierungs- und Zertifizierungsverfahren. Die Innovationsstiftung für Bildung (ISB) hat in Kooperation mit dem BMBWF den OeAD mit der Entwicklung und Durchführung dieses Verfahrens beauftragt. Die „Referenzstelle für Qualität in der Allgemein- und Berufsbildung“ (RQB) sucht, schult und betreut den Pool an Evaluatoren und Evaluatorinnen: die Lehrenden. Eine Gruppe von Expertinnen und Experten aus den Bereichen Schule, Medienpädagogik und Lernen mit digitalen Bildungsmedien berät bei der Weiterentwicklung des Zertifizierungsverfahrens.

Der konkrete Ablauf: In einem Peer-Review-Verfahren wird jede App von drei Lehrenden im Unterricht getestet. Interessierte Lehrende sind eingeladen, sich über dieses Online-Formular zu bewerben. Voraussetzung: Sie unterrichten aktiv an der Sekundarstufe einer österreichischen Schule, haben digitale Lehr- und Lerntechnologien bereits im schulischen Unterricht eingesetzt – und: Sie sind hinsichtlich der zu bewertenden App „unabhängig und unbefangen“.

Ihre Aufgabe: Nach 45-minütigem Online-Training zu Kriterien und Modi verwenden sie die App gemeinsam mit ihrer Schulklasse. Anschließend bewerten die Lehrenden die App anhand eines Kriterienkatalogs hinsichtlich des pädagogisch-didaktischen Konzepts, der Rolle der Lehrperson, der Funktionalität und der medialen Gestaltung.

Kriterien der pädagogischen Qualität

Hier einige Beispiele aus dem Kriterienkatalog:

Pädagogisch-didaktisches Konzept: Gehen die Lernziele über die Reproduktion von Wissen hinaus? Fördert die App Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken? Sind ihre Inhalte fachlich korrekt und passen zum Curriculum?

Funktionalität und mediale Gestaltung: Gibt die App Orientierung zum Lernfortschritt? Ist sie benutzerfreundlich und intuitiv nutzbar? Bietet sie Aufgaben und Tempi für unterschiedliche Lernniveaus?

Schüler/innenorientierung: Werden die Inhalte sprachlich leicht verstanden? Sind das automatische Feedback und die „erreichten Punkte“ für die Lernenden verwertbar? Können sich Schüler/innen beim Lernen vernetzen und sich mit den Inhalten interaktiv auseinandersetzen?

Rolle der Lehrperson: Kann die Lehrperson die Aufgabenformate erstellen und mit eigenen Inhalten befüllen? Erlaubt die App eine individuelle Lernfortschrittskontrolle? Kann die Lehrperson über die App personalisiertes Feedback geben?

Weiters fließen auch das Einsatzszenario (Hausübung, Unterricht, Wiederholung, Vorbereitung) und ein Online-Feedback der Schüler/innen in den Evaluationsprozess.

Erste zertifizierte Lern-Apps

Nach einer ersten Pilotphase haben bereits sieben App-Entwickler das Zertifizierungsverfahren durchlaufen und erhalten nun vom BMBWF das Gütesiegel für zwei Jahre. Darunter: die Deutsch-App „Anton“, die Französisch-App „eSquirrel“, die Rechnungswesen-App „Buchungs-Stars HAK“, die Geografie-App „Wo liegt das? Kids“ oder die Mathematik-App „GeoGebra Rechner Suite“. Alle zertifizierten Apps werden auf dieser Webseite gelistet.

Bis zum 15. Oktober haben weitere Entwickler/innen die Chance, ihre Lern-Apps ab der 5. Schulstufe beim OeAD einzureichen.

Hier finden interessierte Lehrende weitere Informationen zur Bewerbung als Evaluatorinnen/Evaluatoren.

Mehr zum Thema Beruf und Bildung: 

Neuer Schwerpunkt: Orientierung in Schule, Beruf und der Welt
„Wir entwickeln Schule“: So klappt die Förderung von Schulprojekten
Citizen Science Award: Wie Schulklassen das Forschen lernen
Fluchtpunkte: So lernt man den Nahostkonflikt im Unterricht verstehen
Studium mit Zukunft: Erneuerbare Energien aktiv gestalten
DemokratieWEBstatt: Politik zum Ausprobieren für Schulen
Wie prügeln sich Politiker/innen? Das Magazin Katapult antwortet in Karten
Fritz Plasser über die Ära Trump: „Durch die Bank ein Regelverstoß“
Was Lehrkräfte von HipHop über die Gesellschaft lernen
Peter Filzmaier: Einen Wahlkampf im Unterricht analysieren
Leo Hemetsberger: „Im Internet gibt es keine Privatsphäre“
Die Allianz Bildungsmedien Österreich will die digitale Schule mitgestalten
Kartographie als Berufung: Zum Gedenken an Moshe Brawer
ÖH-Vorsitzende Sabine Hanger: „Die UG-Novelle ist kein Weihnachtsgeschenk“
Literaturtipp: Die Geschichte der Berufsbildung in Österreich
HTLs in Kärnten: Wie smart ist eine Smart Learning Klasse?
Anton Bucher zum Ethikunterricht: „Nicht ethisch sein geht nicht“
Business Intelligence: Goldwaschen in der Informationsflut
VfGH-Präsident Grabenwarter über „Verfassung macht Schule“
Tinkering: Tüfteln zwischen Technik, Physik und Kunst
More Than Bytes: Kunst, Kultur und digitale Medien im Unterricht
Interview mit Kabarett-Lehrer Andreas Ferner