Schwerpunkt: Medienkompetenz

Was Lehrkräfte von Hip-Hop über die Gesellschaft lernen

Hip-Hop ist die bedeutendste Jugendkultur unserer Zeit. Lehrer und Musiker Peter Jeidler aka P.tah erklärt, warum Lehrende über Rap-Texte die Gesellschaft verstehen lernen und wie vielseitig Hip-Hop im Unterricht einsetzbar ist.

Florian Wörgötter - 26. November 2020

MEHR_wasjetzt Hip-Hop Peter "P.Tah" Jeidler © Mike Lima

Peter Jeidler aka P.tah führt ein Doppelleben als Kunstlehrer und Hip-Hop-Musiker. Im Interview erzählt er, was Lehrende von Hip-Hop lernen können.

Hip-Hop hat sich von der Subkultur aus der Bronx zum weltweiten Massenphänomen hochgekämpft. Heute streamen Jugendliche rund um den Globus die Musik und sind ihren Protagonisten und Protagonistinnen über soziale Medien näher als jemals zuvor. Auch die Jugend in Österreich hört Acts wie RAF Camora, der die Top 15 der Charts mit 14 Songs seines Albums sprengte.

Der in Wien lebende Peter Jeidler aka P.tah zählt zu Österreichs talentiertesten Sprachkünstlern. Der Lyricist/DJ/Produzent/Veranstalter/Labelbetreiber bringt seine Texte aber in Einklang mit seiner beruflichen Verantwortung. Denn bei Tageslicht ist Peter Jeidler Kunstlehrer an der AHS Sperlgasse im zweiten Wiener Gemeindebzirk.

Im Interview erzählt er von seinem Doppelleben, wie sich Lehrende mit Hip-Hop in fremde soziale Gefüge einfühlen können und welche Musiker/innen auch ihnen gefallen könnten.

Was jetzt: P.tah, wissen deine Schüler/innen, dass du einer der begabtesten Rapper des Landes bist und andere junge Menschen für deine „Vorträge“ bezahlen?

Peter Jeidler aka P.tah: (Lacht) So sehen sie es auf keinen Fall. Entweder sie finden es cool, dass ich Musik mache und kommen auch auf mein Konzert beim Donauinselfest. Oder sie empfinden es als seltsam, weil Autoritäten – geschweige denn Lehrer/innen – eigentlich keinen Rap machen. Dann kommt die Frage, warum ich als Lehrer arbeite, wenn ich auf Spotify bin und man mich auf Radio FM4 hören kann.

Im Gegensatz zum Mainstream-Rap sind deine Inhalte durchgehend jugendfrei.

Zumindest habe ich noch keine Beschwerden von Eltern und keinen bösen Brief vom Stadtschulrat bekommen. Ich habe es aber auch nie drauf angelegt, mit provokanten Zeilen mehr Aufmerksamkeit beim Deutschrap-Publikum zu erzielen. Mir war immer bewusst, dass solche Zeilen es unvereinbar machen, dass ich meinen Unterricht richtig mache – ohne mich aber künstlerisch einzuschränken zu müssen.

Außerdem habe ich eine politische Überzeugung, die mich nicht darüber nachdenken lässt, ob ich Sexistisches, Anzügliches oder Drogenverherrlichendes in meinen Texten sage.

Was fasziniert die Jugend an Hip-Hop, dass er sich von einer Nische zur beliebtesten Jugendkultur entfalten konnte?

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass die Hauptzielgruppe des kommerziell erfolgreichen deutschen Raps vor allem die Unterstufe ist. In der Oberstufe verliert sich diese Begeisterung meiner Ansicht nach ein wenig. Diese extrem junge Zielgruppe ist fasziniert von Filmen über Gewalt und Drogen. Genauso fasziniert sie jemand, der aus der Ich-Perspektive über diese Themen redet. Man wird eins mit der Person und erlebt indirekt, was sie erlebt. Für die meisten ist das auch ein Kontrastprogramm zu dem, was sie zu Hause erleben.

„Wer Hip-Hop verstehen will, muss sich in Menschen einfühlen, die außerhalb des eigenen sozialen Gefüges aufgewachsen sind.“

Man muss aber auch dazusagen, dass die erfolgreichen Künstler wie RAF Camora und Bonez MC heute auf dem Präsentierteller vorgesetzt werden, ohne dass man danach suchen muss. In den Neunzigern mussten wir noch aktiv in Magazinen oder Radiosendungen wie FM4 Tribe Vibes das Neueste aufspüren. Heute sind Social Media, gängige Spotify-Playlists und YouTube-Kanäle das, was früher die Top 40-Charts oder MTV waren.

Hip-Hop hat mehr Spielarten als den kommerziell erfolgreichen Straßenrap. Welche Differenzierungen sollten Lehrende kennen?

Wie in allen Musikrichtungen gibt es experimentellere Zugänge, politisch fordernde Zugänge oder komplett oberflächliche Zugänge, die aber genauso Spaß machen können. Man muss einfach genau hinhören, wann ein Text übermäßig frauenfeindlich, drogenverherrlichend wird – dann wird er für Jugendliche nicht empfehlenswert sein.

Allerdings sind wir als Lehrende nicht in der Lage, der Jugend zu erklären, was „leiwand“ ist. Weil die Jugend entscheidet selbst, was sie hören will. Und mit 13 Jahren kann einem Musik die Welt eröffnen.

Hip-Hop hat gerade unter Pädagogen und Pädagoginnen keinen besonders guten Ruf. Wie überzeugst du Kollegen und Kolleginnen vom Gegenteil?

Ich weiß nicht, ob der Ruf von Hip-Hop gerettet werden möchte. Einerseits ist es total schrecklich, wenn Kids sich ein Beispiel an oberflächlichen, aufgesetzten und auf Provokation gebürsteten Aussagen nehmen. Andererseits würdigt auch das Feuilleton Alben wie jene des Rappers Haftbefehl, weil sie musikalisch großartig sind.

Das Ding ist: Wer Hip-Hop verstehen will, muss sich in Menschen einfühlen, die außerhalb des eigenen sozialen Gefüges aufgewachsen sind. Diese Empathie sollte ein wichtiger Teil des Lehrer/innen-Daseins sein: Wir müssen uns reinfühlen können in Haushalte außerhalb der Bildungsschicht, wo Geschwister auf engstem Raum ein Zimmer teilen und die Eltern nur abends zu Hause sind, weil sie tagsüber arbeiten.

Wer einen unangenehmen Rap-Text über Drogen oder Beschaffungskriminalität hört, muss sich bewusst sein, dass diese Themen auch real existieren. Sich damit auseinanderzusetzen, schadet niemandem.

Was hast du persönlich von Rap gelernt?

Lange bevor die Welt über George Floyd gesprochen hat, hat mir amerikanischer Rap die politischen Machstrukturen und die rassistische Systematik in den USA offengelegt. Seit Künstlern und Künstlerinnen wie Dead Prez, The Roots und Erykah Badu können wir uns in die Lebenswelt der Afroamerikaner/innen hineinfühlen. Ähnliche Verhältnisse herrschen auch in Frankreich. Und in Berlin existieren rassistische Vorfälle gegenüber Zuwanderern und Zuwanderinnen aus dem mittleren Osten oder dem arabischen Raum. Hip-Hop hat hier seine Rechtfertigung.

Außerdem ist es doch wunderschön, wenn die Texte eines Haftbefehls in ihrem Gemisch aus schlechtem Deutsch und anderen Sprachen von deutschen Jugendlichen nachgesungen werden. Hip-Hop ist deswegen super, weil er eben nicht der schönen Wortwahl eines geschliffenen Radiosongs entspricht. Und es ist wichtig, dass die Sprache so sein kann wie sie nun mal ist, sonst würde man die Augen vor der Lebenswirklichkeit der Menschen verschließen.

Wie können Lehrende im Unterricht mit Hip-Hop die Gesellschaft erklären?

In allen Sprachen dieser Welt gibt es pädagogisch wertvolle Rap-Texte mit überzeugendem roten Faden oder inspirierenden Geschichten. Im Deutschunterricht oder in Philosophie können Lehrende mit Jugendlichen über Alltagspoesie oder Lyrik sprechen. Oder sie diskutieren politische Themen wie Marginalisierung oder Frauenfeindlichkeit.

Bei der Analyse eines Musikvideos kann man auf Ästhetik eingehen: Welche Bildsprache vermitteln Kamera und Schnitt? Welcher Storyline folgt das Drehbuch? Warum ist der Inhalt anstößig? Warum nicht?

Auch das Tanzen spielt eine große Rolle und kann analysiert werden, wenn es um Sport und Bewegung geht. Hip-Hop-Dance ist das größte Tanzphänomen unserer Zeit. Die riesige Community ist weltweit vernetzt, wächst immens schnell und lädt 15-sekündige Videos auf TikTok.

Wie kann man Schüler/innen mit Hip-Hop für Sexismus sensibilisieren?

Entweder zeigt man bewusst jene Beispiele von Selbstermächtigungssongs von Frauen für Frauen. Oder man begibt sich in die Untiefen der männlichen Phantasien und überführt jedes ihrer Worte als unrichtig und politisch vergiftend. Ich persönlich würde positive Beispiele zeigen, um dem Negativen weniger Aufmerksamkeit zu geben.

Wie sollen Lehrende reagieren, wenn Schüler/innen abwertende Ansichten eines Rap-Songs vertreten?

Wenn mir Schüler/innen Songs mit sexistischen Inhalten empfehlen, versuch ich sehr ernst zu erklären, warum ich das nicht feiern kann. Ich spreche die Burschen dann auf die eigene Mama oder Schwester an – oder wie im Fall eines Songs über Sex ohne Kondom auf Geschlechtskrankheiten, was es bedeutet, ein Kind in die Welt zu setzen und sich nicht darum zu kümmern. Wenn die Kids einigermaßen bei Sinnen sind, sagen sie: „Ja eh, Herr Professor“.

Man muss aber feststellen, dass sowohl bei erwachsenen und jugendlichen Hörern viel entschuldigt wird, wenn es um Anti-Feminismus und Frauenfeindlichkeit geht. Dann fallen Sätze wie „Das ist ja nicht ernst gemeint“ oder „Das ist die Kunstfreiheit des Battleraps“. Bei Rassismen hingegen wird sehr schnell allergisch reagiert, weil sich rumgesprochen hat, dass Rap aus einer oralen afrikanischen Kultur heraus entstanden ist. Ich habe auch ein Problem damit, in derselben Kultur zu stehen.

Rapper überzeichnen ihr Image oftmals wie Actionfiguren in einem Blockbuster. Die Inszenierung setzt sich auch auf Instagram, YouTube und Twitter fort. Wie zeigt man Schüler/innen, dass sie zwischen Kunstfigur und Mensch unterscheiden lernen?

Ich muss gestehen, dass ich selbst als 40-Jähriger nicht immer eindeutig erkenne, ob Rapper/innen eine Rolle verkörpern oder ob sie authentisch sind. Bei erfolgreichen Deutsch-Rappern wie Kollegah oder RAF Camora lässt sich erahnen, warum sie immer wieder von Marihuana oder Kokain reden. Diese Schlagworte interessieren Jugendliche, denen sie ihre Musik verkaufen wollen. Und dann gibt es Rapper/innen, die jene Kriminalität, über die sie schreiben, auch leben.

Was beobachtest du bei deinen Schüler/innen, wenn sie Hip-Hop auf Social Media verfolgen?

Ich weiß, dass Rapper/innen in sozialen Medien sehr aktiv sind und Burschen wie Mädchen sie hören. Vor ein, zwei Jahren war Capital Bra extrem präsent, weil er alle zwei Wochen einen neuen Song promotet hat. Der bietet nicht gerade einen intellektuellen Wortschatz, ist aber ein wichtiger Teil für viele Jugendliche.

Ich glaube, dass gerade im deutschen Sprachraum für uns interessant ist, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Hörern und Hörerinnen mit Migrationshintergrund und Rappern und Rapperinnen aus dem ehemaligen jugoslawischen Sprachraum, dem arabischen Raum und der türkischen Community. Marginalisierte Gruppen oder auch solche, die sich weder als Österreicher/innen, Kroaten/Kroatinnen oder Türken/Türkinnen sehen, suchen im Rap ihre Identität.

Abschließend: Wie sollten Lehrende den Einfluss von Hip-Hop einordnen?

Lehrende müssen sich bewusst machen, dass Hip-Hop-Stücke ein Lebensgefühl einfangen. Sie verkörpern für Kids eine Coolness, an die kaum etwas rankommt. Das ist vergleichbar mit eingängigen Computerspielen, die man immer wieder spielen kann, oder mit TV-Serien, die man nicht aufhören kann zu schauen.

Ein unbekümmerter Zugang für Erwachsene wäre aber nicht schlecht. Denn erfolgreiche Rap-Projekte überleben nicht besonders lange. Das liegt auch an der ständigen Verfügbarkeit der Musik und dem Wandel der Musikindustrie weg von langen, groß inszenierten Alben hin zu kurzfristig veröffentlichten 2-Minuten-Songs. Die Aufmerksamkeitsspanne der Kids ist dementsprechend kurz. Der jugendliche Geist greift schnell etwas auf, lässt es aber ebenso schnell wieder fallen.

Dein persönlicher Musik-Tipp: Welche Namen sollten Pädagogen und Pädagoginnen sich anhören?

Fatoni ist ein deutscher Lyricist wie er im Buche steht. Ein extrem sarkastischer, witziger Schreiber, der Geschichten mit moderner Musik erzählen kann, politische Messages vermittelt, aber auch Battle-Rap beherrscht.

Ich bin ein Riesenfan des Briten Ghetts, einem der begnadetsten Lyriker überhaupt. Der hat schon lange nichts mehr mit Drogen zu tun, weil er aber die Straße geatmet hat, vermittelt er Know-how, das man nicht in der Schule lernt.

Und der Brite Slow Thai sagt gescheite Sachen und ist vor allem musikalisch interessant.

Und welche Female MCs empfiehlst du?

Die Deutsche Sookee hat sehr gute Texte, die sich gegen Sexismus und Faschismus richten. Auch die Österreicherin Hunney Pimp ist eine besonders musikalische Rapperin mit schönen Wortspielereien. Unglaublich talentiert ist auch die Britin Little Simz mit einer Wahnsinnsstimme und einer breiten Themenvielfalt.

 

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