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Berufsbildung in Japan: Die Macht der Konzerne

Wer sich am japanischen Arbeitsmarkt durchsetzen möchte, muss gefragt sein. Warum die Identifikation mit dem Unternehmen so wichtig ist, lesen Sie im fünften Teil unseres International-Schwerpunkts.

Von Manuela Tomic - 10. Oktober 2018

 

Japans Industrie boomt. 2017 schaffte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt das größte Wachstum seit Jahren. Trotz der guten wirtschaftlichen Lage und einer Arbeitslosenquote von nur etwa 2,2 Prozent muss sich die asiatische Wirtschaftsgroßmacht einer Herausforderung stellen, mit der so gut wie alle Industrienationen zu kämpfen haben: dem drohenden Fachkräftemangel.

Bis 2025 sollen Japan laut Einschätzungen der Regierung eine halbe Million Beschäftigte fehlen. Das würde vorwiegend Bereiche wie die Krankenpflege, die Landwirtschaft, den Bau oder das Hotelgewerbe treffen.

Dem arbeitet die Regierung nun entgegen, indem sie die Einreisebedingungen für ausländische Fachkräfte erleichtern möchte.

Neue Berufsbildungszentren

Für inländische Schüler soll die Berufsausbildung ebenso wieder attraktiver werden. Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren neue Berufsbildungszentren geschaffen, die Schüler aus- und weiterbilden und eine größere Altersspanne abdecken.

Zentrales Element ist, ganz nach deutschem Vorbild, das schulische Lernen mit praktischer Erfahrung zu verknüpfen. Auch älteren Auszubildenden soll so der Wiedereinstieg ins System gelingen.

Ganz generell ist das japanische berufsbildende System für Europäer aber vor allem eines: genauso exotisch wie das Land selbst.

 

Das Alleinstellungsmerkmal

Bei der Ausbildung der Arbeitskräfte haben in Japan die Unternehmen das Sagen. Egal, ob man sich bereits im Sekundarbereich für eine Fachoberschule entscheidet oder nach einem fachspezifischen Hochschulstudium zu einem Unternehmen kommt: die Identifikation mit dem Arbeitgeber steht an erster Stelle.

Die Lehrinhalte spielen dabei zwar auch eine wichtige Rolle. Mindestens genauso entscheidend ist es jedoch, spezifisch für das jeweilige Unternehmen ausgebildet zu werden und sich in die Unternehmenskultur bestens einzugliedern.

Qualifikation hängt vom Unternehmen ab

Im Gegenzug bringen sich Unternehmen in Japan viel stärker in den Ausbildungsprozess ein als hierzulande. In Japan existiert zudem kein flächendeckendes Berufsbildungssystem wie in Österreich oder Deutschland.

Ein einheitliches Berufsprofil mit entsprechenden Standards und Kompetenzzielen gibt es in Japan in dem Sinne nicht. Die Qualifikation der Fachkräfte orientiert sich an der Leitidee, dass ein Beruf im Betrieb und damit in der Praxis erlernt werden soll.

Kernbelegschaft, Randbelegschaft

In größeren japanischen Unternehmen gehören etwa 40 Prozent der Arbeiter und Angestellten zur sogenannten Kernbelegschaft, alle anderen zur Randbelegschaft. Das Ziel der meisten Mitarbeiter und Lehrlinge ist es, in die Gruppe der Kernbelegschaft aufgenommen zu werden.

Damit ist der Arbeitnehmer gewissermaßen Teil einer Familie. An deren Spitze steht das Unternehmen, auf japanisch „Kaisha“, das sich fortan nicht nur um alle arbeitsrelevanten Belange kümmert, sondern auch Teil des Privatlebens wird.

Die Identifikation mit der „Kaisha“ ist folglich hoch. Ebenso im Mittelpunkt steht ein ausgeprägter Leistungsgedanke, der von früher Kindheit an Erziehung und Ausbildung bestimmte.

 

Das Schulsystem

Bildung genießt in Japan einen hohen Stellenwert. Immer wieder erreichen japanische Schüler in internationalen Vergleichen wie zum Beispiel dem PISA-Test, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern die vorderen Ränge.

Das kommt nicht von ungefähr, denn die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind maßgeblich für ihre gesamte künftige Karriere. Die Schulpflicht dauert neun Jahre und gliedert sich in eine sechsjährige Grundschule, gefolgt von der dreijährigen Mittelschule.

Danach können die Schüler aus unterschiedlichen Schulformen wählen. Dabei dreht sich jedoch alles um das Bestehen der Aufnahmeprüfungen, die es in jeder weiterführenden Schule zu absolvieren gilt.

Verschiedene Schultypen

Eine klassische Matura, wie wir sie hierzulande kennen, gibt es in Japan nicht. Die Sekundarstufe II ist dabei in zwei Bereiche aufgeteilt: den allgemeinbildenden Bereich (reguläre Oberschule) und den fachlich spezialisierten Bereich (Fachoberschule).

Da immer mehr Schüler danach vermehrt in den tertiären Bereich wechseln und sich für ein Studium entscheiden, haben die fachlich spezifischen Oberschulen in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren.

 

Der Experten-Check

„Japan ist ein äußerst interessantes Land für die Qualifizierung von Auszubildenden“, sagt Felix Rauner von der Universität Bremen. „Fragt man in Japan einen Lehrling, was er macht, sagt er zuerst ‚Ich bin bei Toyota’ und dann kommt erst der Beruf“, erklärt Rauner.

„Schulen kooperieren mit Unternehmen“

Der Übergang von der Schule in das Unternehmen ist bei Fachoberschulen oder auch bei fachspezifischen Hochschulen im tertiären Bereich genau geregelt. Dabei kooperieren die Schulen eng mit den Unternehmen und stellen sicher, dass der Übergang reibungslos abläuft.

Jedoch entscheidet erst der Werdegang, den man im Unternehmen macht, darüber, ob man in die Kern- oder in die Randbelegschaft kommt. Wer sein Studium an einer Elite-Hochschule absolviert hat, wird sich bei der Jobsuche leichter tun.

„Die Freiheiten sind in diese Fall enorm, jedoch ist es unheimlich schwierig, überhaupt in so eine renommierte Einrichtung zu kommen“, sagt der Bildungsexperte.

 

Das sagt Hikaru Tsuchikawa

Der 20-jährige Hikaru Tsuchikawa ist Skill-Trainee bei „Mitsubishi Fuso Truck and Bus Corporation“. „Ich habe mich schon immer für Fahrzeuge interessiert und wie diese gebaut werden“, sagt Tsuchikawa, der bei Fuso gerade sein erstes Ausbildungsjahr absolviert.

Zu Beginn der Ausbildung zu lernen, die einzelnen Bauteile zu montieren, sei eine besonders spannende Erfahrung gewesen. „Gemeinsam werde ich mit anderen Trainees ausgebildet“, sagt Tsuchikawa, „das gefällt mir richtig gut, weil wir zusammen ein Team bilden und gemeinsam an unseren Aufgaben wachsen“.

Dabei lernen sie vor allem zwei Dinge, sagt Tsuchikawa: „die Bedeutung und den Sinn der Arbeit und die persönlichen technischen Fertigkeiten mit jedem weiteren Training weiter zu verbessern.“

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.