Studium und Beruf

Die Wirtschaftskammer gibt Bewerbungstipps für die Jobsuche während Corona

Corona hat den Arbeitsmarkt für junge Menschen beschränkt. Heidi Blaschek von der Wirtschaftskammer Wien erklärt, welche Branchen dennoch Maturantinnen und Maturanten suchen und mit welchen Bewerbungstipps sie ihren Job finden.

Florian Wörgötter - 9. April 2021

MEHR_wasjetzt_Heidi Blaschek Jobsuche während Corona ©Foto Weinwurm

Sorgen sich Ihre Schüler/innen, ob sie nach der Matura einen Job finden? Vielleicht helfen ihnen die Bewerbungstipps von Heidi Blaschek von der Wirtschaftskammer Wien.

Rund 40.000 Schüler/innen beenden die Schule dieses Jahr mit der Matura. Die Zeiten für einen sicheren Berufseinstieg waren schon rosiger, doch mit der richtigen Strategie werden auch sie bei der Jobsuche während Corona fündig. Heidi Blaschek von der Wirtschaftskammer Wien gibt hier die richtigen Tipps für die Bewerbung.

Blaschek ist Bundesvorsitzende der Personaldienstleister und Fachgruppenobfrau der gewerblichen Dienstleister Wien. Als Geschäftsführerin von DIE JOB SCHNEIDER verkuppelt sie auch Bewerber/innen mit Unternehmen. Im Gespräch erklärt Blaschek, wie Maturantinnen und Maturanten ein Online-Vorstellungsgespräch (nicht) meistern und welche Branchen nach wie vor nach ihnen suchen.

Was jetzt: Frau Blaschek, wie sieht aktuell die Lage für Maturierende aus, dass sie einen Job finden können? Wie sehr hat COVID-19 die Jobsuche für junge Menschen verschlechtert?

Heidi Blaschek: Das hängt von der Branche ab, in der man sucht. Natürlich haben sich die Perspektiven in der Gastronomie massiv verschlechtert. Das betrifft auch Schüler/innen, die ihre Fachpraktika im Sommer machen müssen. In mathematisch, technischen Berufen hingegen sollte man unverändert ein Praktikum bekommen.

Welche Jobs empfehlen Sie als aussichtsreich für Schulabgänger/innen?

Mit Sicherheit werden Arbeitskräfte gesucht im Lebensmittelhandel, in der Pharmaindustrie, Verpackung und allem, was mit Digitalisierung zu tun hat. Dort werden Arbeitskräfte auch schwer gefunden.

„Absolventinnen und Absolventen von HAK und HTL sind weiterhin sehr gefragt.“

Ich glaube auch, dass trotz der Krise die Top-Mängelberufe wie etwa Koch/Köchin und Tischler/in wieder nachgefragt werden. Auch Wachstumsbranchen wie Lager, Logistik und Speditionen suchen Mitarbeiter/innen. Absolventinnen und Absolventen von HAK und HTL sind weiterhin sehr gefragt. Die Kurzarbeit lähmt den Arbeitsmarkt aber derzeit.

Wenn Unternehmen die Kurzarbeit beenden müssen und Unternehmenszuschüsse vom Bund wegfallen, droht die längst fällige Insolvenz-Welle. Viele in Kurzarbeit werden dann endgültig ihre Jobs verlieren. Wie können BHS-Jugendliche – ohne Berufserfahrung – auf diesem Arbeitsmarkt durchstarten?

Betriebe suchen neben erfahrenen Arbeitskräften immer auch junge Arbeitskräfte. So bleibt das Generationen-Gleichgewicht hergestellt, wenn die Älteren in Pension gehen. Oftmals bringen junge Menschen gefragte Erfahrungen automatisch mit, wie etwa mit der Digitalisierung oder mit Social Media. Ältere Generationen müssen sie sich erst mühevoll aneignen.

Wie hat COVID-19 das Bewerbungsverfahren verändert?

Viele Bewerbungsgespräche finden heute online statt. Eine Online-Bewerbung lässt sich rascher durchführen – das betrifft die Einreichung der Unterlagen, aber auch die Terminfindung. Die Erstgespräche werden großteils online via Skype, Microsoft Teams, Zoom oder auch WhatsApp abgehalten.

Bringen Online-Vorstellungsgespräche auch Nachteile für die Bewerber/innen?

Ich bemerke erstaunlicherweise überhaupt keinen Qualitätsverlust. Ich habe erlebt, dass man Menschen auch über digitale Medien sehr gut einschätzen kann. Die meisten Bewerber/innen scheinen sich sogar wohlerzufühlen, weil sie sich besser auf das Gespräch vorbereiten können.

„Noch sind Online-Job-Interviews neu. In einem halben Jahr wird auch hier eine gewisse Etikette erwartet.“

Noch sind Online-Job-Interviews neu. Noch wird es  verziehen, wenn die Mutter durchs Bild läuft. Doch diese Formate bleiben wohl erhalten und in einem halben Jahr wird auch hier eine gewisse Etikette erwartet werden.

Wie bereitet man sich auf ein Online-Vorstellungsgespräch vor?

Man sollte einen ruhigen Ort suchen, an dem das Licht von der Seite einfällt und nicht von vorne oder von hinten. Auch der Hintergrund sollte ruhig sein und nicht vom Gespräch ablenken. Man kann diesen auch mit technischen Mitteln unscharf stellen. Am besten testet man die Gesprächssituation vorher mit Freunden.

Sollte man im Matura-Anzug vor dem Bildschirm sitzen?

Nein, das ist heutzutage nicht mehr wichtig. Was zählt, ist ein gepflegtes Auftreten – auch für einen selbst, denn die passende Kleidung bringt dich in Stimmung für ein Bewerbungsgespräch. Trägt jemand jedoch Anzug oder Kostüm, vermittelt das besondere Bemühung und Ernsthaftigkeit.

Worauf sollte man während des Online-Gesprächs achten? Was sollte man unbedingt vermeiden?

Sowohl online wie offline gilt: Recherchiere vorab über das Unternehmen und lasse das ins Gespräch einfließen. Zum Beispiel: „Ich habe auf Ihrer Webseite gesehen, dass Sie ein Familienunternehmen sind, und das gefällt mir besonders, weil …“

Besonders wichtig ist auch, den Generationenkonflikt zu beachten: Die Generation der Arbeitgeber/innen hat in der Regel noch ganz andere Wertvorstellungen von Arbeit als die Jugend von heute. Während sich die Älteren praktisch für die Arbeit aufgeben, haben die Jungen an deren Burn-out erkannt, dass ihnen eine ausgeglichene Work-Life-Balance wichtiger ist. Daher suchen viele auch eine Teilzeitarbeit mit mehr Freizeit.

In Bewerbungsgesprächen äußert sich das oftmals in einer saloppen, respektlosen Haltung gegenüber dem Job. Egal ob Praktikum oder Vollzeitjob: Unternehmen suchen Leute, die motiviert für den Job sind, die sich für den Betrieb einsetzen wollen, denen die Materie Spaß macht und die auch den nötigen Respekt mitbringen. Manchmal verbirgt sich hinter dieser Lockerheit aber auch nur ihre Nervosität.

Was empfehlen Sie jungen Menschen bei Nervosität?

Nervosität ist nichts Schlechtes, denn sie zeigt, dass das Gespräch sehr wichtig für eine/n ist. Am besten spricht man sie offen an, dass man sich gut vorbereitet hat und sich von seiner besten Seite zeigen möchte. Recruiter/innen wollen einen ja nicht zu Tode prüfen, sondern abholen.

„Nervosität ist nichts Schlechtes, denn sie zeigt, dass das Gespräch sehr wichtig für eine/n ist.“

Ein sehr guter Tipp ist auch, sich das Bewerbungsgespräch im Rücklauf vorzustellen. Also man visualisiert das zufriedene Gefühl, wenn man seinen Eltern berichtet, dass das Gespräch gut gelaufen ist; wie man die Interviewer/innen freundlich verabschiedet – und nicht, was man in 10 Minuten noch alles vor sich hat.

Wie hebt man denn seine Stärken am besten hervor?

Man sollte im Vorfeld folgende drei Fragen für sich beantworten können: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Idealerweise bewirbt man sich für einen Job, der diese Fähigkeiten und Interessen auch widerspiegelt, denn das erhöht die eigene Glaubhaftigkeit.

Im Gespräch sollte man eine Dreiecks-Situation herstellen, indem man seine Stärken mit Alltagssituationen oder Erfahrungen in der Schule untermauert. Wird etwa Teamgeist gefordert – und man hat kaum Berufserfahrung – sagt man: „In meiner Handballmannschaft habe ich gelernt, ein/e gute/r Teamplayer/in zu sein.“ Oder: „In der Familie habe ich große Geburtstagsfeiern organisiert.“ Oder: „In der Schule habe ich immer die anderen zum Referat angeleitet.“

Sollte man auch über seine Schwächen sprechen?

Natürlich. Stärke und Schwäche ist nicht mit gut und schlecht zu verwechseln. Unternehmen suchen nicht nur Alphatiere, sondern auch Leute, die ausführen, was man ihnen man sagt. Die zwar mitdenken, aber nicht alles hinterfragen. Man kann also auch punkten, indem man sagt, in der Referatsgruppe bin ich die Person, die auf Anweisungen wartet, diese aber gut ausführt. Es werden genügend Menschen gesucht, die lieber alleine arbeiten und keine Teamplayer/innen sind.

Wie sticht man denn aus der Masse heraus?

Durch einen richtig gegliederten Lebenslauf, in dem die Stärken herausstechen. Erfahrene Recruiter/innen screenen einen Lebenslauf in wenigen Sekunden. Nur ein solider Lebenslauf erweckt Interesse – und nicht ein witziges Foto, eine bestimmte Farbe oder ein lustiger Spruch. Wichtig ist, dass der Lebenslauf den Willen, die Motivation und den Respekt rüberbringt.

„Im Wort Bewerbung steckt das Wort Werbung. Es ist nicht jedermanns Sache, Werbung zu machen – und schon gar nicht für sich selbst.“

Haben Sie Tipps für den noch kurzen Lebenslauf von Maturanten und Maturantinnen?

Die Struktur eines Lebenslaufs hat sich weder für Schulabgänger/innen oder Praktikum-Suchende wesentlich verändert. Erstens sollte der Lebenslauf gut strukturiert sein, kurz und knackig und individuell auf das Jobprofil angepasst werden. Tage und Monate müssen nicht mehr erwähnt werden, es reichen die Jahreszahlen. Zweitens sollte das Foto seriös, freundlich und belebt sein; bitte keine Freizeitfotos. Drittens: Ein Statement in ein, zwei Sätzen kann die persönlichen Stärken hervorheben. Viertens zeigen Interessen und Hobbys sehr gut die Qualitäten und Talente eines jungen Menschen. Auch sie sollten die Berufsinteressen widerspiegeln: Habe ich meine kranke Oma unterstützt? Koche ich viel und gut? Habe ich schon eine App entwickelt? Helfe ich bei der Haushaltsbuchhaltung? Kann ich gut malen? Und fünftens: Der Lebenslauf sollte zigfach gegengelesen werden, um Fehler zu vermeiden.

Was raten Sie Maturantinnen und Maturanten, wenn sie keinen Job finden?

Was die Erfolgreichen von den Erfolglosen unterscheidet, ist die Ausdauer. Wenn man nach vielen Bewerbungen nicht zum Ziel kommt, sollte man seine Taktik ändern. Hier empfehle ich, Personaldienstleister/innen oder Personalberater/innen zu konsultieren. Sie screenen den ganzen Tag für Unternehmen neue Mitarbeiter/innen, nehmen mit Betrieben Kontakt auf und können in einem Vorgespräch die Türe öffnen. Da sie auch die Unternehmen kennen, können sie Tipps zu den Anforderungen beim Bewerbungsgespräch geben.

Im Wort Bewerbung steckt das Wort Werbung. Es ist nicht jedermanns Sache, Werbung zu machen – und schon gar nicht für sich selbst.

 

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