Bildung und Beruf

Kabarett-Lehrer Andreas Ferner: „Die Pointen liegen am Gang“

BMHS aktuell: Ferner führt ein wagemutiges Doppelleben: Kabarattist und HAK-Lehrer. Im Interview erzählt der Wiener, was sich Lehrer/innen vom Kabarett abschauen können und was eine „chillige Bildungsreform“ ausmacht.

Florian Wörgötter - 19. Mai 2020

 

Jede/r Lehrer/in bewältigt ihren/seinen Schulalltag anders. Wenn HAK-Lehrer Andreas Ferner die Schule besonders ärgert, schreibt er Kabarett-Stücke wie „Schule, OIDA!“ oder „NOCH BildungsFERNER“. Sein aktuelle Kabarett „Chill amal, Fessor!“ feierte im Februar dieses Jahres Premiere und soll im Herbst weiterlaufen. Im Was jetzt-Interview erzählt der „lustigste Lehrer Österreichs“, wie der Schmäh zurück in die Schule kommt.

Der chillige Fessor: Kabarettist und HAK-Lehrer Andreas Ferner

Was jetzt: Der Corona-Virus hat Ihnen beide Bühnen genommen – Klassenzimmer und Kabarett. Ist Ihnen kurzzeitig der Schmäh ausgegangen?

Andreas Ferner: Ehrlich gesagt hatte ich unterschiedliche Phasen: Anfänglich war es schön, weil ich mich auf meine Familie konzentrieren konnte. Dann musste ich mit mir kämpfen, um nicht in tiefe Depression zu verfallen. Und dann kam wieder ein Hoch, weil ich einige Medienauftritte hatte: Ich durfte im Fernsehen erklären, wie es den Lehrern und Lehrerinnen geht und einen Werbespot mit meiner Tochter drehen.

Sie haben Ihre Schüler/innen im Fernunterricht unterrichtet. Welche kabarettreifen Inspirationen stehen in Ihrem Notizbuch?

Während die einen Schüler/innen total abgetaucht sind und sich totgestellt haben, wollten die Eltern von anderen Schüler/innen sogar ein Oster-Lernpaket, damit ihren Kindern bloß nicht fad wird. Manche Schüler wollten auch schon über Noten diskutieren, obwohl sie noch nicht einmal ein Referat abgegeben haben. Online ist die Kommunikation, sage ich salopp, etwas schwieriger.

Eine Volksschul-Kollegin hat mir erzählt, dass während einer Videokonferenz ein Vater meinte, sie könne doch ein YouTube-Video machen, anstatt zu unterrichten. Als dieser Vorschlag mangels Datenschutz abgeblitzt ist, sei der Herr völlig ausgezuckt – vor zwanzig kleinen Kindern und deren aufmerksamen Eltern.

Nach dieser ernsten Zeit im Homeschooling – wie kommt der Schmäh zurück in die Schule?

Meine Erfahrung: In Krisen lachen die Leute lieber und auch leichter, weil sie die Gelöstheit zurückhaben wollen. Die paar Präsenzstunden mit meinen Abschlussklassen waren schon eine ziemliche Hetz. Vielleicht waren es aber die Entzugserscheinungen.

Lernen Schüler besser mit Humor?

Humor ist sicher eine Methode, mit der Dinge leichter hängenbleiben. Ich komme ja ursprünglich aus dem politischen Kabarett. Dort kritisierst du ernste Zustände, verpackst sie aber in guten Schmähs, damit die Leute gerne darüber nachdenken. Vermittelst du Schulstoff unterhaltsam, steigt die Chance eines Lehrers, dass er an seine von Medien verwöhnten Schüler/innen herankommt.

„Teenager sind das strengste Publikum der Welt. Kriegst du sie, kriegst du alle.“

Man sollte aber von Lehrer/innen nicht auch noch verlangen, dass sie jetzt den Kasperl machen. Wenn einer seinen Stoff locker aus dem Ärmel schüttelt, super. Aber nicht umsonst bekommen Profi-Kabarettisten auch Geld dafür.

Was können sich Lehrer/innen von Kabarettistinnen und Kabarettisten abschauen?

Was Kabarettisten sehr gut können müssen: verständliches Präsentieren, damit sie ihr Publikum auch erreichen. Außerdem müssen sie erkennen, wann welche Pointen funktionieren. Lehrer könnten regelmäßig abtesten, ob ihr Inhalt auch verständlich genug für ihre Schüler/innen ist. Denn: Pubertierende Teenager sind das strengste Publikum der Welt. Wenn man die mitreißen kann, kann man jedes Publikum der Welt mitreißen.

Wie unterrichtet man denn begeisternd?

Trick 1: Motiviere die Schüler/innen zum Frage-Antwort-Spiel, damit ein interaktiver Frontalunterricht entsteht. Einen 50 Minuten-Frontalvortrag halten heute sogar Erwachsene kaum noch durch.

Trick 2: Elendslange Powerpoint-Präsentation kann man sich sparen. Besser die Schüler selber arbeiten lassen.

Trick 3: Verbanne alle Smartphones aus der Klasse. Wenn sie nicht gerade zum Recherchieren verwendet werden, lenken sie ab – sowohl Schüler/innen wie Erwachsene.

Sind Ihre Schüler/innen Ihr Testpublikum für Ihre Kabarettstücke?

Eher nicht. Schüler/innen sind so brutal ehrlich, dass es manche meiner Gags nie auf die Bühne schaffen würden.

Ein Scherz aus einem alten Programm lautet: „Ich bin Lehrer und Kabarettist – ich steh‘ den ganzen Tag vor Leuten und red‘ deppert.“ Wo stecken die meisten Pointen?

Lacht. Ich finde meinen Kabarett-Stoff überall in der Schule – sowohl im Klassenzimmer, am Elternsprechtag oder im Konferenzzimmer. Die Pointen liegen überall am Gangboden. Man darf sich aber nicht vorstellen, dass ich am Elternabend oder in der Klasse den Kabarettisten mime.

Kommen seit Ihrem Erfolg als Kabarettist weniger Eltern zum Elternsprechtag?

Es kommen eh nur die Eltern von den Einserschülerinnen und -schülern. Jene Eltern, über deren Kindern man tatsächlich reden sollte, kommen eh nicht (lacht). Aber meine Schüler/innen sind alle in der Oberstufe, daher kann ich fast alles mit ihnen persönlich ausmachen.

In Ihrem aktuellen Kabarett „Chill amal, Fessor!“ werben Sie für eine „chillige Bildungsreform“. Wie könnte diese aussehen?

Eine „chillige“ Bildungsreform ist natürlich eine Lüge. Das Um und Auf: Nicht nur zu behaupten, sondern auch zu leben, dass Bildung das wichtigste für unsere Gesellschaft ist. Dazu müssten enorme Ressourcen aufgewendet werden, denn Österreich investiert im Verhältnis zu anderen Staaten wenig in Bildung.

Weiters sollten alle Menschen im Bildungssektor von der Gesellschaft und den Medien, aber auch finanziell wertgeschätzt werden.

„Wenn mich etwas ärgert, schreibe ich eine Kabarett-Nummer darüber. So hab ich wenigstens was davon.“

Außerdem: Wir brauchen in der Schule mehr Sozialarbeiter/innen, Psychologinnen/Psychologen und administratives Personal. Immer mehr gesellschaftliche Probleme werden in die Schule hineingetragen. So können sich Lehrer/innen auf den Unterricht und das Erziehen konzentrieren und ersticken nicht im administrativen und sozialarbeiterischen Dschungel.

Klingt weniger chillig …

Einen habe ich noch: Leistung muss wieder eingefordert werden können. Es ist schwierig für Lehrer/innen, wenn sie kaum Konsequenzen ziehen können, wenn Schüler/innen nicht anwesend sind und keine Leistungen bringen. Jene, die nicht durchfallen sollen, haben später große Probleme bei der Zentralmatura. Dieses Versagen wird dann wiederum den Lehrern und Lehrerinnen vorgeworfen.

Haben Sie abschließend drei Tipps, damit Lehrer/innen genauso chillen wie ihre Schüler?

In jedem Sozialberuf muss man sein Bestes geben, aber auch lernen sich abzugrenzen. Daher sollten Lehrer/innen es nicht persönlich nehmen, wenn etwa ein/e Schüler/in im Heimunterricht nicht erreichbar ist. Oftmals stecken Gründe dahinter, die sie kaum beeinflussen können.

Zweitens sollten sie das Lehrer/innen-Bashing nicht an sich ranlassen, sondern mit einem Augenzwinkern sehen und mit Kollegen darüber lachen. Was manche „Bildungsexperten und Bildungsexpertinnen“ heute sagen, führt sich in einem Jahr ad absurbum.

Drittens: Wenn mich etwas besonders ärgert, schreibe ich eine Kabarett-Nummer darüber. So hab ich wenigstens was davon. Wenn sich andere Lehrer/innen ärgern, sollen sie zu mir ins Kabarett kommen, damit sie die Schule wieder mit humorvoller Distanz sehen (lacht).

Weitere Infos und Kabarett-Termine hier:
www.andreasferner.at

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.