Bildung und Beruf

Die Kartographie als Beruf(ung): Zum Gedenken an Moshe Brawer

Der israelische Geograph Moshe Brawer hat den „Kozenn-Atlas” von Hölzel in den Nahen Osten gebracht. Nun ist der geborene Wiener mit 101 Jahren verstorben. Ein Rückblick auf ein Leben der feinen Grade und geografischen Meilensteine.

Barbara N. Wiesinger - 18. Februar 2021

MEHR_wasjetzt_Brawler ©Ariel Elinson / Wikicommons

Dem israelischen Geographen Moshe Brawer verdanken wir, dass Atlanten aus dem Hause Hölzel auch im Nahen Osten verbreitet sind. Die Koryphäe der Kartografie ist mit 101 Jahren verstorben. Lesen Sie hier unsere Würdigung.

Eine Schachtel Zigaretten gegen einen „Kozenn-Atlas” von Hölzel – dieser Deal auf der Kärntner Straße hat Moshe Brawer im Frühjahr 1945 eine neue Welt eröffnet. Als der jüdische Geographiestudent damals als Kriegsreporter mit der britischen Armee in seine Geburtsstadt Wien zurückkehrte, begann die Erfolgsgeschichte von Kartographie aus Österreich im Nahen Osten.

Vom traditionsreichen „Kozenn-Atlas” aus dem Hause Hölzel hatte Moshe Brawer (1919-2020) schon von seinem Vater nur Gutes gehört. Denn der Religionsgelehrte, Geograph und Schulbuchautor Abraham J. Brawer (1884–1975) hatte im Palästina der Zwischenkriegszeit oft beklagt, dass er in der Schule nicht auf die Hölzel-Atlanten zurückgreifen konnte, um seinen Schülerinnen und Schülern ein fundiertes Weltbild zu vermitteln.

Jung, selbstbewusst und unternehmungslustig beschloss Moshe Brawer, hier Abhilfe zu schaffen. Gemeinsam mit Hugo Eckelt, dem damaligen Geschäftsführer des Hölzel Verlages, setzte er 1945 den Auftakt zu einer jahrzehntelangen erfolgreichen Zusammenarbeit, die nicht nur seine publizistische und wissenschaftliche Karriere entscheidend formen würde, sondern auch dem Wiener Verlag den Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte.

Der erste hebräische Kozenn-Atlas

In jahrelanger gemeinsamer Arbeit wurden vorhandene Karten aktualisiert und für den Nahen Osten neue Karten erarbeitet. Dabei waren einige Hürden zu nehmen: Kapital musste beschafft werden, um Arbeitsmaterial und Personal zu bezahlen – Brawer lieh sich Geld von Verwandten und Bekannten. Der Kartograph sollte Hebräisch können, um die neuen Karten effizient und korrekt zu beschriften – Karl Mader vom Hölzel Verlag absolvierte einen Sprachkurs. Auch eine Druckpresse mit hebräischen Lettern wurde gebraucht – Brawer und Eckelt fanden durch Zufall im Stift Klosterneuburg ein über die NS-Zeit gerettetes Exemplar und dazu auch noch einen fach- und sprachkundigen Mönch, der Satz und Druck vieler Namen und Texte für den Atlas übernahm.

MEHR_wasjetzt_Brawer er Mittelmeerraum in der Auflage 1955 des „Israelischen Atlas“ ©Archiv Hölzel Verlag

Doch das war noch nicht alles: Die Transkription internationaler geographischer Namen ins Hebräische sollte perfekt sein – Brawer verbrachte Tage im Archiv der britischen Royal Geographic Society und konsultierte weltweit Fachkollegen. Und: Nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg (1948–49) mussten die Karten des Nahen Ostens überarbeitet werden – Brawer brachte sie auf den aktuellsten Stand. Schlussendlich waren beim Export der ersten Auflage auch noch bürokratische und finanzielle Hürden zu überwinden.

Im Mai 1950 kam Brawers „hebräischer Kozenn“ endlich in Israel auf den Markt – und war innerhalb von drei Monaten vergriffen. Damit begann eine lange Reihe von Nachdrucken, Aktualisierungen und verschiedensten Schulatlanten, die bisher in Millionenauflagen erschienen. Auch heute noch sind an israelischen Schulen überwiegend Moshe Brawers Atlanten mit Karten von Hölzel in Gebrauch. Seit 1955 werden sie in Israel gedruckt, doch die Kartenaktualisierung erfolgt noch immer in Wien.

Ein Leben über den Grenzen

Spannend ist die Geschichte der israelischen Atlanten von Moshe Brawer auch in politischer und historischer Hinsicht. Denn natürlich sind staatliche Grenzen, geographische Namen und andere Aspekte der Kartographie alles andere als neutral: Militärische Konflikte und politische Entscheidungen formen Grenzverläufe und gerade im Nahen Osten implizieren geographische Namen umstrittene Gebietsansprüche unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Selbst der Zugang zu Daten – der Basis jeder guten Karte – kann zum Problem werden: So gaben einige Länder aus politischen Gründen keine Informationen an den Israeli Brawer weiter. In solchen Fällen war es hilfreich, dass der Atlas-Autor auf die Unterstützung eines großen Netzwerks von Fachkollegen in aller Welt zurückgreifen konnte.

Auch Moshe Brawers wissenschaftliche Karriere war beeindruckend: Er gründete die Geographieinstitute an den Universitäten Tel Aviv und Bar Ilan, war Universitätsprofessor für Geographie und zeitweise auch Dekan an der Universität Tel Aviv. Er verfasste ein Standardwerk zur historischen Entwicklung von Israels Grenzen und beriet den Staat Israel in Grenz- und geographischen Namensfragen. Sein Lebenswerk wurde 2002 mit dem Israel-Preis gewürdigt.

MEHR_wasjetzt_ Moshe Brawer bei der Arbeit im Hölzel Verlag @E. Knabl, Pottendorf

Am 28. Dezember 2020 verstarb Moshe Brawer im hohen Alter von 101 Jahren in Tel Aviv. Der Hölzel Verlag blickt dankbar auf 75 Jahre erfolgreiche wie freundschaftliche Zusammenarbeit mit Moshe Brawer und seinem Team zurück. Weiterhin wird Hölzel geographisch fundierte Karten in bewährter Qualität für die israelischen Atlanten bereitstellen, deren Fortführung nun in den Händen von Moshe Brawers Tochter, Orit Brawer Ben-Orit, liegt.

Den international erfolgreichen „Kozenn-Atlas” bietet der Hölzel Verlag natürlich auch für Österreichs Schulen an: als schulstufenübergreifenden Großen Kozenn-Atlas (wahlweise mit GEOTHEK-Schulatlas-CD) oder als Kozenn-Schulatlas speziell für die Unterstufe.

 

Mehr zum Thema Bildung und Beruf:

Wie prügeln sich Politiker? Das Magazin Katapult antwortet in Karten
Innovationskonferenz in Wien: Innovativ durch die Pandemie
ÖH-Vorsitzende Sabine Hanger: „Die UG-Novelle ist kein Weihnachtsgeschenk“
Entrepreneurial School Award an HTL Wolfsberg und HAK Oberwart
Literaturtipp: Die Geschichte der Berufsbildung in Österreich
HTLs in Kärnten: Wie smart ist eine Smart Learning Klasse?
Anton Bucher zum Ethikunterricht: „Nicht ethisch sein geht nicht“
BildungsHub.wien: Virtueller Tag der offenen Tür an Wiener Schulen
CLILvoc2020: Wie lernt man Fachthemen in Fremdsprachen?
Business Intelligence: Goldwaschen in der Informationsflut
Gesprächsleitfaden: So können Lehkräfte über Terrorismus sprechen
VfGH-Präsident Grabenwarter über „Verfassung macht Schule“
Tinkering: Tüfteln zwischen Technik, Physik und Kunst
Young Science: Diese Schulen beweisen Forschergeist
More Than Bytes: Kunst, Kultur und digitale Medien im Unterricht
Jugend Innovativ: Die kreativsten Schulprojekte des Jahres
WissenPlus: Das Coronavirus verstärkt die Ernährungskrise

Reportage YOVO2020: Besuch der Online-Freiwilligenmesse
Aidshilfe Wien: Leitfaden für Sexuelle Gesundheit im Unterricht
Gesetzesentwurf: Ethik oder Religion?
Amnesty International: Menschenrechte in der Schule
Vegucation: Vegan-vegetarisches Kochen im Unterricht
Interview mit Kabarett-Lehrer Andreas Ferner
Initiative Schule im Aufbruch
Fairtrade macht Schule
Ausgezeichnete Maturaprojekte
HAK trifft Schule
Von der Schule in die Berufswelt
Fehler als Chance sehen
BMHS aktuell