Schwerpunkt: Medienkompetenz

Wie prügeln sich Politiker? Das Magazin Katapult antwortet in Karten

Das deutsche Magazin Katapult vermittelt Politik und Geschichte in bunten Grafiken mit smartem Schmäh. Chefredakteur Benjamin Fredrich erklärt vier seiner Karten und worauf Schüler/innen bei ihrer Deutung achten sollen.

Florian Wörgötter - 18. Februar 2021

MEHR_wasjetzt Katapult Friedrich ©Katapult

Das populärwissenschaftlich Magazin Katapult illustriert Fakten aus der Forschung in Karten mit Schmäh. Chefredakteur Benjamin Fredrich schildert anhand vier seiner Grafiken, was Schüler/innen über Karten wissen sollten.

Die Naturwissenschaften zeigen ihre Forschungsergebnisse in bunten Bildern. Den Sozialwissenschaften bleiben oft nur Textwüsten in Schwarz und Weiß. Der deutsche Politikwissenschafter Benjamin Fredrich wollte Farbe in die Forschung bringen, daher gründete er 2015 das Katapult-Magazin. Sein Fokus: bunte Karten und Infografiken mit Botschaft und Humor.

„Unsere populärwissenschaftlichen Grafiken sollen den Einstieg in ein Thema erleichtern – mit Symbolen und Schriften, die das Auge ansprechen“, sagt Benjamin Fredrich, Chefredakteur und Gründer von Katapult. „Deshalb melden sich auch viele Lehrer/innen bei uns, weil Schüler/innen besser auf Grafiken reagieren.“

Zum einen reduzieren die Grafiken komplexe Datensätze aus der Forschung, zum anderen machen sie ihre Komplexität mit aufwendigen Geoinformationssystemen erst sichtbar. Für unser Gespräch hat Fredrich sich vier Katapult-Grafiken ausgesucht, anhand derer er erklärt, worauf man bei der Interpretation achten soll, wie Jugendliche Grafiken auf Social Media einem Faktencheck unterziehen und ob man einer Statistik trauen sollte, die er selbst gefälscht hat.

Grafik 1: Faustkampf und Spucken

MEHR_wasjetzt Katapult Karte01 @Katapult

Die erste Grafik aus dem Katapult-Magazin visualisiert eine Studie zur physischen Gewalt in den Parlamenten dieser Welt. Eine beschriftete Weltkarte zeigt, wo sich Politiker/innen bei der Arbeit körperlich attackierten und welche „Kampfmethode“ sie vorwiegend wählten. Darunter: Faustkampf, Spucken und Mikrofonständerwerfen.

„Diese Grafik eignet sich für den Unterricht, um das Interesse der Schüler/innen für das Parlament zu wecken. Denn auch sie prügeln sich mal am Schulhof“, grinst Fredrich. Was auf den ersten Blick zum Schmunzeln anregt, sei aber nicht „unernst“. Schließlich erkläre die Studie auch, dass Gewalt am ehesten dort ausbreche, wo das Wahlsystem am unfairsten ist, und am friedlichsten sei der Parlamentarismus dort, wo die Säulen der Demokratie schon am längsten stehen.

Welche Interpretationsschwierigkeiten bergen Weltkarten wie diese? „Wir haben sie bewusst populär dargestellt, aber hoffentlich nicht populistisch“, sagt Fredrich und verweist auf statistische Ungenauigkeiten der Karte: Sie zeigt etwa nur, dass in Russland mindestens ein Faustkampf stattgefunden habe, jedoch nicht wie oft und welche Übergriffe noch ausgetragen wurden. Die variable Schriftgröße richtet sich nach dem Design, betont aber nicht die Menge an Nennungen. Und der Zeitraum der Studie (1981 bis 2015) lässt parlamentarische Prügeleien im Jahr 2016 außen vor.

Auch die topografische Proportion und der geografische Maßstab seien komplett außer Acht gelassen worden, sogar Inseln wurden gelöscht, um die Darstellung zu vereinfachen. Es brauche einen „Eyecatcher“, der auch im Newsfeed auf Social Media ins Auge sticht, sagt Fredrich. „Natürlich hätten wir auch eine Liste erstellen können, doch Geografie weckt viel mehr Emotionen.“

Grafik 2: Bürgermeisterin Josef

MEHR_wasjetzt_ Katapult Karte03 @Katapult

Die zweite Grafik von Katapult bebildert das Geschlechter-Verhältnis zwischen Österreichs Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. Der neckische Katapult-Stil fügt dem Geschlechter-Vergleich eine „ketzerische, populäre“ Ebene hinzu: alle Bürgermeister mit dem Namen Josef. „In Deutschland hatten wir mehr Bürgermeister mit dem Namen Thomas als es weibliche Bürgermeisterinnen gibt. In Österreich zählen wir zwar mehr Bürgermeisterinnen als Kollegen namens Josef, doch die Zahl ist beinahe gleich verteilt.“

Das Ziel einer jeden Grafik sei, eine Story zu erzählen: Hier betont man mit originellem Filtern von bestehendem Datenmaterial das Problem, dass die Bevölkerung nicht entsprechend ihrem Querschnitt regiert wird.

Die klassischen Excel-Diagramm-Typen – Kreis, Balken, Säulen, Kurven – versucht man beim Katapult zu meiden, weil sie Menschen weniger ansprechen würden als ein Symbol, dass sie aus ihrem Leben wieder erkennen („Auto oder Schneebesen“). Doch manchmal gebe es einfach nichts Besseres, sagt Fredrich.

Balkendiagramme wären besonders tauglich bei Datensätzen mit Prozentangaben wie Wahlergebnissen oder Umfragen („sehr“, „vielleicht“, „viel“, „sehr viel“). Kreisdiagramme funktionieren bei der Aufteilung von Geschäftsanteilen oder bei Mehrheiten von Parteien im Parlament. Und wenn man Entwicklungen auf der Zeitachse darstellen möchte, seien Kurven- und Liniendiagramme noch immer die beste Wahl.

Karte 3: Der Gender-Pay-Gap

MEHR_wasjetzt Katapult Karte02 ©Katapult

„Grafiken und Karten können Erzählmuster erweitern, indem sie grobe Geschichten aufschlüsseln“, so Fredrich. Er demonstriert als eine solche mediale Erzählung, dass Frauen weniger verdienen als Männer. „Das stimmt auch, doch in Deutschland gibt es regionale Unterschiede“, sagt Fredrich. So zeigt seine Grafik, in manchen neuen deutschen Bundesländern verdienen Frauen sogar mehr als Männer. Die Gründe: In der DDR sei es normal gewesen, dass auch die Frauen gearbeitet haben. Während in der BRD die Frauen sich vermehrt nur um den Haushalt kümmerten. „Ich finde es schön, mit Grafiken eine Story auszudifferenzieren“, so Fredrich.

Was bei einer Grafik wie dieser fehlinterpretiert werden kann: In der Legende erkennt man, dass zwischen den Kategorien 249 und 250 ein ganzer Euro fehlt. Wenn in einem Landkreis der Wert 249,50 ist, wäre er der Legende nicht zuordenbar (= „disjunkt“). „Die Wissenschaft würde das sofort kritisieren. Auch unsere 600.000 Follower/innen lassen uns in der Kommentarspalte wissen, wenn wir methodische Fehler machen“, sagt Fredrich.

Was empfiehlt der Experte, wie können junge Menschen den Faktengehalt einer Infografik auf Social Media überprüfen? Wichtig sei zu checken: Von wem kommt die Grafik? Welche Mission verfolgen die Urheber/innen? Gehören sie einer Partei an oder stehen sie der Regierung nahe? Welche Fehler hat das Medium laut Wikipedia schon begangen? Wird die Quelle der Daten im Posting genannt? Findet sie sich sonst auf der Webseite?

Fredrich empfiehlt Lehrenden, dass Schüler/innen die Arbeit von Faktencheck-Medien wie Mimikama oder Übermedien kennenlernen sollten. Als wichtiges Korrektiv für den Journalismus und die Infografiken von Katapult hinterfragen sie jede Information auf ihre Quelle und ihre Korrektheit. Schüler/innen sollten sensibilisiert werden, dass nicht alles, was sie auf Instagram finden, auch korrekt ist, obwohl es korrekt aussieht. Jedoch lerne man Medienkompetenz erst mit viel Training und Erfahrung. Für eine solche sei es auch wichtig, die unterschiedlichen Medienmarken und ihre politischen Intentionen unterscheiden zu können.

Grafik 4: AfD vs. Corona

MEHR_wasjetzt Katapult Karte04 @Katapult

Grafik 4 zeigt links die Wahlergebnisse der AfD bei der Bundestagswahl 2017, aufgeschlüsselt nach Landkreisen. Demgegenüber zeigt eine Grafik die Corona-Fälle der letzten sieben Tage pro hundert Einwohner. „Das bloße Auge erkennt eine Gleichmäßigkeit. Die Aussage könnte also sein, dass in den Regionen, in denen die AfD häufiger gewählt wird, auch die Corona-Fallzahl höher ist“, sagt Fredrich, warnt aber sofort davor, Ursache und Wirkung falsch zu verknüpfen. „Es wäre fehlgeleitet zu sagen: Weil in diesem Gebiet AfD gewählt wurde, gibt es dort höhere Fallzahlen. Wir beschreiben nur deskriptiv und weisen auch im Teaser darauf hin, dass kein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht“. Natürlich bestehe die Gefahr der Meinungsmache vor allem bei jenen, die den Umgang mit statistischen Grundprinzipien nicht gelernt haben.

Was sagt Fredrich zum Bonmot „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“? Fredrich lacht: „Einer unserer Top-Kommentare auf Social Media“. Inwieweit liegt auch jeder grafischen Schöpfung eine „Fälschung“ inne? „Eine Grafik ist immer eine Fälschung, weil sie die eigentlichen Daten verzerrt. Wobei wir die Daten nur optisch verändern, aber nicht im Inhalt“, so Fredrich. Natürlich seien Grafiker/innen in der Lage, Schwerpunkte und Aussagen zu verstärken oder zu schwächen. Schon die Farbwahl signalisiere eine Bedeutung, wie etwa die Farbe Rot die Gefahr illustriere. Eine Karte könne auch bipolar in Gut und Böse unterscheiden. Eine Legende könne Abschnitte ganz unterschiedlich darstellen. Daher sei immer wichtig zu wissen, wer der/die Urheber/in ist und welches Ziel er/sie verfolgt, so Fredrich.

„Man muss verstehen, dass es keine neutrale Karte gibt. Auf einer Karte ist alles frei wählbar – die Farben, die Legende, welche Infos gezeigt werden, welche nicht. Wenn man versteht, dass man damit auch Politik machen kann, dann lernt man, Karten zu hinterfragen, und kann sie besser lesen.“

 

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