Bildung und Beruf

„Klimawandel betrifft alle Bereiche des Unterrichts“

Sybille Chiari untersucht an der BOKU Wien, wie sich das Thema Klimawandel in der Schule sinnvoll vermitteln lässt. Im Interview mit Was jetzt plädiert sie für fachübergreifende Projekte und neue, innovative Unterrichtsformen.

Das Gespräch führte Florian Bayer - 16. Oktober 2019


Frau Chiari, ist der Klimawandel in den letzten Jahren im Unterricht zu kurz gekommen?

Ja, leider. In den Lehrplänen war das Thema nicht ausreichend verankert. Mittlerweile gibt es glücklicherweise die Ankündigung des Ministeriums, mehr Inhalte zum Klimawandel in die Lehrpläne aufzunehmen.

Bisher wurde das Thema ja fast ausschließlich aus naturwissenschaftlicher Perspektive behandelt, sei es im Biologie- oder im Geografieunterricht.

In aller Regel jedoch oft nicht substanziell, nicht prüfungsrelevant, und fast immer abhängig vom individuellen Engagement einzelner Lehrkräfte.

 

Sybille Chiari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU Wien. Sie beschäftigt  sich mit der Vermittlung von Themen wie „Klimawandel“ im Unterricht. Foto: privat

 

Das Interesse von Schülerseite wäre da?

Ja, schon seit längerem, aktuell aber mehr denn je. Für ein Projekt habe ich verfolgt, wie junge Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten zu solchen wurden.

Es hat sich gezeigt, dass ihre Motivation und ihr Engagement fast nie der Schule entspringt, da im Regelunterricht fast keine Zeit für das Thema Klimawandel aufgewendet wird.

 

„Die erste intensive Beschäftigung erfolgt in der Regel erst im Studium. Das ist zu spät.“

 

Die erste intensive Beschäftigung und der Schritt zum „Jetzt tu ich was“ erfolgen in der Regel erst im Studium. Das Thema erreichte dadurch nur bestimmte Bildungsschichten und Studiengänge, nicht aber die Allgemeinheit.

 

Ab welchem Alter sollte man denn Schülerinnen und Schüler mit dem Thema konfrontieren?

Es ist unbedingt notwendig, früh zu beginnen, schon im Volksschulalter. Es bringt nichts, das Thema zu tabuisieren und den Schülern vorzuenthalten.

Die Zukunftsangst ist viel größer, wenn Kinder vom Klimawandel in den Medien und im sozialen Umfeld hören, das Thema in der Schule dann aber totgeschwiegen wird.

 

Wie kann man das Thema jungen Menschen vermitteln?

Lehrkräfte müssen nicht nur erklären, was der Klimawandel eigentlich ist, sondern auch, was man selbst dagegen tun kann. Nur so können junge Menschen den eigenen Handlungsspielraum und ihre Selbstwirksamkeit erkennen.

Eigenes Engagement wie Bio-Essen, Ökostrom an der Schule oder der Kauf einer Photovoltaik-Anlage schafft Bewusstsein.

 

Soll die Lehre über den Klimawandel auf einzelne Fächer beschränkt bleiben?

Nein – es braucht viel mehr fachübergreifende Inhalte und Projekte. Der Fokus ist derzeit viel zu eng auf den naturwissenschaftlichen Fächern, die Auswirkungen des Klimawandels betreffen aber fast alle Bereiche des Lebens.

 

„Es braucht viel mehr fachübergreifende Inhalte und Projekte.“

 

Großes Potenzial sehe ich in den Sprachenfächern, wo Inhalte ja relativ flexibel gestaltet werden können. Auch wenn es nicht immer direkt um den Klimawandel geht, kann man die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit durch die Wahl der Unterrichtsinhalte mitschwingen lassen.

 

Welche Formate eignen sich am besten?

Was sich in unseren Untersuchungen gezeigt hat: Interaktive Inhalte, seien es Online-Plattformen und Spiele oder Gruppenarbeiten, regen Schülerinnen und Schüler viel mehr an, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Formate mit viel Text hingegen funktionieren weniger gut.

Auch haben wir gemerkt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer den Wunsch haben, auf den Wunsch der Schüler einzugehen und mehr zum Thema zu bringen.

Weil sich der Stand der Wissenschaft aber laufend weiterentwickelt, braucht es da und dort sicher Fortbildungen.

 

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld in der Klasse?

Die eigene Peergroup ist im Schulalter extrem wichtig, Freunde dienen als Vorbilder. Wichtig ist, Schülerinnen und Schüler klarzumachen, dass sie mit ihren Gedanken und Sorgen nicht alleine dastehen, sondern dass sich auch andere Mitschüler über diese Themen Gedanken machen.

 

Und das gesamtgesellschaftliche Umfeld?

Früher war das Thema Nachhaltigkeit nicht „cool“, man konnte schnell als „Öko“ dastehen. Es hilft auch nichts, in der Schule kurz darüber zu sprechen, und daheim leugnet der Vater den Klimawandel und fährt sorglos im SUV.

 

Die Rede von der politikverdrossenen Jugend stimmt definitiv nicht.“

 

Durch „Fridays for Future“ ist das Thema aber auf einmal „cool“ geworden. Der Dialog hat sich ganz massiv verändert, und nun fordern Schülerinnen und Schüler aktiv Veränderung ein.

Die Rede von der politikverdrossenen Jugend stimmt definitiv nicht.

 

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Schultypen?

Bis jetzt demonstrieren und interessieren sich vor allem höhere Bildungsschichten für das Thema, noch etwas weniger die Pflichtschulen. Auch diese Schulen müssen Wege finden, ihre Schülerinnen und Schüler dafür zu interessieren.

 

„Externen Vortragenden wird mehr Vertrauen zugesprochen.

 

Das Hereinholen von Experten oder engagierten Klimaschützern in den Unterricht ist eine Möglichkeit dafür. Oft wird externen Vortragenden mehr Vertrauen zugesprochen als dem langjährigen Klassenlehrer, das zeigen Studien auch bei ganz anderen Themen.

 

Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Vermittlung im Bereich der berufsbildenden Schulen?

In den BMHS sollten Lehrerinnnen und Lehrer einen Anknüpfungspunkt zum jeweiligen Beruf finden.

In der Ausbildung zum Elektrotechniker kann man viel mehr über Energieerzeugung und den Zusammenhang mit CO2-Emissionen reden. Bei fast allen Berufsbildern gibt es solche Verbindungen, die man aufzeigen oder herstellen kann.

Alle Anstrengungen der Schulen sollten natürlich Hand in Hand mit bundesweiten Initiativen gehen. Momentan tut sich in diesem Bereich wahnsinnig viel.

Ich hoffe, dass auch die neue Regierung viel in diese Richtung unternehmen wird.

 

Zur Person

Dipl.-Ing. Dr. Sybille Chiari ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur in Wien. Chiari setzte sich in mehreren wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen mit dem Thema Klimawandel in der Wissensvermittlung auseinander. 

 

Sybille Chiaris Empfehlungen für Lehrerinnen und Lehrer:

Climates – Drehscheibe für gelungene Klimakommunikation
Sustainicum Collection – Lehrmaterialien
Potsdam Institut für Klimafolgenforschung – Lehrmaterialien 

 

Siehe dazu auch:

Klimawandel: Infos und Quellen für Ihren Unterricht

 

 

Mehr aus Bildung und Beruf

Schulexperte Schratz: „Vertrauen im Bildungssystem ist nicht besonders ausgeprägt“
Bundesschulsprecherin Uzodike: „Es wird Zeit für eine neue Feedbackkultur“
Neue Ausbildung: Mit Recht in die HAK

Buchautor Paulus Hochgatterer: „Nutzen der Digitalisierung weitaus größer als Gefahren und Probleme“

 

Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.