Schwerpunkt: Vertrauen

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Ein Kommentar von Christian Dorninger, Sektionschef für berufsbildende Schulen im BMBWF, zum Aufbau von Vertrauen zwischen Lehrenden und Schulverwaltung.

Von Christian Dorninger - 25. April 2018

 

Irgendwie fühlt man sich beim Thema „Vertrauen“ an alte Arbeitstugenden wie Strebsamkeit, Umsichtigkeit, Pünktlichkeit oder auch Gelassenheit erinnert, die so sehr aus der Mode geraten sind. Obwohl: Vertrauen als „Selbstvertrauen“ oder gar „Selbstwirksamkeit“ interpretiert, ist eine wichtige pädagogische Kategorie: Sie ist wesentlich, um im Lernprozess Erfolg zu haben und Lerninhalte motiviert anzugehen.

Wenn man „Vertrauen“ als Metaebene für individuelle Sinnstiftung und persönliche Kommunikation ansieht, kann es im täglichen Arbeitsprozess wirklich positiv wirken. Und das vor dem Hintergrund, dass Lehrerinnnen und Lehrer im schulischen Umfeld traditionell wenig Vertrauen in die Rahmenbedingungen haben, etwa in die Schul- und Bildungsverwaltung.

 

„Je besser und passender ein Qualifikationsprofil ist, umso rascher und gezielter kann der Eintritt in den Arbeitsmarkt erfolgen.“

 

Dies ist der hohen Individualität geschuldet, mit der persönliche Bildungsprozesse wirken. Aber wohl auch dem Faktum, dass alle einmal in der Schule waren, an sie nicht immer die beste Erinnerung haben und mitunter besser wissen, wie man sie kraft Erfahrung möglichst effektiv und human organisieren kann. Dazu kommt, dass das Vertrauen in Institutionen allgemein im Sinken ist, auch deshalb, weil man rasch weltweit Vergleiche ziehen kann.

Beginnen wir ganz einfach: Abgangszeugnisse und Zertifikate werden ausgestellt, um den Inhabern ein Bündel an Kompetenzen zuzubilligen, die insgesamt eine (berufliche) Qualifikation darstellen. Je besser und passender dieses Qualifikationsprofil ist, desto rascher und gezielter kann der Eintritt in den Arbeitsmarkt erfolgen. Hier hat die österreichische Berufsbildung große Vorteile.

 

„Der Strategie des Lifelong Learning widmet sich ein breiter Ansatz in der Berufs- und Erwachsenenbildung“

 

Die „Transition to working life“, wie sie in internationalen Studien genannt wird, gelingt in unseren Breiten ganz gut; die Jugendarbeitslosigkeit ist gering, die „Early school leaver“-Quote sinkt. Das Qualifikationsspektrum der Berufsbildung gilt als sehr differenziert und ist erweiterbar, etwa, wenn man lebensbegleitend weiterlernt.

Dieser Strategie des LLL (Lifelong Learning) widmet sich ein breiter Ansatz in der Berufs- und Erwachsenenbildung, und man tut gut daran, dieses Erfolgsmodell weiter auszubauen. Arbeitgeber vertrauen darauf, dass die Qualität der (Aus-) Bildung mit künftigen Anforderungen mitwächst. Flexible berufliche Berechtigungen stärken das institutionelle Vertrauen, das sich mit zeitgemäßen Ausbildungsgängen erreichen lässt.

 

„Vertrauen wird durch Praxiserfahrungen gestärkt, die Lehrende vor ihrer Lehrtätigkeit gewinnen“

 

In der österreichischen Berufsbildung besteht auch ein gut verifiziertes Vertrauen, dass Lehrende sich regelmäßig selbständig fortbilden und so am Stand der Wissenschaft und Technik unterrichten.

Dieses Vertrauen wird durch Praxiserfahrungen gestärkt, die Lehrende vor ihrer Lehrtätigkeit gewinnen, aber auch durch parallel laufende Nebentätigkeiten. Selbst wenn diese manchmal hinderlich erscheinen, sind sie doch ein Element begleitender Weiterbildung und sollen prinzipiell Unterstützung finden.

In der konkreten Organisation von Lehrerfortbildung sind Industrieseminare, das Erreichen von Praxiszertifikaten, z. B. im IT-Bereich, oder ein Know-how-Transfer mit ausländischen Firmen besonders wichtig. Sie sollen im EU-weiten Anrechnungsprogramm EC-VET für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrende weiter ausgebaut werden.

 

„Lehrende vertrauen mehr der eigenen Weiterentwicklung als staatlichen Impulsen.“

 

Die Schulverwaltung baut darauf, dass die Lehrenden in der Berufsbildung ihre Aus- und Weiterbildungschancen selbst erkennen und größtenteils auch selbst organisieren. Die bessere Systematik bei der Anerkennung dieser Aktivitäten ist aber dringend notwendig.

Abschließend zum schwierigen Verhältnis zwischen Bildungsverwaltung und Pädagogen: Es ist ambivalent, da pädagogisch-fachdidaktische Reformen wohl notwendig, aber als nationale Initiative nicht so gern gesehen sind: Lehrende vertrauen mehr der eigenen Weiterentwicklung als staatlichen Impulsen. Trotzdem sind beide Komponenten, die persönliche und die staatliche, notwendig.

 

„Die Aufgabe besteht darin, individuelle, regionale und staatliche Entwicklungsschritte besser abzustimmen.“

 

Nicht nur, weil jedes Bildungswesen international beobachtet wird. Sondern auch, weil das nationale Berechtigungsgefüge bald ins Rutschen kommen würde, wenn keine nachweisbaren Verbesserungen manifest gemacht werden. Die Aufgabe besteht nun darin, individuelle, regionale und staatliche Entwicklungsschritte besser abzustimmen.

In der doch schon langjährigen Praxis des Autors in der Schulverwaltung war es fast immer so, dass innovative Lehrende neue Themen vorgeschlagen haben, die man verstärken konnte. Wenn sie allgemein umsetzbar wurden (z. B. durch eine schulgesetzliche Änderung), ist deren Wirkung nachweisbar geworden – und hat allen Schülerinnen und Schülern, unabhängig von Region oder Schultype, dieselben erhöhten Qualifikationschancen geboten.

 

Zur Person

Dipl.-Ing. Mag. Dr. Christian Dorninger ist Sektionschef für das berufsbildende Schulwesen, Erwachsenenbildung und Schulsport im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF).

 

 

 

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