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Lehrlinge einst und jetzt: Unterrichtsmaterial aus dem Haus der Geschichte

Geschichte und Politische Bildung: Ein WissenPlus aus dem Haus der Geschichte Österreich beschreibt die Lebenswelt von Lehrlingen einst und jetzt. Historische Quellen verbinden vergangene Vorstellungen mit der Gegenwart der Lernenden.

Haus der Geschichte Österreich - 14. Oktober 2021

MEHR_wasjetzt_wp_Haus der Geschichte - Lehrlinge heute

Wir starten hiermit eine Kooperation mit dem Haus der Geschichte Österreich – dem ersten zeitgeschichtlichen Museum der österreichischen Republik. Das Museum vermittelt, erzählt und ladet Jung und Alt ein, sich mit der österreichischen Geschichte auseinanderzusetzen. Thematisch setzt es an der Gründung der demokratischen Republik 1918 an und thematisiert seit dem die verschiedenen gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Bruchlinien, die Österreich damals wie heute bewegen.

Den Auftakt machen wir mit spannenden Materialien über junge Menschen in der Ausbildung: Lehrlinge in den 1960ern. Die Schüler/innen setzen sich mit der Lebenswelt der Lehrlinge dieser Zeit auseinander und sie interpretieren historische Quellen, die sie mit ihren Vorstellungen über diese Zeit und der Gegenwart in Relation setzen.

Das vollständige Unterrichtsmaterial kann über 4 Unterrichtseinheiten genutzt werden.

Das „Lehrling heute“-Paket besteht aus:

  • Einleitung und Hintergrundwissen für Lehrer/innen
  • methodisch-didaktische Überlegungen
  • Arbeitsmaterial zum Festnetztelefon und Kommunikation
  • Quelle „Wer ist der Vater?“ mit Diskussion über die Vererbung von Berufen
  • Quelle „Wie lebt er zu Hause?“ mit Vergleich von Konsum und Besitz
  • Quelle „Wie wurde er erzogen?“ – Vorstellungen zu Erziehung
  • Quelle „Wie steht er zum anderen Geschlecht?“ – genderrelevante Themen
  • Quelle „Was erhofft er sich vom Leben?“ – Zukunftsaussichten damals und heute
  • Quelle „Was erhofft er sich vom Beruf?“ – der Begriff Leistung
  • Anleitung für Präsentationen und Diskussion
  • Erstellung Mindmap zur Lebenswelt von Lehrlingen

Auszug aus dem Beitrag „Lehrlinge heute“

Zur Bedeutung der 1960er Jahre im Kontext des Unterrichtsbeispiels: Die 1960er Jahre stehen für soziale Umbrüche. Die Studie Lehrlinge heute (erschienen 1966, Datenerhebung 1961) spiegelt vielschichtig die Werte und Normen der Nachkriegsgesellschaft wider: traditionelles Familienbild, dazugehörige Geschlechterrollen, hierarchische Strukturierung in Arbeiter/innen und Bürgerliche. Zugleich werden die bevorstehenden gesellschaftlichen Veränderungen bereits zum Teil wahrnehmbar. Großteils kommen diese Veränderungen in Österreich erst in den 1970er-Jahren zum Tragen.

Die langsame Abkehr von althergebrachten Geschlechterbildern zeigte sich zum Beispiel in der Familienrechtsreform in den 70ern: Die Stellung des Ehemannes als Oberhaupt der Familie wurde abgeschafft, die Position unehelicher Kinder wurde verbessert, Unterhaltsvorschüsse wurden eingeführt, die Stellung der Frauen bei Scheidungen wurde gestärkt. Im Zusammenhang mit diesen gesellschaftlichen Entwicklungen sind auch die Aufhebung des Totalverbots von Homosexualität 1971, die Einführung straffreier Schwangerschaftsabbrüche 1975 oder auch die Zulassung der Pille als Verhütungsmittel 1962 zu sehen.

Die Demokratisierung der Gesellschaft in den 1960er- und 1970er-Jahren ist auch eng mit zunehmenden Bildungsmöglichkeiten, mehr Mitspracherechten und sozialem Aufstieg verbunden: Abschaffung der AHS-Aufnahmeprüfungen, Einführung kostenloser Schulbücher und der Freifahrt für Schüler/innen, Einrichtung von Klassensprecher/innen, Öffnung der Universitäten. Lehrlinge setzten im Jahr 1973 mit dem ÖGB die Einrichtung von Jugendvertrauensräten durch. Die Gewerkschaftsjugend hatte zuvor im Rahmen der „Aktion M wie Mitbestimmung“ Unterschriften dafür gesammelt.

Einstieg: Festnetztelefon

Dieses Telefon stammt aus dem Jahr 1955 und wurde von der Firma Kapsch hergestellt. Es ist in der Ausstellung Neue Zeiten. Österreich seit 1918 im Haus der Geschichte Österreich zu sehen. Mithilfe einer Tabelle, die die Kosten fürs Telefonieren und das monatliche Durchschnittseinkommen (beides von 1959) enthält, können die Schüler/innen die Kosten von Telekommunikation von damals und heute vergleichen und die Veränderungen in der Gesellschaft beschreiben. Spannend wäre auch eine Diskussion und Beurteilung dieser Veränderungen.

MEHR! Was jetzt WissenPlus Haus der Geschichte Österreich Kapsch Telefon

Quelle: Haus der Geschichte Österreich | Dieses Kapsch-Telefon wird in der Hauptausstellung des hdgö ausgestellt und ist ein Leihobjekt des Technischen Museum Wien.

„Wer ist der Vater?“

Väter, die selbst Matura gemacht haben, werden ihre Söhne auch auf die Mittelschule schicken. Denn der Sohn soll es mindestens auch so weit bringen wie der Vater. Außerdem wird das Interesse an der Schule (und auch die Schulintelligenz) teilweise anerzogen: Wenn die Eltern Matura oder gar eine Hochschulbildung haben, werden sie ihrem Kinde auch schon von klein auf beim Lernen helfen können und ihm überdies die Überzeugung einimpfen, dass es ein großer Vorteil ist, eine höhere Schule besucht zu haben. Stete Aneiferung und gegebenenfalls Nachhilfestunden tun dann das Ihre, dass der Bub die Matura ‚erpackt‘. […]

Der Sohn eines Facharbeiters oder noch mehr eines Hilfsarbeiters muss schon weit über dem Durchschnitt zum Lernen Lust und Begabung haben, sich auch durchsetzen können und von den Lehrern in der Schule bestärkt werden, wenn er es bis zur Matura bringen soll.

Auszug aus: Ernst Gehmacher, Österreichisches Institut für Jugendkunde (Hg.), Lehrlinge heute. Verhalten, Gewohnheiten, Erfahrungen, Wien 1966, 15–18.

Diskutiert wird hier die Thematik, inwiefern Bildung und sozialer Status vererbt wurden bzw. werden. Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen Begabung und Vererbung.

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Bildquelle: VGA, Wien/Johann Klinger

Aktuelles aus dem Haus der Geschichte Österreich

Zudem bietet das Haus der Geschichte Österreich aktuell drei spannende Workshops an: Die Arbeiterkammer Wien und das hdgö laden berufstätige Jugendliche ins Museum ein. Es geht darum herauszufinden, wie sich die Arbeit in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, welche Mitbestimmungsmöglichkeiten es am Arbeitsplatz gibt und woher stereotype Rollenbilder kommen.

Die Schwerpunkte orientieren sich an den aktuellen Lehrplänen der Berufsschulen und nehmen Lebens- wie Arbeitswelten von Jugendlichen als Ausgangspunkt. Die Teilnahme ist kostenlos! Weitere Informationen auf der Seite des hdgö.

Gesamter Beitrag für den Unterricht

Den gesamten Beitrag finden Sie auf der Website des Haus der Geschichte Österreich auch als angemeldete Lehrperson im Online-Lehrerzimmer unter WissenPlus.

 

Schulbuchbezug

Geschichte und Politische Bildung

Politische Bildung Wirtschaft und Oekologie PTS Hoelzel VerlagPolitische Bildung und Zeitgeschichte HAS Lernen will mehr! Wissen koennen handeln HAK Politische BildungPolitische Bildung and Zeitgeschichte FW Hoelzel VerlagStandpunkt HLW II Geschichte und politische Bildung Lernen will mehrPolitische Bildung MEHR! Buch für die Berufsschule

 

 

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.