Schwerpunkt: Medienkompetenz

Leichte Sprache: Wie Ihre Texte von allen verstanden werden

capito Wien fördert die barrierefreie Kommunikation mit verständlicher Sprache. Geschäftsführer Robert Winklehner erklärt, wie Lehrende ihre Texte lesbarer machen und wie Kafkas Schachtelsätze in Leichte Sprache übersetzt werden.

Florian Wörgötter - 4. März 2021

MEHR_wasjetzt_Robert Winklehner Leichte Sprache ©capito Wien

Wollen Sie verstanden werden? Dann probieren Sie’s mit Leichter Sprache. Robert Winklehner von capito Wien erklärt im Interview, wie Ihre Texte lesbarer werden und Sie sogar kafkaeske Schachtelsätze verständlich machen.

Sind Sie auch schon an Texten verzweifelt, die nach dem dritten Anlauf noch immer keinen Sinn ergeben? Dann kennen Sie das Gefühl des Selbstzweifels, etwas nicht verstehen zu können. Doch den Fehler sollten Sie nicht immer bei sich suchen, denn er kann auch bei der/dem Schreiber/in der Zeilen liegen. Denn verstanden zu werden ist größtenteils eine Bringschuld, sich verständlich machen zu müssen. Sie wollen verstanden werden? Dann finden Sie eine Leichte Sprache.

Die gemeinnützige Organisation capito Wien übersetzt schwierige Texte in leicht verständliche Sprache, gestaltet barrierefreie Webseiten und veranstaltet Workshops zum Thema Leicht Lesen. Zu den Kunden zählen das Gesundheitsministerium, die Wirtschaftskammer, das AMS oder das Kunsthistorische Museum.

Geschäftsführer Robert Winklehner erklärt im Interview, welche Kriterien eine Leichte Sprache auszeichnen, welche Chancen das Leichte Lesen im BHS-Bereich hat und wie man Kafkas Schachtelsätze verständlich macht.

Was jetzt: Herr Winklehner, was unterscheidet das Konzept der Leichten Sprache vom Konzept der Einfachen Sprache?

Robert Winklehner: Einfache Sprache ist das Bemühen, Sprache so zu formulieren, dass sie auch jede/r sofort versteht. Leichte Sprache greift dieses gesellschaftspolitische Anliegen auf, stellt aber Kriterien für eine gute und leichte Verständlichkeit auf, die erfüllt sein müssen. Das Leichte Lesen als Teilbereich der Leichten Sprache erfüllt diese Kriterien in Textform.

Vergleichen wir Leichte Sprache mit dem Sprachniveau einer Fremdsprache, das beim Anfängerniveau A1 beginnt und bei Level C intellektuell und wissenschaftlich wird: Am besten verstehen wir uns beim Plaudern oder Lesen auf dem Level B1 und B2. Wissenschaftliche Untersuchungen sagen sogar, dass 40 Prozent der Menschen Texte auf dem Level C nicht mehr verstehen können.

Wir erleben in unserer Gesellschaft sehr oft, dass Kommunikation nicht funktioniert. Weil jene, die reden, so kommunizieren, dass jene, die zuhören, nicht mehr verstehen, was gemeint ist. Das kann mit kommunikationswissenschaftlichen Theorien erklärt werden, hat aber oft einen ganz einfachen Grund: Texte sind zu schwierig gestaltet oder Kommunikation ist nicht barrierefrei zugänglich.

Wo sehen Sie die größten Informationsbarrieren unserer Gesellschaft?

Beim Onlineshopping müssen wir 20 Seiten kompliziert formulierte AGBs lesen und unterzeichnen, obwohl kaum ein Mensch ihren Inhalt versteht. Als Staatsbürger/innen sollen wir uns an Gesetzestexte halten, die in ihrem Juristendeutsch primär für andere Juristinnen und Juristen geschrieben sind. Auch Zeitungen haben meist intellektuelle Ansprüche, doch sie finden nicht immer Worte, die auch alle verstehen.

„Sprache ist ein urdemokratisches Mittel. Ohne Verstehen funktioniert Demokratie nicht.”

Solange Menschen von Information und Kommunikation ausgeschlossen sind, besteht noch immer die Möglichkeit, auf sie bestimmend einzuwirken. Darum glaube ich zutiefst, dass verständliche Sprache ein urdemokratisches Mittel ist. Ohne Verstehen funktioniert Demokratie nicht.

Anhand welcher Kriterien definiert capito eine Leichte Sprache?

Unsere Hauptarbeit bezieht sich auf die Sprachniveaus A2 und B1. In A2 sollen Hauptsätze formuliert werden, die möglichst keine Fremdwörter enthalten sollen. Zusammengesetzte Hauptwörter sind aufzulösen. Hauptwörter sind in Zeitwörtern zu formulieren. Also nicht: „Die Rede des Bürgermeisters war großartig“, sondern: „Wie der Bürgermeister redet ist gut.“ Besonders Hauptwort-Ketten werden schnell unverständlich.

B1 kann auch einfache Nebensätze beinhalten. Komplexe Satzgefüge sollen vereinfacht werden und die Satzlänge soll kurz sein, weil man so den Sinnzusammenhang einfacher erfassen kann. Beim Punkt sollte man eine Pause machen können, die auch beim Sprechen und Vorlesen dient, dass der Inhalt besser ankommt.

An wen richten sich Texte in Leichter Sprache?

Leichte Sprache richtet sich an Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erlernen und sich langsam in unsere Gesellschaft integrieren wollen; an Menschen mit Lern-Behinderungen, die keine komplexen Zusammenhänge verstehen können; an Menschen, die ihr Sprachvermögen verloren haben, etwa im hohen Alter oder wegen einer Krankheit.

Dazu kommen auch Schulabgänger/innen, die Texte zwar vorlesen können, aber ihren Sinn nicht erfassen können, sogenannte funktionale Analphabeten. Sie alle benötigen verständliche Inhalte in einfacher Form, unterstützt mit Bildern und Fotos.

Welche Rolle sollte eine Leichte Sprache im BHS-Bereich spielen?

In jeder Schulstufe sollten leicht verständliche Texte angeboten werden, weil Schüler/innen sonst beim Lesen oder Zuhören sehr schnell aussteigen. Wenn sie etwas nicht verstehen, verlieren sie das Interesse oder empfinden sich vielleicht sogar als dumm.

Im BHS-Bereich verstehen Schüler/innen auf hohem Niveau täglich gebrauchte Fachbegriffe. Wenn es aber um schwierige Zusammenhänge in Politik, Literatur oder für eine Entscheidungsfindung geht, wäre es wichtig, ein zugängliches Sprachniveau zu finden. Dabei muss erkannt werden: Ein zugängliches Sprachniveau hat keinesfalls mit fehlender Intelligenz zu tun. Es geht einfach darum, verstanden zu werden.

Ein Tipp für Lehrende: Wie machen sie ihre Texte leicht lesbar?

Vor dem Schreiben sollte man klar definieren, was den Zuhörerinnen/Zuhörern oder Leserinnen/Lesern wirklich wichtig ist – und nicht dir als Schreibende/n. Diese Botschaft formuliert man in kurzen, knappen Sätzen. Bei jedem Nebensatz sollte man sich fragen, ob die Ergänzung auch in einem zweiten Hauptsatz Platz hat. Ist der Gedanke wichtig, hat er ein Recht auf einen eigenen Satz; ist er nicht wichtig, dann brauchen ihn auch die Leser/innen nicht. Das bedeutet auch: Verabschiede dich von deinen Lieblingen.

„Ist der Gedanke wichtig, hat er ein Recht auf einen eigenen Satz; ist er unwichtig, brauchen ihn auch die Leser/innen nicht.“

Ich habe selbst Germanistik studiert und zehn Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Erst seitdem ich mich intensiv mit Leichter Sprache und Leichtem Lesen beschäftige, ist es mir gelungen, meine eigenen Texte aufs Wesentliche zu reduzieren.

Capito übersetzt auch Literatur in Leichte Sprache. Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn man Franz Kafka vereinfacht?

Franz Kafka hat auch kurze Texte verfasst, die sprachlich und inhaltlich ans Herz gehen. Jedoch bleibt der Zugang zum Inhalt aufgrund der Sprache oftmals verschlossen. Im Text „Eine kaiserliche Botschaft” geht’s um einen Boten und die Unklarheit, ob seine Botschaft ankommen wird. Dieser Stoff liegt uns besonders nahe, weil auch wir versuchen, eine Botschaft so zu gestalten, dass sie ankommt.

Natürlich versucht jede Übersetzung nahe an der Stimmung, am Tempo und am Rhythmus des Originaltexts zu bleiben. Die Verständlichkeit wird erhöht, indem man kurze Sätze formuliert, Hauptwörter in Zeitwörter umwandelt und für schwierige Begriffe ein Synonym findet.

Können Sie einen Satz aus „Eine Kaiserliche Botschaft“ analysieren?

Kafka schreibt im Originaltext:

„Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer.“

Diesen sehr langen Satz mit diversen Satzzeichen lösen wir in einzelne Hauptsätze auf:

„Der Bote hat sich sofort auf den Weg gemacht. Er ist ein kräftiger und ausdauernder Mann. Er bahnt sich den Weg durch die Menge. Dabei streckt er einmal den linken, einmal den rechten Arm vor.“

Der Inhalt bleibt erhalten, aber aus dem Satz werden kurze, besser verständliche Sätze. Beim Auflösen der Sätze versuchen wir den Wortschatz der Autorinnen und Autoren zu verwenden. Bei Kafka ist dies relativ gut möglich, weil er selbst wenig Fremdwörter gebraucht hat. Nur dort, wo ein Wort gar nicht verständlich ist, wird es ersetzt.

Welchen Text lesen Sie lieber? Das Original oder die Übersetzung?

Ich kann es kaum sagen. Kafkas Bemühen um die Sprache ist natürlich spannend zu lesen. Er hat sich ja nächtelang für die richtige Formulierung gequält. Wenn’s aber um die Gesamtgeschichte und ihre Botschaft geht, dann ist die Übersetzung auch toll.

Wer Literatur in Leichter Sprache lesen möchte, dem empfehle ich vor allem den Verlag „Spaß am Lesen“, der auch Bestseller wie „Ziemlich beste Freunde“ oder „Winterkartoffelknödel“ übersetzt hat.

Alle ihre übersetzten Leicht Lesen-Texte erhalten das LL-Gütesiegel von Capito. Dieses garantiert, dass ausgebildete Übersetzerinnen und Übersetzer den Text übertragen haben und eine Prüfgruppe ihn verstanden hat. Wie funktioniert dieser Review-Prozess?

Eine kleine Gruppe von Menschen, für die der Text gedacht ist, liest ihn durch und erklärt einer/m Moderator/in, welche Sätze sie nicht versteht. Darunter sind Menschen mit Lernbehinderungen und Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache. Ihr Feedback fließt dann in eine zweite Bearbeitung. Erst wenn diese von der Prüfgruppe vollends verstanden wird, darf unser gelb-grünes LL-Siegel drauf.

„Erst wenn eine Prüfgruppe die Texte vollends versteht, darf unser Leicht Lesen-Siegel drauf.“

Wird dieser Review-Prozess auch angewandt, wenn Sie eine Webseite für das Gesundheitsministerium übersetzen?

Ja, unsere Übersetzungen zum Thema „Corona” und „Impfen” für das Gesundheitsministerium wurden von einer Prüfgruppe als verständlich erklärt. Nur in wirklich dringenden Fällen – wie etwa Übersetzungen von Parlaments-Protokollen − bleibt keine Zeit für eine Prüfgruppe, dann steht aber auch kein LL-Siegel dabei.

Sie veranstalten derzeit auch einen Literaturwettbewerb in Leichter Sprache. Worum geht’s?

Wir haben die Frage aufgeworfen: Ist es möglich, Literatur unmittelbar so zu gestalten, dass sie leicht zu lesen ist? Dass sie als kreativer Prozess keine Übersetzung aus einem höheren Sprachniveau ist? Wir haben Absolventinnen und Absolventen unserer Kurse eingeladen, Menschen mit Lernbehinderungen und Leser/innen unseres Magazins. Die eingereichten 32 Texte beschäftigen sich unter anderem mit Corona und der Liebe.

Eine Auswahl davon lese ich beim „Vorlesetag”, einer Initiative des ORF und des Echo-Medienhaus. Am 18. März können Jugendliche ab 17 Uhr per Zoom-Link zuhören.

Sie bilden auch in Workshops zum Leichten Lesen aus. Was könnten BHS-Lehrende in einem solchen Kurs lernen?

Wie wir auch für Unternehmen spezielle Workshops kreieren, können wir auch für BHS-Lehrende Workshops zum Formulieren in Leichter Sprache erstellen. Danach schreibt man verständlichere Arbeitsaufträge und Aufgabenstellungen oder Rückmeldungen und Kommentare.

Wir laden auch unsere Prüfgruppen ein, die Texte der Lehrgangsteilnehmer/innen vor den Schreibenden zu kommentieren. Es kann sehr spannend für Lehrkräfte sein, wenn jemand ihre Texte verstehen soll, der nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen steht wie ihre Schüler/innen.

Zum Angebot von Capito geht’s hier. Zum WissenPlus zum Thema E-Books in einfacher Sprache geht’s hier.

 

Mehr zum Thema Medienkompetenz:

So geht MEDIEN: Das deutsche Lexikon der Medienkompetenz
Wie prügeln sich Politiker/innen? Das Magazin Katapult antwortet in Karten
Safer Internet Day: „Soziale Netzwerke werden erwachsen”
Südwind Steiermark: Globales Lernen von und mit Popkultur
Fritz Plasser über die Ära Trump: „Durch die Bank ein Regelverstoß“
WissenPlus: Zeitungsartikel von MISCHA über Kapitol, Trump und Biden
Lehrmaterial Medienethik: Schlüpfen Sie in die Rolle des Presserates
Internet Ombudsstelle: 10 Tipps für sicheres Online-Shopping
Was Lehrkräfte von HipHop über die Gesellschaft lernen
News-Avoider/innen: Die Hälfte der Jugend meidet Politik in den Nachrichten
Peter Filzmaier: Einen Wahlkampf im Unterricht analysieren
Leo Hemetsberger: „Im Internet gibt es keine Privatsphäre“
Fobizz: Online-Medienbildung für Lehrkräfte
Rat auf Draht: Sexualität in digitalen Medien
Fachstelle Enter: Wie Lehrende Computerspiele verstehen lernen
Wo Gamer/innen ihr Hobby studieren können
Was lernt man eigentlich in der Medien HAK Graz?
Safer Internet: Barbara Buchegger über Online-Sexismus
Interview mit Mimikama-Faktenchecker Andre Wolf
Medienprojekte beim Media Literacy Award
WissenPlusVideo: #blacklivesmatter im Unterricht
Digital-Expertin Ingrid Brodnig über Verschwörungsmythen im Unterricht
WissenPlusVideo: Die Tricks der Fake News-Macher durchschauen