Schwerpunkt: Entscheidungen

Offener Unterricht: Lernen fürs Leben

Das TGM in Wien, eine der größten HTLs des Landes, setzt auf ein neues pädagogisches Konzept: das Lernbüro. Dort entscheiden die Schüler, wie oft sie woran lernen. Das hat Auswirkungen auf die Arbeit der Lehrer – und auf die Schulbücher.

Von Thomas Rott, Fotos: Christopher Mavrič - 30. Jänner 2019

 

Wenn wir im Verlag die Arbeit an einem M-BOOK abgeschlossen haben, die gedruckten Ausgaben ausgeliefert sind und die Online-Version getestet und publiziert ist, herrscht natürlich große Freude: Endlich ist alles fertig!

Für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrerinnen und Lehrer ist das jedoch der Punkt, an dem ihre Arbeit erst beginnt. Denn allzu leicht vergessen wir, dass ein Lernmedium bloß ein vorerst fertig „montierter“ Modellbausatz ist, der im Unterricht zuerst einmal zerlegt und dann im Lernprozess wieder rekonstruiert wird.

Das erleben wir etwa, wenn wir Testklassen besuchen, die mit den M-BOOKs arbeiten. Und das haben wir vor allem bei unserem Besuch am Technologischen Gewerbemuseum (TGM), der größten HTL Wiens, sehen können.

Unterricht: offen und innovativ

Rund 2.400 Schülerinnen und Schüler werden in der Wexstraße unterrichtet, seit bald drei Jahren wird hier in der Abteilung für Informationstechnologie ein innovatives Konzept offenen Unterrichts und selbstständigen Lernens umgesetzt: das Lernbüro.

 

Besuch in einem der Lernbüros in der HTL in der Wiener Wexstraße. Bei den Schülerinnen und Schülern scheint die neue Offenheit anzukommen.

 

Zwar wird in den teilnehmenden Jahrgängen noch nicht mit M-BOOKs gearbeitet, aber die Praxis zeigt, dass gerade diese Form des Lerndesigns auf ein umfangreiches instruktives Medienangebot angewiesen ist. Hinzu kommt, dass diese Medien für individualisiertes, selbstverantwortliches Lernen flexibel anpassbar und modularisierbar sein müssen.

Darüber hinaus müssen die Pädagoginnen und Pädagogen die Möglichkeit haben, die Medien mit eigenen Materialien und didaktischen Varianten zu kombinieren. Nicht zuletzt gilt es, die Lernergebnisse mithilfe von laufenden Fortschrittskontrollen und Überprüfungen im Blick zu behalten.

Punktgenaue Unterstützung

Nur so kann den Jugendlichen ein individuelles Coaching sowie eine punktgenaue Unterstützung angeboten werden. Viele der Erfahrungen, die im TGM mit dieser Form des offenen Lernens gemacht werden, fließen in die Weiterentwicklung der M-BOOKs ein.

Zwar können bereits jetzt auf der MANZ-Website virtuelle Lerngruppen angelegt und individuelle Aufgaben mit M-BOOK-Zusatzmaterialien erstellt werden. Doch in einer der nächsten Entwicklungsstufen soll es möglich sein, die digitalen M-BOOKs in einzelne Lernbausteine zu zerlegen, die Lehrerinnen und Lehrer mit eigenen Materialien und Lernaktivitäten völlig frei kombinieren können.

 

 

In der Übersichtsgrafik wird dieser Prozess schematisch dargestellt. Das Ziel sind individuell abgestimmte Lernprozesse und -erlebnisse, eine punktgenaue Unterstützung und Förderung sowie das Heben aller Potenziale – bei den Schülerinnen und Schülern, aber auch bei allen Lehrerinnen und Lehrern.

 

So funktioniert das Lernbüro:

Seit Herbst 2016 werden im TGM sogenannte Lernbüros angeboten. Dabei handelt es sich um ein neues pädagogisches Konzept, das einen Wissenserwerb weg vom lehrerzentrierten Unterricht und hin zum schülerzentrierten, selbstgesteuerten Lernen ermöglichen soll.

Im Rahmen eines Schulversuchs, der vom Institut für Bildungswissenschaften der WU Wien evaluiert wird, werden zwei von vier Klassen eines Jahrganges an der Höheren Abteilung für Informationstechnologie als Lernbüro geführt.

Lernbüro statt Schulstunden

In diesen Klassen sitzen die Schülerinnen und Schüler nicht mehr in den Mathematik-, Deutsch- oder Englischstunden, sondern gehen eben ins Lernbüro. Dort können sie selbst entscheiden, wann und wie lange sie für ein Fach lernen.

Das Modell greift Ideen aus der Montessori-Pädagogik und aus Konzepten von Margret Rasfeld, einer ehemaligen Berliner Schuldirektorin, auf. Die zentrale Idee dahinter: Schule muss heute junge Menschen auf zukünftige Berufe vorbereiten, die es jetzt noch gar nicht gibt.

Deshalb sollen sich Schülerinnen und Schüler nicht einfach nur „den Stoff“ aneignen, sondern vor allem lernen, wie sie Wissen und Kompetenzen selbstständig erwerben.

 

Die Schülerinnen und Schüler können selbst entscheiden, wann und wie lange sie für ein Fach lernen.

 

Hier setzt die Idee dieses Konzepts an. Es gibt keinen Frontalunterricht und keinen festen Stundenplan mehr. Stattdessen stehen den Schülern täglich zu bestimmten Stunden mehrere Arbeitsräume zur Verfügung: einer für Mathematik, einer für Deutsch, einer für Englisch, ebenso für die technischen Fächer.

Lehrer wird zum Coach

Wer etwa in Mathematik weiterkommen möchte, besucht das Mathematik-Lernbüro. Dort stehen den Schülerinnen und Schülern Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung und ein Mathematik-Lehrer erklärt bei Bedarf jedem, was er wissen möchte.

Der Lehrer trägt nicht mehr den Stoff vor, sondern wird zu einem Coach, der Fragen beantwortet. Die Schüler arbeiten individuell und in Eigenverantwortung. Vorgegeben sind Lernpfade und Wissenspakete, die sich die Schülerinnen und Schüler bis zur nächsten Schularbeit aneignen müssen.

Selbst gestalteter Arbeitsablauf

Wie und wann, bleibt ihnen selbst überlassen. Und damit ändern sich die Rollen entscheidend: Die Schüler sind nicht mehr Teil eines Publikums, das sich berieseln lässt, sondern gestalten ihren Arbeitsablauf selbst.

Eines der Hauptziele ist es, die Jugendlichen erst gar nicht daran zu gewöhnen, dass ihnen immer gesagt wird, was zu tun ist. Diese Haltung passt schon längst nicht mehr zu den tatsächlichen Anforderungen einer sich immer rascher wandelnden Arbeitswelt.

Vielmehr soll dieses System den Schülerinnen und Schülern helfen, sich selbst zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen. Und wo bleiben die Lehrerinnen und Lehrer? Sie üben eine begleitende Kontrolle aus.

Schularbeiten als Leistungskontrolle

Statt frontal zu unterrichten, überprüfen und unterstützen sie den Lernfortschritt der einzelnen Schüler, sodass möglichst alle mit den einzelnen Wissenspaketen planmäßig vorankommen.

Denn ohne Leistungskontrolle, konkret Schularbeiten, kommt auch diese Form des Unterrichts nicht aus. Die Überprüfungen laufen nicht nur nach gewohntem Muster ab, sondern werden am TGM in den Lernbüro-Klassen und den herkömmlichen Klassen gleichzeitig und mit den identen Aufgaben durchgeführt. Das ermöglicht einen direkten Vergleich der Methoden.

 

Autor Thomas Rott ist Leiter des Bereichs Innovation und Marketing bei MANZ Verlag Schulbuch. Er hat nichts dagegen, wenn M-BOOKs in ihre Bestandteile zerlegt werden. Solange es einem didaktischen Ziel dient, zumindest.

 

Links

TGM Wien
Verein Lernen im Aufbruch

 

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Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 2/18