Schwerpunkt: Medienkompetenz

Lehrmaterial Medienethik: Schlüpfen Sie in die Rolle des Presserates

Ist Journalismus der „Watchdog der Demokratie“, dann ist der Presserat der „Watchdog des Watchdogs“. Geschäftsführer Alexander Warzilek erklärt, wie Schüler/innen mit dem Lehrmaterial des Presserates echte Fälle durchspielen.

Florian Wörgötter - 14. Jänner 2021

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Medienkompetenz am Verhandlungstisch: Der Österreichische und der Deutsche Presserat haben Lehrmaterialien zum Thema Medienethik veröffentlicht. Anhand echter Fälle lernen Schüler/innen, was verantwortungsvollen Journalismus auszeichnet.

Darf religiöse Zugehörigkeit in Medienberichten eine Rolle spielen? Können Facebook-Fotos eines verstorbenen Lehrers in Artikeln publiziert werden? Warum sollten VW-Markenbotschafter/innen besser keine Autos testen? Medienethische Problemstellungen wie diese beurteilt der Österreichische Presserat, wenn ihm Beschwerden zu Recherchen oder Berichten im Print- bzw. Onlinejournalismus angetragen werden.

Neues Lehrmaterial mit realen, didaktisch angepassten Case Studies erlaubt nun Schülerinnen und Schülern, in die Rolle des Presserates zu schlüpfen. „Die Beschäftigung mit Medienethik und unseren Fallstudien fördert das Verständnis, zwischen vertrauenswürdigen und dubiosen Quellen unterscheiden zu können“, erklärt Markus Warzilek, Geschäftsführer des Österreichischen Presserates, das medienpädagogische Ziel der Rollenspiele.

Die in englischer Sprache formulierten Fälle betreffen den Persönlichkeitsschutz und den Schutz vor Diskriminierungen von gesellschaftlichen Gruppen. Sie sollen die Sensibilität der Schüler/innen auch im Zusammenhang mit Mobbing und Hass im Netz schärfen, sagt Warzilek.

Debattieren wie der Presserat

Der Österreichische Presserat ist nach Eigendefinition ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Warum braucht es dieser Tage einen Presserat?

„Der Presserat ist als unabhängige Selbstkontrolleinrichtung ein Garant dafür, dass Medien ethisch korrekt handeln und ordentlich recherchieren. Er stärkt ihre Glaubwürdigkeit – das ist gerade in Zeiten, in denen Medien von vielen Seiten angegriffen werden, enorm wichtig“, so Warzilek.

Die rasante Verbreitung von Informationen im Internet und in sozialen Medien habe dazu geführt, dass auch professionelle Redaktionen ihre Infos manchmal vorschnell weitergeben. Der Presserat versuche auch hier, als Korrektiv einzugreifen.

Rollenspiel, Case Studies, Ehrenkodex

Im fiktiven Presserat bearbeiten maximal 10 Schüler/innen einen praxisnahen Fall zu einem Thema wie Privatsphäre oder Persönlichkeitsrecht, Diskriminierung oder Suizidberichterstattung. Zuvor teilen sie sich die Rollen in Beschwerdeführende, Medienvertreter/innen und Presserat. Die Lehrenden übernehmen den Vorsitz des Presserates, denn nur sie kennen die Lösung, die auf dem realen Urteil eines europäischen Presserates basiert.

Die Grundlage für die Diskussion bilden ein Arbeitsblatt mit der Fallstudie und der Ehrenkodex für die Presse, der die professionellen Standards des Journalismus verankert, wie etwa die Pressefreiheit, den Persönlichkeitsschutz oder den Schutz vor Diskriminierung. Nachdem sich die Schüler/innen 20 Minuten auf ihre Rolle vorbereiten, diskutieren sie den Fall 30 bis 60 Minuten im Plenum. Nach einem Hearing aller Seiten wird der Fall debattiert, über ihn abgestimmt und mit dem realen Entscheid des Presserates verglichen.

Medienethik aus diversen Perspektiven

Was lernen Jugendliche aus diesem Rollenspiel? „Die Schüler/innen sollen die Arbeit der Presseräte möglichst realitätsnah kennenlernen. An die Rollenspiele erinnern sie sich auch langfristig. Außerdem macht es Spaß, die Standpunkte zu einem medienethischen Problem mit verteilten Rollen aufzuarbeiten“, sagt Warzilek, der damit schon an verschiedenen Bildungseinrichtungen gute Erfahrungen gemacht hat.

Weiters stellt der Presserat hier auch zwei Erklärvideos für den Unterricht zur Verfügung. Das eine Video sensibilisiert für diskriminierende Berichte über Behinderung, Geschlecht, Ethnie, Religion, Hautfarbe, Sexualität oder Weltanschauung.

Das zweite Video klärt auf, welche Fehler bei der Berichterstattung über Selbstmorde vermieden werden sollten, um das Nachahmungsrisiko gering zu halten und die Angehörigen zu schützen.

Hier finden Sie weitere Infos zum ausschließlich englischsprachigen Lehrmaterial. Wer sich für die Unterlagen interessiert, sendet eine E-Mail-Anfrage an info@presserat.at. Mit dem erhaltenen Passwort können Sie hier die Lehrmaterialien runterladen.

 

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