Schwerpunkt: Fehlerkultur

Moment mal!

Ohne Irrtum keine Erkenntnis. Im Leben, in der Wissenschaft, sogar in der Evolution. Warum es verdammt gut ist, dass in jedem von uns ein Leichtbaudinosaurier steckt.

Ein Essay von Stefan Schlögl - 15. Mai 2019

 

Es wäre ein Fehler, zu glauben, der wichtigste Satz in der Geschichte der Menschheit laute: „Ich liebe dich.“ Auch nicht: „Da könnte ja jeder kommen.“ Und schon gar nicht: „Gratuliere, du bist jetzt reich.“

Der wichtigste Satz aller Zeiten lautet: „Moment, da stimmt was nicht.“ Es ist ein Satz, der uns nicht nur vor nigerianischen Prinzen mit Geldtransfer-Bedarf, vermeintlichen Super-Sonderangeboten und Chemtrail-Verschwörungen bewahrt.

Es ist ein Gedanke, der Fortschritt und Zivilisation, kurzum die Zukunft, erst gewährleistet: Das nämlich zu hinterfragen, was ist. Oder besser gesagt: Das zu hinterfragen, was als richtig erscheint.

Skepsis ist gefragt

In der Wissenschaft nennt man das permanente Infragestellen beziehungsweise Widerlegen einer Aussage Falsifikation, sei es durch empirische Beobachtung oder mithilfe eines logischen Beweises.

Dieses „Moment mal!“, diese Ausruf gewordene Skepsis gegenüber uns selbst, ist der aufregendste Satz in der Wissenschaft.

 

Es ist ein Gedanke, der Fortschritt und Zivilisation, kurzum die Zukunft, erst gewährleistet: Das nämlich zu hinterfragen, was ist. Illustration: Shutterstock

 

Schließlich befeuert er die Suche nach jenem Fehler, der unsere Wahrnehmung trüben könnte, er ermahnt uns, uns selbst immer über die Schulter zu blicken. In der Forschung, vor allem aber auch im Leben.

Weil wir eigentlich wissen, dass der Mensch nicht immer Recht haben kann, sondern eine von Irrtümern, falschen Annahmen, mitunter Bequemlichkeit beeinflusste Existenz ist.

Die Sache mit der Sünde

Schlag nach ganz am Anfang in der biblischen Erzählung im Buch Genesis: Hätten Adam und Eva nicht ein Äpfelchen vom „Baum der Erkenntnis“ genascht, würden sie noch immer im Paradies abhängen.

Doch sie „fehlten“, was noch im Frühneuhochdeutschen ein Synonym für „sündigen“ war. Es war, laut christlichem Schöpfungsbericht, nichts weniger als eine Erbsünde, die diese beiden begingen.

 

Statt nackig durch den Garten Eden zu hüpfen, dürfen wir uns seit Adam und Eva mit unseren Fehlern herumschlagen.

 

Die Folgen sind bekannt: Statt nackig und vollalimentiert durch den Garten Eden zu hüpfen, dürfen wir uns seit Adam und Eva mit unseren Fehlern herumschlagen.

Aber Moment mal! Ist es nicht gerade der Umgang mit Irrtümern, Pannen, Macken und Makeln, der die Menschheit und damit die Zivilisation immer wieder vorangebracht hat?

Abweichung schlägt Perfektion

Ihr erst die Möglichkeit gegeben hat, aus eigenen und den Fehlurteilen der anderen, aber auch aus sich ändernden Umständen zu lernen? Diese kognitive Mobilität, sich immer wieder neu zu kalibrieren, war es, die den Homo Erectus zu einem Erfolgsmuster der Evolution gemacht hat.

Weil diese Entwicklung eben NICHT nach Perfektion strebt, sondern sogar das andere, die Abweichung, das
 vermeintlich Unnütze beschützt.

Das ominöse „Survival of the Fittest“ eben nicht verstanden als – von Rassefanatikern – fehlinterpretiertes „Überleben des Stärkeren“, sondern als bestmögliche Anpassung. Und das inklusive eingebauter Fehlertoleranz.

Eine Laune der Natur

Die ist angesichts allerlei Klimaschocks, Seuchen, Meteoriten- und Vulkankatastrophen, die dieser Planet aufzuweisen hat, auch dringend notwendig. Schließlich können sich die Umweltbedingungen immer wieder einmal schlagartig ändern.

Und für diese Fälle hat die Natur – überleben heißt, Alternativen zu haben – immer etwas in petto: So entwickelten sich zum Beispiel in der Zeit der Dinosaurier Mutationen, die die Evolution nicht einfach ausputzte, sondern gewähren ließ.

 

Eine Fehlertoleranz ist angesichts allerlei Klimaschocks, Seuchen, Meteoriten- und Vulkankatastrophen, die dieser Planet aufzuweisen hat, dringend notwendig. Illustration: Shutterstock

 

Im konkreten Fall einen seltsamen Leichtbaudinosaurier mit hohlen Knochen, der mit seinen Vorderbeinen lustig wackeln konnte. Absolut sinnlos, eine Laune der Natur.

Doch nach ein paar Entwicklungsschüben konnte sich der Mutant dank seiner skurrilen Schwingen in die Lüfte erheben. Als die Dinosaurier – vermutlich nach einem Meteoriteneinschlag – langsam von der Erde verschwanden, stieg dieser leichte, genügsame, mobile Ur-Vogel plötzlich zum Evolutions-Champ auf. Der Außenseiter war plötzlich zur „Erfolgsstory“ geworden.

Wenn aus Irrtümern Optionen werden

Die Erkenntnisse, die uns die Evolution also an die Hand gibt: Ein Fehler ist nicht immer ein Irrtum, er ist womöglich eine Option auf eine radikal einsetzende Veränderung.

Sich dabei auf alte Gewissheiten zu verlassen („So ein Brontosaurus war immer erfolgreich, also müssen wir ihm nur lernen, mit den Ärmchen zu wedeln, dann läuft es schon wieder.“) ist eher wenig hilfreich. Und: Ein vielfältiges Denk- und Ökosystem ist weitaus widerstandsfähiger als eine Monokultur.

 

Ein Fehler ist nicht immer ein Irrtum, er ist womöglich eine Option auf eine radikal einsetzende Veränderung.

 

Wir brauchen also die Querdenker, die Außenseiter, die scheinbare Abart der Normalität. Den Christoph Kolumbus, der hinter den Gestaden des Atlantiks Indien vermutete (Fehler!), diese vier Typen aus Liverpool, die sich von jugendschutzgefährdenden Krawall-Rockern (Fehler!) zu den Schöpfern von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ aufschwangen.

Und wenn Alexander Fleming ein paar Petrischalen nicht ungereinigt liegen hätte lassen (Fehler!), hätte er niemals das Penicillin entdeckt.

Schildkröten-Drama

Definitiv ein Fehler hingegen war es, dass der griechische Dramendichter Aischylos nicht nach oben blickte, während er bei einem Spaziergang seinen Gedanken nachging. Ein Bartgeier, so geht die Legende, ließ eine Schildkröte auf das Dichterhaupt fallen.

Das Ergebnis war letal – und zeitigt doch eine gewisse Ironie des Schicksals. Schließlich war es Aischylos, der uns den Satz „Aus Leiden wird man klug.“ hinterließ.

Diese Episode zeigt im übertragenen Sinne: Selbst größtmögliche Weisheit kann einen nicht vor der Natur, vor einem selbst bewahren. Wir müssen damit leben, dass eben nicht immer alles rund läuft, nicht immer dem hehren Ideal entspricht. Bei uns selbst. Und bei den anderen.

Wir sind nicht superperfekt

Es würde also einiges für etwas mehr Gleichmut im Umgang mit unseren kleinen und großen Missgeschicken sprechen. Vor allem, 
wenn wir uns immer wieder
 vergegenwärtigen, dass wir
 einfach nicht superperfekt sein
können.

Drei Beispiele: Wir wissen einfach nicht,
was morgen, übermorgen, in
 der Zukunft passiert. Da helfen
weder meterlange Bücherregale, die wir konsultieren, all
unsere Erfahrungswerte und
 nicht einmal ausgewiesene Ex
perten.

Affen und Dartspfeile

Das zeigt eine Studie,
 die Jürgen Schaefer in seinem überaus lesenswerten Buch „Lob des Irrtums. Warum es ohne Fehler keinen Fortschritt gibt“ in Stellung bringt: Ab den 1980ern befragte der Psychologe Philip Tetlock über Jahre hinweg 284 Fachleute zu den Zeitläuften.

Endet die Apartheid in Südafrika? Wird in der Sowjetunion eine Revolution gegen Gorbatschow ausbrechen? Über zwanzig Jahre hinweg sammelt Tetlock mehr als 80.000 Aussagen.

 

Wir wissen einfach nicht,
was morgen, übermorgen, in
 der Zukunft passiert. Da helfen 
weder meterlange Bücherregale, die wir konsultieren, oder all
unsere Erfahrungswerte. Illustration: Shutterstock

 

Die Auswertung ergab: Die Expertinnen und Experten lagen mit ihren Prognosen durchwegs falsch, ihre Vorhersagen waren so treffsicher, „als würden Affen Dartspfeile auf eine Zielscheibe werfen“, wie es der Psychologe etwas harsch formulierte.

Weder hatte die geballte Geisteskraft den Fall der Berliner Mauer noch den „Arabischen Frühling“ vorhergesagt. Diese Erkenntnis ist übrigens kein Grund, sich mit einem selbstgerechten „Ja, ja, die Experten, was die immer faseln“ zurückzulehnen.

Schließlich sind wir
 ja alle in irgendeinem Bereich faktische oder selbsternannte Auskenner. In unserem Beruf, bei der Kindererziehung, als einer von acht Millionen Erfolgs-Fußballteamchefs.

„Rückschau-Fehler“

Zu rasch auch stimmen wir in den Chor des Zeitgeists, der sozialmedialen Stimmungsmacher ein. „Survival of the Hippest“ statt „Survival of the Fittest“.

Geglättet werden all die kleinen oder größeren Prognose-Irrtümer, die uns immer wieder unterlaufen, übrigens vom „Rückschau-Fehler“. Der, weiß die Psychologie, hilft uns, einen Widerspruch zwischen Vorhersage und Realität wieder zurechtzubiegen.

Beliebte Sätze, um das eigene, positive Selbstbild aufrechtzuerhalten, sind: „Ich hab’s ja immer geahnt.“ oder „Das lag in der Luft.“

Vertrackte Rechenaufgabe

Weiteres Beispiel, warum uns eingebaute Denkfehler am Perfektsein hindern: Wir bringen gerne Dinge durcheinander, die wir eigentlich trennen sollten. Vor allem, wenn es um Zahlen geht. Kleine Aufgabe: Was kommt bei den beiden Rechenbeispielen ungefähr heraus? Nicht durchrechnen, einfach schätzen, bitte.

9 x 8 x 7 x 6 x 5 x 4x 3 x 2 x 1 = ?

Und hier?

1 x 2 x 3 x 4 x 5 x 6 x 7 x 8 x 9 = ?

Prinzipiell ist die Summe natürlich gleich. Und Testpersonen, die im Rahmen einer Studie an diesen Angaben knobelten, gaben durchwegs viel zu niedrige Ergebnisse an. Spannend ist jedoch, dass sie die Summe im unteren Beispiel noch niedriger einschätzten als im oberen.

Während die Schätzung in der Reihe, die mit „9“ beginnt, bei 4.200 lag, lag sie bei der „1“er-Reihe bei gerade einmal 500. Das korrekte Ergebnis laute übrigens: 362.880.

Banale Einflussfaktoren

Unabhängig von der eher überschaubaren Schätzleistung, zeigt dieses Beispiel: Eine einzige banale Zahl, in diesem Fall jene am Anfang, beeinflusst uns so stark, dass gleich das ganze Ergebnis davon abhängt.

Oder anders formuliert: Wenn etwas zu komplex wird, greifen wir prompt auf unsere Gefühle zurück. Und schon ist er da, der Fehler.

Denkabkürzungen

In der Psychologie sind diese Denk-Abkürzungen als „Heuristiken“ bekannt. Sie ermöglichen es uns, in Drucksituationen oder wenn zu viele Informationen auf uns einprasseln, eine Abkürzung zu nehmen.

Oder einfach mal ungezielt loszuballern, was gewissermaßen in der Herkunft des Begriffs „Fehler“, das dem altfranzösischen „faillire“ entlehnt ist, angelegt ist. Französische Kanoniere benutzten zu Beginn der Neuzeit den Begriff, wenn sie ihr Ziel nicht trafen.

Schnell spart Energie

Statt mit Projektilen wird in unserem Fall eben mit Vermutungen und Schnell-Prognosen kartätscht, das spart nicht zuletzt wertvolle Gehirn-Energie – und lässt uns zumindest auf den ersten Blick einigermaßen gut aussehen.

Die „Verfügbarkeitsheuristik“ gibt demzufolge allem Vorrang, was uns rasch einfällt. Vorurteile oder fixe Meinungen können das sein, aber auch das schnelle Befriedigen von Genüssen, wie eben etwa kurz einmal am Baum der Erkenntnis zu naschen. Doch Heuristiken sind nicht nur böse.

Sie ermöglichen uns, in gefährlichen Situationen
zu überleben, dann etwa, wenn wir bei einem Brand in einem fremden Gebäude,
 nicht langwierig die Wände
nach Hinweisschildern für den
 Brandfall absuchen, sondern einfach dorthin laufen, woher
wir gekommen sind. Ist zwar
 riskant, aber: In aller Ruhe Wegweiser zu studieren wäre in diesem Fall definitiv ein Fehler.

 

Wir filtern Informationen, die nicht in unser Weltbild passen, gerne einmal aus.

 

Drittes Beispiel für unser ambivalentes Verhältnis zu Fehlern, den eigenen und die der anderen: Wir filtern Informationen, die nicht in unser Weltbild passen, gerne einmal aus.

Das kann neue Entwicklungen betreffen, die unser Schulwissen aushebeln (siehe Seite 22), aber auch, wenn wir mit zu vielen neuen Details bombardiert werden. Das belegt ein Experiment des irischen Psychologen Kevin Dunbar an der Universität Toronto.

Dort wählte der Forscher gezielt Personen aus, die der Ansicht waren, dass Antidepressiva Menschen fröhlicher machten. Dann fütterte er die Teilnehmer gezielt mit widersprüchlichen Studien und Belegen, die ihre Einstellung stützten, andere wiederum, die ihrer Haltung widersprachen.

 

Nur das, was den Weg von unserem Kurz- ins Langzeitgedächtnis schafft, kann auch unser Weltbild nachhaltig verändern und prägen. Illustration: Shutterstock

 

Dass die Testpersonen jene Informationen, die nicht zu ihrer Hypothese passten, völlig ignorierten, war zumindest bedenklich.

Erstaunlich war für den Forscher jedoch, dass alle Probanden von ihrer Annahme noch überzeugter waren als vorher, und das, obwohl sie Informationen bekommen hatten, die sie zum Nachdenken und einer Neubewertung animieren hätten sollen.

Aus Fehlern lernen

Physiologisch, fand Dunbar nach Gehirnscans
der Testpersonen heraus, lässt sich das Ergebnis so erklären: Wurden die Personen in ihrer Meinung bestärkt, speicherten sie die Information gleich in ihrem Gedächtnis ab.

Alles andere wurde nicht einmal bewertet, sondern sofort aussortiert. Aber nur das, was den Weg von unserem Kurz- ins Langzeitgedächtnis schafft, kann auch unser Weltbild nachhaltig verändern und prägen. Womit wir uns auch unterbewusst die Chance nehmen, aus Fehlern zu lernen.

Die Geschichte, vor allem die Wissenschaftshistorie ist voll von Beispielen, wie mühsam und langwierig dieser Prozess sein kann. Vor allem Letztere zeigt, 
wie viele Irrtümer begangen und revidiert werden mussten, um die Menschheit ein klein wenig näher Richtung allgemein überprü arerer Erkenntnis, auch Wahrheit genannt, heranzuführen.

 

Dass wir der trügerischen Annahme erliegen, dass alle Fehler in der Geschich
te der Menschheit bereits gemacht wurden, ist ebenfalls eine klassische Denkfalle.

 

Dass wir dabei der trügerischen Annahme erliegen, dass alle Fehler in der Geschich
te der Menschheit bereits gemacht wurden, ist ebenfalls eine klassische Denkfalle.

So staunen wir etwa über die
 aus heutiger Sicht skurrilen, irrwitzigen Methoden, mit denen etwa Chirurgen vor hundert Jahren ans Werk gingen, glauben aber, dass das Jahr 2019 den medizinischen Zenit der modernen Chirurgie markiert.

In wiederum einhundert Jahren jedoch werden wir für diese Fehleinschätzung bestenfalls belächelt werden.

„Alles Wesentliche ist in unserem Fach erforscht“, beschied einst ein Physiker seinem Eleven, und riet ihm, sein Studium aufzugeben. Der Student hieß Max Planck. Er wurde zu einem Begründer der Quantenphysik.

 

Literatur

Jürgen Schaefer: Lob des Irrtums.
Warum es ohne Fehler keinen Fortschritt gibt. btb 2016

Manfred Osten: Die Kunst, Fehler zu machen. Suhrkamp 2006
Elisabeth Breaux: Geht doch! So vermeiden Lehrer
die 20 häufigsten Fehler. Beltz 2011
Arthur Freeman, Rose DeWolf: Die 10 dümmsten Fehler kluger Leute. Wie man klassischen Denkfallen entgeht. Piper 2009
Fritz Oser, Maria Spychiger: Lernen ist schmerzhaft.
 Zur Theorie des negativen Wissens. Beltz 2005
Erik Kessels: Fast pefrekt. Die Kunst, hemmungslos zu scheitern. Wie aus Fehlern Ideen entstehen. DuMont 2016

 

Mehr

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Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 1/19.