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„Die Schulen müssen sich mehr am Arbeitsmarkt orientieren“

Wie die BMHS weiterhin attraktiv bleiben, was Quereinsteiger in den Lehrerberuf locken könnte und warum mit der Akademisierung eine Elitenbildung einher geht: Schul- und Bildungsforscherin Ilse Schrittesser im „Was jetzt“-Interview.

Von Manuela Tomic - 24. Oktober 2018

 

Das österreichische System der Berufsbildenden Schulen wird allseits gelobt. Also alles eitel Wonne?

Die Berufsbildenden Schulen sind jedenfalls im Großen und Ganzen eine Erfolgsstory. Vor allem mit der Höheren Schule wird dem Bedarf an höher qualifizierten Berufsprofilen nachgekommen.

Sinnvoll wäre in diesem Kontext jedoch auch ein weiterer Ausbau der Allgemeinbildenden Höheren Schule mit handwerklicher Ausbildung, die bereits an manchen Standorten eingeführt wurde.

 

„Mit zunehmender Akademisierung findet eine Elitebildung statt.“

 

Am Beispiel etwa der Pflegefachberufe lassen sich aber auch die Schwachstellen aufzeigen: mit der zunehmenden Akademisierung und Professionalisierung der Pflege findet eine Elitebildung der Pflegefachkräfte statt – auf den ersten Blick wohl ein Vorteil.

Dies hat aber zur Folge, dass die praktische Seite der Pflege, also die Arbeit am Krankenbett nun Gefahr läuft, von gering qualifizierten, teilweise bloß angelernten Arbeitskräften übernommen zu werden. Ein Phänomen, das sich auch in anderen Berufsfeldern erkennen lässt.


Worin liegen die Stärken, worin die Schwächen des berufsbildenden Schulsystems?

Die Stärken liegen im Bereich Berufsbildende Mittlere und Höhere Schulen, die eine berufliche Qualifikation kombiniert mit allgemeinbildenden Fächern anbieten.

 

„Die Schulen müssen sich an den Entwicklungen des Arbeitsmarktes orientieren, um weiterhin attraktiv zu bleiben.“

 

Damit wird eine Bevölkerungsgruppe angesprochen, die eine ausschließlich allgemeinbildende Langform, wie sie etwa das Gymnasium darstellt, aus finanziellen oder anderen Gründen nicht in Anspruch nehmen würde. Allerdings ist ein deutlicher Unterschied zwischen Berufsschulen und dem Mittleren und Höheren Berufsschulwesen festzustellen.

Während letzteres auf ein breiteres Bildungsniveau setzt, wird die Berufsschule – trotz laufender Initiativen diese Entwicklung hintan zu halten – häufig zur Restschule all jener, die es in weiterführende Schulen nicht geschafft haben.


Vor allem die Polytechnischen Lehrgänge haben Schwierigkeiten, Schüler zu finden. Wie kommen die Polys vom Image weg, einfach nur die 9. Schulstufe abzudienen?

Dieses Image abzulegen wird dann gelingen, wenn bedarfsorientierte Angebote entwickelt werden, die das Profil dieses Schultyps schärfen.

Ein Beispiel für eine solche Profilbildung stellt das „Projekt Fachmittelschule“ dar, welches das Ziel hat, nicht nur Orientierung für die weitere Berufsentscheidung zu geben – etwa durch wöchentliche Praxistage in den angebotenen Fachbereichen – sondern auch eine deutliche Verbesserung der Allgemeinbildung anstrebt und damit für die zukünftige eigenverantwortliche Lebensplanung Unterstützung geben will.

 

„Polytechnische Schulen können bedarfsorientierte Angebote entwickeln, die das Profil dieses Schultyps schärfen.“


Ganz generell besuchen immer weniger Schüler Berufsschulen und Polytechnische Schulen. Wie erklären Sie sich die sinkenden Zahlen?

Diese Entwicklung ist damit zu erklären, dass insgesamt ein Trend zu höheren Qualifikationen und damit zu Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen festzustellen ist. Dies ist als ein Spiegel des Arbeitsmarktes zu sehen, wo höher qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber bessere Berufs- und Karrierechancen haben.


Sind die BMHS am Land ein Auslaufmodell?

Die BMHS sind keineswegs ein Auslaufmodell. Allerdings müssen sich diese Schulen an den teils rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen und den Entwicklungen des Arbeitsmarktes orientieren, um weiterhin attraktiv zu bleiben.

Dies müssen sie mehr als Allgemeinbildende Höhere Schulen, die wenig spezialisiert sind, ein breites Bildungsangebot machen und daher auch weniger den diversen Trends in spezialisierten Kompetenzbereichen unterworfen sind. Sieht man sich die Schulprofile der BMHS an, so wird das auch durchaus versucht – mit Schwerpunkten auf Entrepreneurship, digitale Bildungsinitiativen und dergleichen.


HAK/HAS und HLWs verlieren an Beliebtheit. HTL, Pädagogische Hochschulen und Tourismusschulen sind hingegen gut aufgestellt. Haben diese Schulen ein Alleinstellungsmerkmal im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Schultypen?

Dies lässt sich wahrscheinlich durch die Trends am Arbeitsmarkt erklären, die für technische Berufsfelder ebenso wie für Dienstleistungsbereiche bessere Jobchancen versprechen als etwa herkömmliche Handelsakademien. HAK/HAS oder die HLWs setzen aber einiges daran, mit neuen Schwerpunktsetzungen gegenzusteuern.


Wie kann man Eltern und Schülern die breiten berufsbildenden Angebote besser näherbringen?

Gezielte Information ist der einzige Weg. Jedoch wird man sich in diesem Zusammenhang auch die Aufnahmemodalitäten der Oberstufenformate und damit auch der BMHS näher ansehen müssen.

 

„Gezielte Information ist der einzige Weg, Eltern und Schülern entsprechende Angebote näher zu bringen.“


Lehrkräfte städtischer Neuer Mittelschulen beispielsweise berichten, dass die BMHS nicht unbedingt so offen stehen für Absolventinnen und Absolventen der NMS wie man sich das wünschen würde. Gerade in diesem Bereich wäre aber eine Initiative vielversprechend.


Berufsbildende Schulen brauchen geeignetes Personal. Wie attraktiv ist der Lehrerberuf in diesem Schulsegment?

Diese Schultypen sind für Absolventinnen und Absolventen des Lehramtsstudiums durchaus attraktiv. Eine Qualitätsinitiative Berufsbildung (QIBB) stellt zum Beispiel den Versuch dar, insgesamt die Attraktivität der Lehrerinnen- und Lehrerbildung zu erhöhen.

Hier entsprechende Maßnahmen zu setzen – Imagepflege, finanzielle Anreize, gezielte Information unter anderem im Zuge der Berufsbildungsmessen und dergleichen – wird wohl erforderlich sein. Jedenfalls aber sollten Bestrebungen der Professionalisierung gerade bei der Aus- und Fortbildung der Berufsschullehrkräfte verstärkt werden.

Das heißt die Vermittlung von Professionswissen, auch die Stärkung des Professionsbewusstseins und die damit in Verbindung stehenden Rahmenbedingungen wie etwa Teambildung, Leadership oder verstärkte Kooperationen zwischen Forschung, Ausbildung und Praxis wäre in diesem Zusammenhang wünschenswert.

 

„Für Quereinsteiger in den Beruf muss sichergestellt werden, dass sie Kompetenzen auch berufsbegleitend erwerben können.“


Wie fördert man bei den Lehrern mehr Praxiswissen? Wie attraktiviert man das System für Quereinsteiger?

Das Wissen und Können von Lehrkräften ist ein Zusammenspiel von Fachwissen, fachdidaktischem Wissen und pädagogischen Kompetenzen.

Die aktuellen Ansätze der Ausbildung legen ihren Schwerpunkt auf dieses Zusammenspiel, indem etwa Kompetenzen zur Weiterentwicklung und Evaluation von Unterricht, Wissen über dessen Gestaltung, über die individuelle Begleitung von Schülerinnen und Schülern und insgesamt schulpädagogisches Wissen und Können gezielt vermittelt werden.

Wichtig hierbei ist einmal mehr, die Intensivierung der Kooperation zwischen Aus- und Weiterbildungsinstitutionen.

Darüber hinaus muss für Quereinsteiger sichergestellt werden, dass sie die erforderlichen Kompetenzen teilweise auch berufsbegleitend erwerben können. Allerdings muss auch gewährleistet sein, dass sie in ihren fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten den regulär ausgebildeten Lehrkräften nicht nachstehen.


Welche Impulse und Reformen sollten gesetzt werden, um die BMHS für die Herausforderungen der nächsten zehn, zwanzig Jahren fit zu machen?

Die BMHS sind gemäß ihrer Ausrichtung eng an wirtschaftliche Entwicklungen und an Trends des Arbeitsmarktes gebunden. Hier einen verstärkten Austausch – etwa durch gezielte Kooperationen – zu unterstützen ist empfehlenswert.

Besonders in Hinblick auf Innovationen und die Entwicklung und Erarbeitung von Lösungen für aktuelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen kann ein solcher Austausch von allen Seiten – den Lernenden, den Lehrenden und den im Beruf stehenden Expertinnen und Experten – fruchtbar gemacht werden.

 

Zur Person

Ilse Schrittesser ist Professorin für Schulforschung und LehrerInnenbildung an der Universität Wien, am Zentrum für LehrerInnenbildung und an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Schul- und Unterrichtsforschung, die LehrerInnenbildung sowie die Professionalisierungsforschung.

 

 


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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.