Bildung und Beruf

„Nutzen der Digitalisierung weitaus größer als Gefahren und Probleme“

Der Kinderpsychiater und Autor Paulus Hochgatterer befasst sich intensiv mit dem Thema Bildung. Im Gespräch mit Was jetzt plädiert er für schulische Freiräume und mehr Teamarbeit von Lehrkräften.

Das Gespräch führte Florian Bayer - 13. November 2019

 

Sie plädieren für mehr Gelassenheit im Umgang mit Kindern. Was meinen Sie damit?

Wenn es um Kinder und Schule geht, gibt es immer ganz viel Aufregung. Man regt sich auf, dass das Alte immer noch so ist, wie es vor 50 Jahren war, und dass das Neue vielleicht nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt.

Man begegnet dem Thema mit einem Alarmismus, den es nicht nur beim Thema Schule gibt, hier aber ganz besonders.

 

Was braucht die Schule von heute?

Die Schule braucht gute Betreuung der Kinder und Jugendlichen und sie braucht Geld. Man nennt es ja viel lieber „Ressourcen“, aber in Wahrheit geht es immer darum, diese Ressourcen zu finanzieren.

 

Paulus Hochgatterer Deuticke/Heribert Corn

Für mehr Individualisierung bedarf es mehr Lehrerinnen und Lehrer, meint der Autor Paulus Hochgatterer. Doch die wolle man sich offensichtlich nicht leisten. Foto: Deuticke/Hanser/Heribert Corn

 

Es braucht auch Mut und die Bereitschaft, Dinge zu verändern und alte, eingefahrene Strukturen – Gewohnheit ist ja ein starker Motivator im Leben – zu verlassen.

 

Haben sich die Aufgaben der Schulen verändert? Oft heißt es, dass die Schule heute mehr Erziehungsfunktion habe als früher.

Das wird immer wieder behauptet, und wenn man nicht genau darüber nachdenkt, neigt man sehr dazu, dieser Behauptung zu glauben. Ich habe den Eindruck, dass sich Erziehung verändert und sich dadurch das Gefühl verstärkt, dass sie in der Schule stattfinden soll.

 

„Verhaltensauffällige Kinder gab es früher auch, man ist aber anders mit ihnen umgegangen.“

 

Häusliche Erziehung hat ja früher ganz anders ausgesehen als heute. Auf Regeln und Strukturen Wert zu legen, hat zu Hause und in der Schule stattgefunden.

Verhaltensauffällige Kinder, die Schwierigkeiten machen, gab es früher auch, man ist aber anders mit ihnen umgegangen. Man hat sie auf den Gang geschickt oder in der Ecke stehen lassen, das war’s. Heute weiß man glücklicherweise, dass es sich lohnt, Zeit und Energie für diese Kinder aufzuwenden.

 

Wie hat sich die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern verändert?

Allein das Gewaltverbot, das gesetzlich und dann auch in den Köpfen der Menschen eingezogen ist, hat enorm viel verändert. Zu meiner Schulzeit wurden schon in der Volksschule die Kinder geschlagen, und die Eltern haben das hingenommen.

Die Notwendigkeit, aber auch Sinnhaftigkeit, sich mit dem Kind als einem gleichwertigeren Partner auseinanderzusetzen, hat bei Pädagoginnen und Pädagogen Einzug gehalten – das ist keine Frage.

 

Sie sagten, Ziffernnoten in der Volksschule seien eine Form von struktureller Gewalt.

Mir ist völlig unbegreiflich, warum man sie wieder eingeführt hat. Kinder wollen etwas lernen, Dinge können, die die anderen Menschen um sie auch können. Dazu ist es absolut nicht notwendig, dem einen Siebenjährigen einen Einser, dem anderen einen Fünfer zu geben. Das bringt überhaupt nichts.

 

„Man hat die Gesamtschule nie im nötigen Maß ausprobiert.“

 

Viel sinnvoller wäre eine verbale Beschreibung der Stärken und auch Schwächen eines Kindes. Der Vergleich mit anderen Kindern und das Schüren von Konkurrenz ist aber auch hier nicht notwendig, denn die Betroffenen nehmen ohnehin wahr, dass sie sich schwerer tun als andere.

 

Befürworten Sie als Konsequenz eine längere gemeinsame Schule, sprich: die Gesamtschule?

Absolut. Kinder sind ja unendlich anpassungsfähig, daher sieht es derzeit so aus, als wäre alles in Ordnung. Noch dazu gibt es seltsame Ängste in diesem Bereich, aber man hat die Gesamtschule nie im nötigen Ausmaß ausprobiert.

 

Bis zu welchem Alter sollen die Kinder dann gemeinsam unterrichtet werden?

Ich hätte überhaupt kein Problem damit, die gesamte Sekundarstufe gemeinsam zu unterrichten. Vermutlich bedarf es dann aber mehr Lehrpersonen, weil Individualisierung in einem höheren Ausmaß stattfinden müsste. Und die mag man sich, vermute ich, nicht leisten.

 

Soll es dann Noten geben?

Ich bin ja kein Realitätsverweigerer und weiß, dass Konkurrenz und Leistungsdenken eine Realität ist, ob man das nun mag oder nicht. Darauf muss man Kinder irgendwann einmal vorbereiten. Definitiv nicht im Alter von sechs Jahren – Jugendliche in oder nach der Pubertät können damit aber schon umgehen.

 

Ein anderes großes Thema ist die Digitalisierung. Wie soll Schule das anpacken?

Das ist tatsächlich ein Riesenthema, bei dem wir das Phänomen der Expertenumkehr beobachten: Schülerinnen und Schüler wissen in Wahrheit besser Bescheid als die Lehrerinnen und Lehrer, deshalb hält man sich im Unterricht bei diesem Thema gern zurück.

 

„Bei der Digitalisierung hinken wir Älteren den Jungen hoffnungslos hinterher.“

 

Wir Älteren hinken den Jungen in diesem Bereich nun mal hoffnungslos hinterher. Wenn man Kindern soziale Medien beibringen will, hat es wenig Sinn, ihnen zu zeigen, wie Facebook vor fünf Jahren ausgesehen hat.

Allein einen einigermaßen detaillierten Lehrplan im digitalen Bereich zu erstellen, heißt, dass man den zumindest jährlich aktualisiert, weil sich so viel tut. Das sehe ich als echte Herausforderung. Grundsätzlich gehören diese Themen natürlich in den Unterricht, keine Frage.

 


Sehen Sie die Digitalisierung als Chance oder überwiegen die negativen Seiten?

Wie so oft bei Neuheiten kann man Gewinn daraus ziehen, es kommt aber auch zu neuen möglichen Problemen. In Summe ist der mögliche Nutzen der Digitalisierung aber weitaus größer als die Gefahren und Probleme.

 

Dass die persönliche Kommunikation abnehme und Jugendliche nur mehr am Handy hängen …

… ist ein Mythos. Kinder und Jugendliche kommunizieren heute, elektronisch und nicht-elektronisch, viel mehr als meine Generation in diesem Alter. Die reden immer noch miteinander, die gehen immer noch miteinander weg.

 

„Kinder und Jugendliche kommunizieren viel mehr als meine Generation.“

 

Das Smartphone ist zwar beinahe zum Körperteil geworden, aber die jungen Menschen reden trotzdem noch miteinander. Dass die soziale Kompetenz weniger wird, soll mir irgendjemand zeigen. Ich habe es noch nicht gesehen.

 

Welche Reformen im Schulsystem bräuchte es?

Für Phantasie und Leidenschaft für ihr Fach ist durch die zentrale Steuerung zu wenig Platz. Die Abschaffung der Schulversuche ist ein Beispiel: Unter dem Titel „Bildungsreform“ will man etwas beenden, was als permanentes Provisorium über Jahrzehnte geführt würde.

Auf der anderen Seite ist das ein implizites Signal gegen Provisorien im Allgemeinen, die ja immer auch Räume für das Ausprobieren von Neuem sind. Es bräuchte mehr Spielraum in der Schule –  nicht nur organisatorisch, sondern auch was Lerninhalte und pädagogische Konzepte betrifft.

 

„Schule braucht mehr Raum zum Ausprobieren und mehr Teamarbeit.“

 

Es bräuchte etwa strukturell viel mehr Teamarbeit in der Schule. Lehrerinnen und Lehrer sind im Wesentlichen nach wie vor Einzelkämpfer, und das ist schade, denn man kann gewisse Dinge viel leichter und leidenschaftlicher vermitteln, wenn man zu zweit oder dritt ist.

 

Warum gibt es noch nicht mehr Teamarbeit? 

Die Tradition sieht die 50-Minuten-Unterrichtseinheit als zentrales strukturelles Element vor, ebenso dass eine gewisse Zahl an Schülerinnen und Schülern einem Lehrer, einer Lehrerin gegenübersitzt.

Das ist sicher in vielen Zusammenhängen sinnvoll, in anderen nicht. Es wird nach wie vor sehr starr gehandhabt. Es werden da immer Argumente vorgehalten: Die Räumlichkeiten erlauben es nicht anders, es geht nur so.

 

„Im Deutschunterricht sollte mehr Raum zum Lesen zur Verfügung stehen.“

 

Wenn man aber nicht beginnt, weiterzudenken, wird das ewig so bleiben. Es braucht veränderte Unterrichtssettings und fachübergreifende Zusammenarbeit. Geschichte ließe sich etwa großartig mit Englisch oder Deutsch kombinieren, Mathematik mit Philosophie.

 

Würden Sie auch der Literatur mehr Raum geben im Unterricht?

Dass Literatur im Sinne von Poetik kaum mehr im Unterricht und bei der Matura vorkommt, ist mir natürlich ein besonderer Dorn im Auge.

Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Dass sich das im Unterricht so wenig zeigen darf, ist nicht nur schade, sondern auch ein Stück Verleugnung. Die Sache beginnt beim Lesen.

Im Deutschunterricht sollte mehr Raum zum Lesen zur Verfügung stehen. Und es sollte als genauso wertvoll angesehen werden, einen literarischen Text zu schreiben wie ein Bewerbungsschreiben.

 

Zur Person 

Paulus Hochgatterer ist Primar der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Tulln und vielfach preisgekrönter Autor. Seine Bücher befassen sich mit den beruflichen Erfahrungen Hochgatterers als Psychiater, oft stehen Außenseiter im Mittelpunkt seiner Erzählungen.

Zuletzt ist sein Roman „Fliege fort, fliege fort“ (2019) erschienen. Hochgatterer befasst sich darüber hinaus intensiv mit den Themen Erziehung und Bildung.

 

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.