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Potenzialanalyse: Erkenne dich selbst!

Junge Menschen haben so viele Möglichkeiten wie noch nie, um ihre Zukunft zu gestalten. Doch für viele bedeutet das: Stress. Eine Potenzialanalyse hilft, den richtigen Beruf zu finden.

Von Christian Seidel - 20. Februar 2019

 

Bis zu diesem Zeitpunkt glitt Lenas Leben wie ein Zug dahin. Geradlinig und entschieden. Doch plötzlich merkte sie, dass es gar keinen Bahnhof gab, in den sie einfahren konnte oder wollte. Die unendliche Zahl an Möglichkeiten und Abzweigungen stapelte sich vor ihr auf wie ein Prellbock.

Lena hat Matura gemacht. Mit den Leistungen war sie zufrieden. Noch glücklicher aber war sie, dass sie aus der Schule raus konnte. Etwas Neues machen, arbeiten, sich ausleben. Sie lernte Schuhmacherin.

Nicht irgendwelche Schuhe, sondern maßgefertigte in Handarbeit. Sündhaft teuer und, wie sie jetzt wusste, jeden Euro wert. Das Problem war nur, dass dieses Geld nicht bei ihr ankam, dass das Arbeitsumfeld verbesserungswürdig war und dass es ihr immer schwerer fiel, sich auf die Kunden einzulassen.

Studium, Lehre oder doch ins Ausland?

Mit nicht einmal 20 Jahren unentschlossen zu sein, was die eigene Zukunft betrifft, ist keine Ausnahmesituation mehr. Im Gegenteil. Es ist natürlich. Für Gabriele Srp vom WIFI Wien ist es sogar Alltag. Srp ist Psychologin, Bildungsberaterin und koordiniert die Potenzialanalyse des WIFI Wien.

 

Eingehende Beratung und ausführliche Analyse: Die Potenzialanalyse soll helfen, den geeigneten Weg in Richtung Traumberuf zu finden. Foto: Wifi Wien

 

Ein Test, der Menschen, die berufliche Orientierung suchen, helfen soll, ihre Stärken und Schwächen zu erkennen. Unabhängig von Alter, Bildung oder beruflicher Situation. Die Ergebnisse helfen Srp und ihrem Team, einen geeigneten Berufsweg zu finden.

Wer die Wahl hat

Und ein Expertenteam ist mitunter nötig. Allein 1.600 verschiedene Studiengänge gibt es in Österreich, rechnet Srp vor. Verteilt auf eine Vielzahl von Universitäten, Fachhochschulen, Akademien und Kollegs. Dazu kommen, laut Wirtschaftskammer, noch einmal 205 Lehrberufe. Noch gar nicht bedacht ist bei diesen Zahlen, dass man auch im Ausland studieren und arbeiten kann.

Vielleicht nach Deutschland? Bitte sehr: 19.000 verschiedene Studiengänge laut Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Was sich nach grenzenloser Freiheit anhört, ist für viele vor allem erst einmal eines: Stress.

Wer zu Srp kommt, der kann diesen etwas lindern. Der erste Schritt der Potenzialanalyse ist ein Orientierungsgespräch. Etwa eine Stunde spricht eine Psychologin oder ein Psychologe mit der betreffenden Person.

 

Psychologin und Bildungsberaterin Gabriele Srp identifiziert die Kompetenzen und Interessen der Ratsuchenden. Foto: Wifi Wien

 

Darüber, was sie sich von diesem Test erwartet, wie die Vorbildung ist und was die Interessen sind. Auch das familiäre Umfeld wird abgeklopft. Oft gibt es Berufe, die in Familien Tradition haben und die deswegen die Interessen junger Menschen stark beeinflussen.

Die Ratsuchenden müssen bereit sein, aufrichtig über Stärken und Schwächen, Interessen und Wünsche zu reden. Es geht um Ehrlichkeit. Es geht darum, sich selbst zu reflektieren und einzugestehen, was man möchte.

In den seltensten Fällen ist das übrigens Geld. Immer mehr rücken Freiheit und Selbstbestimmung in den Vordergrund, erläutert Srp. Ein eigenes Haus, ein großes Auto und viel Geld sind längst nicht mehr die stärksten Triebfedern. Heute möchten die Menschen glücklich sein.

Glück ist harte Arbeit

Deswegen sollte ein Studium nicht danach ausgewählt werden, ob es im Anschluss einen Arbeitsplatz gibt, sondern danach, ob Interesse am Thema und am späteren Arbeitsfeld vorhanden ist.

Aber Glück ist harte Arbeit. Rund vier Stunden dauert der zweite Schritt der Potenzialanalyse. Aufgrund der Ergebnisse im Vorgespräch haben Experten einen Test zusammengestellt, der die Neigungen und Interessen, die Persönlichkeit und das Leistungspotenzial des Kunden analysieren soll. Das verlangt volle Konzentration.

Wichtiger Wegweiser

Die anschließende Auswertung dauert etwa zehn Tage, dann können Srp oder einer ihrer Psychologen einen Ratschlag geben, in welche Richtung es beruflich gehen sollte. Die Potenzialanalyse ist ein Wegweiser. Beschritten werden muss dieser Weg allerdings allein.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist die wichtigste Aufgabe bereits erledigt. Der junge Mensch hat sich informiert. Denn der häufigste Fehler, den Srp beobachten kann, ist eine mangelhafte Information über den Beruf.

Kaum einer wisse, was ein Architekt eigentlich den ganzen Tag mache und was ein „technischer Beruf“ eigentlich bedeute. Eine Falle, in die auch Lena getappt war. Durchgezogen hat sie die Ausbildung trotzdem. Jetzt steht ein Studium an: zur Restauratorin.

 

Mehr Infos

Die Potenzialanalyse des WIFI wird in jedem Bundesland angeboten und kostet 218 Euro. Wer die Variante um 380 Euro nimmt, bekommt eine schriftliche Expertise dazu.

 

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Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 2/18