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Psychologin Elke Prochazka: „Gut, darüber zu reden“

Die aktuelle Situation stellt auch Schülerinnen und Schüler vor besondere Herausforderungen. Welche Sorgen Jugendliche haben und wie Lehrende damit umgehen können, verrät Psychologin Elke Prochazka von Rat auf Draht

Von Florian Bayer - 19. März 2020

 

Frau Prochazka, Sie arbeiten bei Rat auf Draht. Mit welchen Sorgen wenden sich Jugendliche aktuell an Sie?

Einerseits geht es ganz konkret um Ängste: Können meine Eltern und Großeltern sterben? Was sind die Symptome? Wo kann ich mir Hilfe holen?

Die anderen Fragen drehen sich um das Schulleben. Viele Maturanten und Maturantinnen haben sich gefragt: Wie kann ich meine Note ausbessern? Wie kann ich jetzt meine Vorwissenschaftliche Arbeit präsentieren? Wie schaffe ich meine Schularbeiten?

Elke Prochazka ist Psychologin im Team von Rat auf Draht. Foto: privat

Elke Prochazka ist Psychologin im Team von Rat auf Draht. Foto: privat

 

 

Es wäre gut, wenn Lehrkräfte sagen, dass es normal ist, dass es jetzt Schwierigkeiten und Unsicherheiten gibt. Natürlich gibt es Schülerinnen und Schüler, die all das leichter nehmen, doch es gibt auch jene, die sich großen Stress machen und sich fragen, wie sie das alles nur aufholen sollen.

Wie wirkt sich das Alter aus, haben ältere Jugendliche vielleicht weniger Angst?

Es ist sehr unterschiedlich, doch ich habe aber das Gefühl, dass Ältere weniger Angst um sich selbst haben, weil sie sich auf der sicheren Seite fühlen. Manche sind auch unglaublich engagiert und schauen, ob sie auf Kinder in der Nachbarschaft aufpassen oder etwa älteren Menschen helfen können.

Auch sind die Älteren oft besser informiert oder haben zumindest das Gefühl von mehr Klarheit. Allerdings stellt sich manchmal die Frage, woher sie ihre Infos haben und ob die tatsächlich stimmen. Es sind viele Fake News im Umlauf, es wäre wichtig, wenn Lehrkräfte dies thematisieren würden.

Haben Sie das Gefühl, dass in den Familien gut mit dem Thema umgegangen wird? 

Es ist oft so, dass sich Ängste von den Eltern auf die Kinder übertragen. Wenn sie mitbekommen, dass ihre Eltern weinen oder dass die ganze Familie gebannt vor dem Fernseher sitzt.

Manche fühlen sich nicht verstanden von den Eltern, etwa weil ein Jugendlicher sagt, er wolle weggehen und ihm passiere schon nichts, oder aber umgekehrt, wenn Kinder Angst um ihre Eltern haben, die für die Arbeit das Haus verlassen müssen. Das ist also sehr unterschiedlich.

Wie soll man als junger Mensch mit der besonderen Situation umgehen?

Das Wichtigste ist, immer wieder auch bewusste Informationspausen einzulegen. Dass man auch, wenn man sich mit Freunden über Skype verbindet, nicht ständig über Corona spricht. Dass man noch etwas anderes macht, als nur die Nachrichten zu verfolgen.

Sport betreiben, sich etwas Gutes zu essen machen, ein Computerspiel spielen – ganz bewusst eine Auszeit nehmen und schauen, dass man runterkommt. Manche Jugendliche mögen Fantasiereisen, wie man sie etwa auf YouTube findet. Ruhig atmen, entspannende Musik hören. Das tut vielen gut.

Was würden Sie darüber hinaus empfehlen?

Wichtig ist, dass man wieder eine Art Tagesstruktur hat. Dass man sich in der Früh ein Stück weit fertigmacht, vielleicht für die Schulaufgaben sogar das Gewand tauscht und erst danach wieder in bequeme Freizeitkleidung wechselt. Dass man dem Körper das Gefühl gibt, es ändert sich etwas.

Haben Sie Tipps, wie Lehrkräfte mit der Situation umgehen sollen?

Über Skype oder Videoschaltung kann etwa eine kurze Entspannungsübung machen. Das ist nicht für jeden etwas, aber wenn nur manche der Schüler damit etwas anfangen können, ist ihnen damit schon geholfen.

Eine andere Möglichkeit sind Arbeitsblätter mit drei persönlichen Fragen, als optionales Angebot für alle, die es machen wollen. Mit Fragen wie: Was habe ich heute schön gefunden? Worüber habe ich mich heute gefreut? Den Fokus auf positive Dinge zu lenken, kann sehr hilfreich sein.

Wichtig ist auch, die Sorgen zu nehmen. Zu sagen: Auch wenn ihr jetzt zu Hause seid, wir werden das schaffen. Der Schulbetrieb ist momentan anders als sonst, ihr bekommt mehr Unterstützung. Viele machen sich ja Sorgen, dass ihre schulischen Pläne durcheinandergewürfelt werden. Daher sollten Lehrkräfte in Bezug auf das Schuljahr und Prüfungen möglichst Druck rausnehmen.

Auf welche Angebote können Lehrkräfte verweisen?

Es gibt viele Jugendzentren, die zwar nun geschlossen haben, aber auf ihren Websites viele Infos anbieten. Lehrkräfte können auf Rat auf Draht verweisen, ältere Schüler/innen können sich auch bei der Ö3-Kummernummer melden.

Viele denken sich, man darf sich an diese Nummern oder unseren Chat nur wenden, wenn man ein Riesenproblem hat, aber das ist nicht so. Man kann auch anrufen, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt oder wenn man einfach reden mag, um Anspannung loszuwerden.

Das ist wertvoll, denn Gefühle können jetzt irrsinnig schnell wechseln, zwischen Ärger über die versäumte Geburtstagsparty, Angst um die eigenen Eltern oder auch Momenten, wo einem alles egal ist. Das ist normal und es tut gut, darüber zu reden.

 

Kontakt:

Rat auf Draht: Tel. 147 
Ö3 Kummernummer: Tel. 116 123

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.