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Home Learning aus Schülersicht: „Schule ist jetzt viel intensiver“

Nicht nur für Lehrkräfte, auch für Schülerinnen und Schüler ist die neue Unterrichtssituation eine große Umstellung. Wie ergeht es BMHS-Schüler/innen? Wir haben uns umgehört.

Von Florian Bayer - 27. März 2020

 

Die zweite Woche der geschlossenen Schulen geht zu Ende. Wir haben bereits letzte Woche über den Umgang der Lehrenden mit der neuen Unterrichtssituation berichtet, nun haben wir uns bei den Schülerinnen und Schülern umgehört. Wie ergeht es ihnen mit der neue Situation?

 

Für Lehrkräfte, aber auch für Schülerinnen und Schüler hat sich der Unterrichtsalltag komplett verändert. Foto: Noah Holzapfel/HTL Ried

Auch für Schülerinnen und Schüler hat sich der Unterrichtsalltag komplett verändert. Foto: Noah Holzapfel/HTL Ried

 

An ihrer Schule, der HLW19 in Wien-Döbling, funktioniere das E-Learning sehr gut, sagt Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike. Sie berichtet aber von anderen Schulen, dass sich manche Lehrkräfte weigern, auf das Home Schooling umzustellen. Die große Mehrheit habe den Wechsel jedenfalls gut gemanagt und stelle zumindest Unterrichtsmaterialien online bereit.

Ein großes Problem, das Bildungsexpertin Heidi Schrodt kürzlich angesprochen hat und das auch Uzodike betont: „Sozial Schwächere trifft es jetzt besonders hart. Etwa wenn für vier Geschwister nur ein einziger PC zur Verfügung steht.“ Den die Eltern womöglich auch noch fürs Home-Office brauchen.

„Die jetzige Situation zeigt, wie wichtig Digitalisierung auch im Schulbereich ist und um wie viel früher man eigentlich ansetzen hätte müssen“, sagt Uzodike.

 

Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike sieht Herausforderungen vor allem bei Maturaklassen sowie bei sozial schwächeren Familien. Foto: Alex Krivda

Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike sieht Herausforderungen vor allem bei Maturaklassen sowie bei sozial schwächeren Familien. Foto: Alex Krivda

 

Immerhin: In einer nicht repräsentativen Schülerunion-Umfrage auf Facebook mit 1.300 Schüler/-innen (überwiegend aus Unter- und Oberstufen) sagten nur zwei bzw. neun Prozent, das neue Home Schooling funktioniere „sehr schlecht“ bzw. „schlecht“. Die Mehrheit von 52 Prozent beurteilten den digitalen Unterricht als „gut“ oder „sehr gut“, 38 Prozent immerhin als „befriedigend“.

Am schwierigsten sei die Situation für Maturantinnen und Maturanten, sagt Uzodike: „Viele sind sehr gestresst, denn sie wissen nicht, was auf sie zukommt. Bildungsminister Faßmann will, dass die Schule bereits zwei Wochen vor der schriftlichen Matura startet, die ja nach wie vor Mitte Mai beginnen soll.“

Zumal sollen ja auch noch vor der Matura diverse Schularbeiten und Tests abgehalten werden. „Ein enormer Stress“, sagt Uzodike, die auch selbst heuer maturiert.

Berg an Arbeitsaufträgen

Schauplatzwechsel nach Oberösterreich. Julia Schönauer, Maturantin an der HTL Ried, kommt insgesamt mit der neuen Situation gut zurecht und fühlt sich auch gut auf die Matura vorbereitet.

Allerdings sei mit dem Distance-Learning ein weitaus größeres Maß an Eigenverantwortung gefragt, sagt Schönauer. Der „Berg an Arbeitsaufträgen“ sei manchmal erdrückend.

„Schule ist jetzt viel intensiver. Wir müssen uns viel mehr bemühen, um den Stoff zu lernen und zu festigen“, so die Schülerin. Darüber hinaus fehlt ihr der soziale Kontakt zu ihren Mitschülerinnen und das gemeinsame Lernen.

„Zum Glück gibt es aber den Videochat! Gute Selbstorganisation ist jetzt unbedingt notwendig, sonst verliert man den Überblick.“ Für sie und viele Klassenkameraden ist klar: Distance-Learning ja, aber nur so lange wie nötig und so kurz als möglich.

Selbständige Einteilung

Ebenfalls heuer maturiert Nicole Wellan, Schülerin an der BHAK Neusiedl am See. „Zum Glück haben wir den Stoff schon durch, jetzt wiederholen wir nur mehr und haben die Möglichkeit, uns das meiste selbst einzuteilen“, so die Schülerin.

 

Home-Learning-Situation bei Melanie Zitz-Werban, Lehrerin für kaufmännische Fächer an der BHAK Neusiedl/See. Foto: privat

Home-Learning-Situation bei Melanie Zitz-Werban, Lehrerin für kaufmännische Fächer an der BHAK Neusiedl/See. Foto: privat

 

Sie und ihre Klassenkameraden sind froh, dass es zumindest einen vorläufigen Termin für die Matura gibt, auf den sie nun alle hinarbeiten. „Die Unsicherheit ist aber schon sehr groß. Viele haben noch Aufnahmetests auf Unis und FHs vor sich, deren Termine nun auch wackeln“, sagt Wellan.

Der persönliche Kontakt im Klassenverband fehle ihr zwar schon, doch seien alle schon lang über WhatsApp-Gruppenchat und nun auch per Skype miteinander verbunden. Auch gebe es aktuel mit der Maturavorbereitung ohnehin genug zu tun.

Virus macht vielen Sorgen

Ebenfalls die BHAK Neusiedl, besucht Carla Schmidt, allerdings in der zweiten Klasse. „Es ist schon eine große Umstellung. Noch ist nicht klar, wie das Semester weitergehen wird. Auch das Virus macht vielen von uns Sorgen“, sagt die Schülerin.

Der Start ins E-Learning habe aber gut geklappt. „Unsere Lehrerinnen und Lehrer stehen immer für Fragen zur Verfügung, melden sich auch gleich zurück“, berichtet Schmidt. Einzig die Plattform LMS sei anfänglich oft überlastet gewesen, mittlerweile gehe es aber deutlich besser. Auch die LERNEN WILL MEHR! Lerngruppen seien praktikabel und funktionieren sehr gut, erzählt sie.

Einen Kritikpunkt bringt sie aber an, den auch andere Schüler/-innen im Zuge dieser Recherche mehrmals genannt haben: Dass der Workload deutlich höher sei als normal. „Manche Lehrenden geben Aufgaben für eine Woche, andere für drei Wochen. Da verliert man leicht den Überblick“, sagt Carla Schmidt.

Manchmal wäre also weniger womöglich mehr. Nicht zuletzt empfehlen Bildungsexpert/-innen allen Lehrenden, in der derzeitigen Ausnahmesituation, einen Gang zurückzuschalten und allen Beteiligten Zeit zu lassen, sich auf die neue Situation umzustellen.

 

 

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.