Bildung und Beruf

HAK und HAS: Aufbruch in ein neues Leben

Seit Jahren gehen am Land die Schülerzahlen an Handelsschulen und Handelsakademien zurück. Jetzt muss im niederösterreichischen Retz sogar eine HAK schließen. Im benachbarten Waldviertel will man jetzt mit einem neuen Bildungskonzept die Trendwende schaffen.

Von Stefan Schlögl und Christopher Mavric (Fotos) - 27. Februar 2018

Barbara Sablik-Baumgartner ist das, was man landläufig als Frohnatur bezeichnen könnte, eine, die sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Auch nicht von ihren Gefühlen. Doch momentan weiß sie nicht so recht, wohin damit.

Gerade stellt sich die Direktorin der Höheren Lehranstalt für Tourismus (HLT) in Retz, einer Kleinstadt im nordwestlichen Zipfel des niederösterreichischen Weinviertels, mit zwei ihrer Schülerinnen vor dem Schulfotografen auf. Beide in schmucken, penibel gebügelten Gastrouniformen, beide Pokal und Urkunde vor der Brust. Eindeutige Hinweisgeber für den Erfolg, den sie vor Kurzem bei internationalen Gastro-Konkurrenzen eingefahren haben. Auch sonst brummt die Schule, selbst aus dem benachbarten Tschechien strömen die Jugendlichen herbei.

„Das ist für uns alle natürlich extrem schmerzhaft“

Sablik-Baumgartner ist sichtlich stolz, knipst fürs Foto ein professionelles Lächeln an – das aber jäh wieder erlischt, als die Rede auf den zweiten Job der 43-Jährigen fällt: Denn Barbara Sablik-Baumgartner ist seit vergangenem Sommer nicht nur Schulleiterin der HLT, sondern auch Direktorin der ein paar hundert Meter entfernten Handelsakademie.

Und die erleidet gerade ein Schicksal, das in Österreich gemeinhin nur von Dorfschulen in Gebirgsregionen bekannt ist: Die HAK in Retz findet keine Schüler mehr, sie muss zusperren. „Das ist für die Stadt, für uns alle natürlich extrem schmerzhaft“, sagt die Schulleiterin, „es wurde im Ort viel versucht, um den Standort wieder attraktiver zu machen, aber man konnte das Ruder nicht herumreißen.“

 

Seit vergangenen Sommer ist Barbara Sablik-Baumgartner Direktorin der HAK sowie der nahen Lehranstalt für Tourismus in Retz. Während die HLT boomt, gehen in der Handelsakademie bald die Lichter aus.

 

Unweit des Retzer Hauptplatzes mit seinen schmucken Bürgerhäusern aus
der Renaissance- und Barockzeit liegt 
das Gebäude der Handelsakademie. Ein typischer, Mitte der 1970er errichteter Schulbau.

Einst büffelten bis zu 280 Schülerinnen und Schüler in 13 HAK- und HAS-Klassen. Jetzt verlieren sich hier nur noch 55 HAK-Schüler, verteilt auf dritte bis fünfte Klasse, die Handelsschule wurde schon vor Jahren aufgelassen.

Zahl der Schüler nimmt ab

Vier Stammlehrer gibt es noch, die meisten der insgesamt 13 Lehrkräfte kommen von der HLT oder umliegenden Schulen. In drei Jahren ist die Geschichte der HAK in Retz, die 1983 begann, wohl vorbei. „Das soll zwar kein endgültiger Schlussstrich sein“, betont Direktorin Sablik-Baumgartner, „aber wenn man realistisch ist, werden wir so bald keine neue erste Klasse bilden können.“

 

Das Schulgebäude der HAK in Retz: Ein typischer Vertreter der 1970er-Jahre.

 

Retz, das mag wie ein dramatischer Einzelfall klingen, dennoch lässt sich an der Entwicklung im nördlichen Weinviertel ein Trend für ganz Österreich ablesen. Abseits der großen Städte und Ballungszentren fällt es Handelsschulen, aber auch Handelsakademien immer schwerer, neue Schülerinnen und Schüler zu rekrutieren.

Handelsschulen verlieren am stärksten

So fiel in den vergangenen 40 Jahren die Zahl jener, die eine kaufmännische mittlere Schule besuchten, von rund 26.000 auf 9.000. Die kaufmännischen höheren Schulen indes legten zwar im gleichen Zeitraum ständig zu, doch vor etwa zehn Jahren war der Höhepunkt mit knapp 44.000 Schülern erreicht. Danach gab es auch hier einen Knick in der Statistik, 2015/16 besuchten nur noch 38.500 Schüler eine der Höheren Schulen.Während in Wien die Zahlen in den vergangenen zehn Jahren sogar leicht anstiegen, ging es vor allem in Flächenbundesländern wie Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark bergab, nicht zuletzt in den geografischen und wirtschaftlichen Randlagen.

 

 

Dort galt es in den 1970ern und 1980ern als Zeichen bildungspolitischen Elans, selbst in relativ kleinen Orten eine kaufmännische Schule zu errichten. Der Schultyp war – im Vergleich etwa zu einer HTL oder einer HBLA, für die teure Labore, Werkstätten oder Küchen eingerichtet werden mussten – relativ günstig, auch in Niederösterreich errichtete man zwischen 1975 und 1985 fleißig Wirtschaftsschulen. Schließlich sollten auch die Menschen am Land von einem kaufmännischen Abschluss profitieren.

Doch vor zwanzig Jahren setzte ein Wandel ein, dessen Folgen am flachen Land zuerst die Handelsschulen und später auch die Handelsakademien erfasste. „Die Ursachen, warum es dort immer weniger Schüler gibt, sind unglaublich vielfältig“, sagt Josef Aff, emeritierter Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien.

Der Wirtschaftspädagoge forscht schon lange zu Themen wie Schulinnovation, neuen kooperativen Modellen, die nicht zuletzt die Attraktivität eines Standortes erhöhen sollen. Aff hat selbst zwischen 1975 und 1988 an der HAK/HAS in Retz kaufmännische Fächer unterrichtet, vor Kurzem hat er ein Konzept für einen regionalen Bildungscampus in Retz entwickelt, der auch den Betrieb der HAK sichern sollte.

Strukturwandel in den Randlagen

Der WU-Professor kennt also die Probleme aus der Praxis, speziell der Standorte in Randlagen. „Deren Umfeld hat sich in den letzten Jahrzehnten völlig gewandelt. Früher etwa gab es dort viel mehr Banken oder Versicherungen für die HAK-Absolventen. Die Handelsschüler fanden meist bei Kleinunternehmen eine Stelle.

 

Einst besuchten 280 Schülerinnen und Schüler die Handelsakademie in Retz.

 

Doch mittlerweile ist ein Großteil dieser Arbeitsplätze verschwunden.“ Dazu käme, so Aff, die gesunkene Geburtenrate und ein Phänomen, mit dem in Niederösterreich vor allem das nördliche Wein- und Waldviertel zu kämpfen hatte: Die jungen Erwachsenen zogen mangels Perspektive weg oder pendelten Richtung Wien aus – und deren schulpflichtige Kinder taten es ihnen nach. Schon als Unterstufenschüler pilgerten sie in die Gymnasien der Bezirkshauptstädte. „Und wer das Pendeln von früh auf gelernt hat, der geht nach der achten Schulstufe nicht mehr zurück in den Heimatort, sondern bleibt an seiner AHS oder wechselt in eine andere Schulform in der Stadt.“

Weniger Wechselwillige

Dazu käme, so Aff, der in Österreich allgemeine Trend, dass von der AHS-Unterstufe immer weniger Schüler an die BHS wechseln. Also bleiben als wichtigstes Reservoir für HAK und HAS die Neuen Mittelschulen. „Doch die sind – entgegen den Erwartungen – im Vergleich zum Gymnasium nicht attraktiver geworden, und das lässt die Schülerbasis für die HAK erodieren.“

Es sei aber nicht nur der allgemeine Wandel, der den kaufmännischen Schulen zusetzen würde, meint Professor Aff, an manchen Standorten habe man einfach zu wenige Akzente gesetzt, um Talente anzuwerben, das Angebotsprofil zuzuspitzen. „Bei HTL erkenne ich sofort, was es für Spezialisierungen gibt, etwa Chemie oder Mechatronik. Auch Tourismusschulen besetzen konsequent ihre Nischen. Von vielen HAK weiß man einfach nur: Das ist was mit Wirtschaft. Hier gab es viel zu lange kein Bewusstsein dafür, ein klares Standortprofil zu entwickeln.“

Waldviertel ist anders

Eine Zuspitzung der Identität, eine bedarfsgerechte Anpassung der Lehrpläne: Das alles wollen sich in einer nur ein paar Kilometer westlich von Retz gelegenen Region, dem nördlichen Waldviertel, gleich vier Handelsakademien verordnen.

Die Initiative war nicht ganz freiwillig, die Standorte in Gmünd, Waidhofen/Thaya, Horn und Zwettl, sie alle haben mit ähnlichen strukturellen Problemen zu kämpfen wie die HAK in Retz. Abwanderung, Überalterung, ein schwieriges wirtschaftliches Umfeld. Seit Jahren schon kämpfen die Standorte mit sinkenden Schülerzahlen, eine Handelsschule wird nur noch regulär in Gmünd angeboten, in Zwettl lief sie vergangenen Sommer aus. Manfred Schnabl ist trotzdem zuversichtlich.

Der 57-Jährige ist seit neun Jahren Direktor der HAK in Zwettl, einer Bezirkshauptstadt im Waldviertel mit knapp 4.000 Einwohnern. Sein frisch renoviertes Schulgebäude strahlt im Inneren den farbenfrohen Charme der späten 1970er aus, doch auch das konnte nicht verhindern, dass an der HAK zur Zeit nur 145 Schüler unterrichtet werden, vor 15 Jahren waren es noch 400. Schnabl, studierter Naturwissenschafter, legt dennoch Optimismus an den Tag: „Wir werden das Vertrauen der Eltern und Schüler in unsere Schulstandorte wieder zurückgewinnen.“

 

„Wir werden das Vertrauen der Eltern und Schüler in unsere Schulstandorte wieder zurückgewinnen.“ Manfred Schnabl, Direktor der Handelsakademie in Zwettl.

 

Der Grund für die Aufbruchsstimmung: Im vergangenen Herbst präsentierten Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und die zuständige Landesschulinspektorin Brigitte Schuckert ein neues Bildungskonzept für die vier Standorte.

Dessen wichtigster Eckpfeiler soll eine inhaltliche Schwerpunktsetzung an jedem einzelnen Standort auf Grundlage von vorab erhobenen Bedürfnissen der regionalen Unternehmen sein – ganz im Sinne eines eindeutig erkennbaren Schulprofils. So soll etwa die HAK in Gmünd zu einer Wirtschaftsakademie mit Schwerpunkt Logistik werden, in Horn liegen die Akzente auf dem Bereich Gesundheit, Waidhofen/Thaya fokussiert den Fachbereich Digitalisierung, Zwettl verschreibt sich dem Thema Lebensmittel und Holzindustrie.

Virtuelles Klassenzimmer

Gleichzeitig sieht das Konzept eine Angleichung der Lehrpläne aller Handelsakademien bis zur dritten Klasse im Rahmen der Schulautonomie vor, erst danach erfolgt die inhaltliche Spezialisierung bis zur Reifeprüfung. „Das erlaubt Schülern, die an einem bestimmten Schwerpunkt interessiert sind, nach der dritten Klasse einfach innerhalb des Bildungsverbunds zu wechseln“, erklärt Direktor Schnabl. „Darüber hinaus soll es natürlich eine enge Abstimmung und Kooperation der Schulen geben, im Zentrum steht dabei ein neues, gemeinsames ‚virtuelles Klassenzimmer‘“.

In Letzterem, so der Plan, werden Schüler via Live-eLearning unterrichtet, dann etwa, wenn sich für speziellere Inhalte an den einzelnen Häusern nicht genügend Teilnehmer finden. Für die zuständige niederösterreichische Landesschulinspektorin Brigitte Schuckert ist bei dem neuen Bildungskonzept vor allem eines zentral: „Entscheidend ist, dass von Anfang an auch die Firmen in der Region mit an Bord waren, die kennen den Bedarf und wissen, welche Kompetenzen in Zukunft gefragt sind. So sollen nicht zuletzt die Absolventen in der Region gehalten werden.“

Eigener Projekt-Koordinator

190 Unternehmen sind im „Wirtschaftsforum Waldviertel“ organisiert, das über den erfahrenen Regionalmanager Josef Wallenberger auch bei der Ausarbeitung des Bildungskonzepts mitwirkt. Wallenberger wurde als Koordinator installiert, der nicht zuletzt die regelmäßigen Projektgruppen-Treffen der Lehrkräfte moderiert.

Ein- bis zweimal im Monat fährt auch Direktor Manfred Schnabl gemeinsam mit einigen seiner Lehrkräfte zu dem Treffen. Sofern das Bundesministerium für Bildung (BMBWF) grünes Licht gibt, werden bereits im Schuljahr 2018/19 die neuen Lehrpläne und die Schwerpunktsetzungen umgesetzt. „Um das zu schaffen, bedarf es natürlich eines enormen Idealismus“, sagt der Zwettler Schulleiter. „Aber wir haben an das Konzept wirklich große Erwartungen. Und wir ziehen endlich alle an einem Strang.“

Ein Artikel aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 1/18