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So gehen BMHS-Lehrer mit der neuen Situation um

Seit dieser Woche findet kein Unterricht mehr an den Schulen statt – eine Ausnahmesituation, die die Arbeit von Lehrkräften grundlegend verändert. Welche Tipps haben E-Learning-erprobte Lehrer für ihre Kolleginnen und Kollegen?

Von Florian Bayer - 19. März 2020

 

„Es ist eine besondere Situation, weil Schüler/innen und Lehrende gar keine Wahl haben. Sie müssen auf E-Learning umstellen, das ist nicht vergleichbar mit dem normalen Alltag“, sagt Helmut Bauer.

Er unterrichtet Rechnungswesen an der HAK1 Salzburg und ist dort auch für IT und digitale Lernplattformen zuständig.

 

Helmut Bauer, HAK-Lehrer für Rechnungswesen, in seinem Home Office. Foto: privat

Helmut Bauer, HAK-Lehrer für Rechnungswesen, in seinem Home Office. Foto: privat

 

Bauer unterrichtet momentan nur eine kleine Maturaklasse mit sechs Schülern. Den ersten komplett digitalen Unterricht hielt er am Montag ab, vorerst noch mit technischen Startschwierigkeiten. „Am Montag haben aufgrund des großen Ansturms die Lernplattformen zeitweise nicht funktioniert. Das dürfte aber bald schon besser werden“, sagt der HAK-Lehrer.

Bauer verwendet die Plattform LMS (Lernen mit System) sowie Microsoft Office 365. Um die Kommunikation mit seinen Schülerinnen und Schülern zu erleichtern, hat er zusätzlich eine WhatsApp-Gruppe angelegt.

Vom Ministerium werde das grundsätzlich nicht gern gesehen, die derzeitige Situation stellt aber wohl eine Ausnahme dar, sagt Bauer. Auch die kostenlose Software Skype sei als Backup für Videoschaltungen, die sonst über Office 365 laufen, empfehlenswert.

Aufgeteilter Bildschirm für Videoschaltungen

„Ein Hauptbestandteil der Lernplattformen ist das Bereitstellen von Unterrichtsmaterialien sowie die Abgabe von ausgefüllten Arbeitsblättern“, erzählt Bauer. Hier sei LMS praktisch, weil man eine konkrete Aufgabenstellung, Abgabemöglichkeit und Frist einstellen kann. Die Plattform ermögliche auch, eine nach Fächern und Jahrgängen aufgeteilte Bibliothek anzulegen.

An Office 365, das an seiner Schule rund 15 Lehrkräfte verwenden, schätzt er die Möglichkeit, gemeinsam in Teams an Dokumenten und Projekten zu arbeiten.

Mittels aufgeteiltem Bildschirm hat er gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler und den Lehrstoff im Blick. In Videoschaltungen ist somit etwa auch ein Aufzeigen wie in der Klasse möglich, wenn jemand eine Frage hat oder etwas sagen will.

Schüler gewöhnen sich an neue Situation

Die neue Unterrichtssituation war anfangs noch merkwürdig für einige seiner Schüler, doch sie haben sich bald daran gewöhnt, berichtet er. Anfangs waren der jeweilige Bildhintergrund und die Wohnumgebung für viele interessant. Auch ging es länger um technische Aspekte, aber das war wohl auch dem ersten Termin geschuldet.

Für sein Fach Rechnungswesen wird er künftig auch auf gemeinsame Excel-Sheets zurückgreifen. Wie auch im Klassenzimmer mittels Beamer kann er auch über Office 365 Rechenschritte vorzeigen. Grundsätzlich könne zwar jeder im Dokument herumklicken und unter Umständen die Arbeit des Lehrers sabotieren, doch bei seiner schon älteren Klasse macht er sich da keine Sorgen.

Wie auch vor der Corona-Krise wird Bauer fünf Stunden pro Woche unterrichten: Zwei am Montag, zwei am Mittwoch und eine am Freitag. Momentan setzt er dabei mehr auf Theorieunterricht über Video, im Laufe der nächsten Zeit will er aber auch vermehrt Rechenbeispiele geben und die Schülerinnen und Schüler selbst arbeiten lassen.

Seine Klasse beschäftigt auch, wann die Matura nun stattfindet und ob sie ihre Studien planmäßig starten können. Einer seiner Schüler wollte Ende Juli ein Studium in Japan beginnen – ob dies nun klappt wie geplant, ist ungewiss.

Bis wieder Normalität in Gesellschaft und Schulbetrieb einkehrt, werde es wohl noch länger dauern, sagt er. Doch Helmut Bauer ist gerüstet.

 

Erfahrungsvorsprung am TGM Wien

Einen gewissen Erfahrungsvorsprung beim digitalen Lernen hat das Technologische Gewerbemuseum (TGM) Wien, die größte HTL Österreichs.

 

Gottfried Koppensteiner vom TGM Wien hat schon viel Erfahrung mit digitalem Lernen. Foto: Christopher Mavrič

Gottfried Koppensteiner vom TGM Wien hat schon viel Erfahrung mit digitalem Lernen. Foto: Christopher Mavrič

 

Die Erfahrungen aus den dortigen „Lernbüros“, im Rahmen eines Schulversuchs als experimentelle neue Lernform entstanden, helfen nun auch in Zeiten der Krise: So wurde in den Lernbüros der Frontalvortrag durch umfangreiche Unterlagen und Anleitungen für die Schüler/innen ersetzt, sodass die Lehrkraft nur noch Coach ist, der für Fragen zur Verfügung steht, Tipps gibt und Abnahmen durchführt.

„Dadurch haben wir für jedes Fach und jeden Jahrgang einen eigenen Kurs mit allen Infos, Aufgabenstellungen und Abgabemöglichkeit“, berichtet Gottfried Koppensteiner, Leiter der höheren Abteilung für Informationstechnologie am TGM.

Nicht zu viel Neues vermitteln

Im Zuge der Schulschließungen wurde nun der Unterricht komplett auf E-Learning (Moodle), E-Mail und teilweise Konferenztools verlegt. „Mir ist bewusst, dass wir in unserer IT besondere Vorteile haben, weil Lehrkräfte wie auch Schüler/innen besonders technikaffin sind“, sagt Koppensteiner.

Wie auch Bauer empfiehlt er Schulen und Lehrkräften das Office365 Paket, insbesondere um auch weiterhin für persönliche Gespräche via Videokonferenz zur Verfügung zu sehen. Für den digitalen Unterricht empfiehlt er, nicht zu viele neue Inhalte auf einmal zu vermitteln.

Liegt kein Office 365 Paket vor, empfiehlt er Skype als leicht verständliche und praktische Alternative für Videokonferenzen. Und Online-Quizze, etwa kahoot, ermöglichen, „wenn man es richtig macht, einen riesigen Lernerfolg“. Mit ein wenig Vorlaufzeit sind die Quizze schnell angelegt.

Bei den Online-Lerninhalten empfiehlt er neben LERNEN WILL MEHR! („aus eigener Erfahrung gut und einfach verwendbar“) auch die frei zugänglichen Bildungsressourcen von Eduvidual.

Der Stoff sollte zudem in grundlegende Inhalte aufgeteilt sein, um einen leichten Einstieg zu schaffen, der auch für schwächere Schülerinnen und Schüler gut zu schaffen ist. Erweiterte Inhalte zur Vertiefung sollten für die besonders motivierten oder schnelleren Schüler/innen zur Verfügung stehen.

Grundlegendes verpflichtend, Vertiefendes optional

„Wichtig ist, dass nur grundlegende Inhalte verpflichtend sind und die erweiterten Inhalte freiwillig bleiben. So ist gewährleistet, dass die einen nicht überfordert werden und andere wiederum genug zum Austoben haben – und zwar individuell nach Vorlieben und Stärken“, sagt Koppensteiner.

Er empfiehlt darüber hinaus, Kommunikationskanäle für Coaching zur Verfügung zu stellen – entweder zu fixen Uhrzeiten mit Konferenzschaltung oder individuell nach Bedarf. In Zeiten wie diesen würde er übrigens dazu übergehen, jedes positive Bemühen anzuerkennen und zu werten.

Last but not least empfiehlt er: „Nacht bleibt Nacht, Wochenenden bleiben Wochenenden und Ferien bleiben Ferien.“ Schließlich brauchen Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte Abstand und Ruhezeiten. Nach Möglichkeit solle auch weiterhin nur unter der Woche zwischen 8 und 17 Uhr gearbeitet werden.

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.