Schwerpunkt: Medienkompetenz

News-Avoider/innen: Die Hälfte der Jugendlichen meidet Politik

Das Institut für Jugendkulturforschung hat untersucht, wie Digital Natives die Politik-Nachrichten nutzen. Ein Viertel sucht gezielt nach Informationen. Die Hälfte ist News-Avoider/innen und meidet Politik in Medien. Warum?

Florian Wörgötter - 19. November 2020

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News-Avoider: Das Institut für Jugendkulturforschung hat in einer Studie ermittelt, dass die Hälfte aller 16- bis 29-jährigen keine Lust auf Nachrichten über Politik hat.

Die Zielgruppe der Jugend gilt für Medien als besonders anspruchsvoll. „Digital Natives“ suchen Unterhaltung, binden sich kaum an Medienmarken, haben wenig Zeit und eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Sie bevorzugen Online-Angebote, eine hochqualitative Bildkommunikation und – wenn schon tagesaktuelle Information – dann top-aktuell, auf hohem journalistischem Niveau und kompakt strukturiert. Oder – und darin liegt die größte Challenge – sie ignorieren die Nachrichten. Kurz: Sie sind News-Avoider/innen.

Um die Motive von jungen Nachrichtenverweiger/innen besser auszuleuchten, hat das ORF-Public-Value-Kompetenzzentrum das Institut für Jugendkulturforschung mit einer Zielgruppenstudie beauftragt. Jugendforscherin Beate Großegger hat unter dem Titel „Junge ,News-Avoider/innen“ als Zielgruppe“ analysiert, wie junge Nachrichtenverweiger/innen ticken. Hier ein Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse.

Nur jede/r Vierte sucht News über Politik

„Unsere Daten zeigen, dass nur ein Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aktives Interesse an News über das politische Tagesgeschehen hat“, so beschreibt Beate Großegger die Gruppe der sogenannten „Info-Seeker“ in einer Zusammenfassung. Sie wollen immer top-aktuell über das politische Geschehen informiert sein und interessieren sich für Innenpolitik, aber auch stark für internationale Politik.

Ein weiteres Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzt Nachrichten vor allem vor Wahlen und erhofft sich von redaktionellen Medien eine Entscheidungshilfe für das eigene Wahlverhalten. Nach der Wahl klinken sie sich aber wieder aus dem Nachrichtengeschehen aus.

Jede/r Zweite auf Distanz zu Politik-News

„Rund 50 Prozent gehen zu Politik in den Nachrichten ganz klar auf Distanz und werden mit qualitätsjournalistischer Politikberichterstattung nicht, vielleicht sollte man auch besser sagen: nicht mehr erreicht“, so Großegger. In einer Fokusgruppendiskussion wurden jene Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 29 Jahren befragt, die sich durch Distanz gegenüber der Politik und Politik in den Medien charakterisieren. Zudem sind sie besonders Social-Media-affin und nur mangelnd dazu bereit, für Qualitätsjournalismus zu bezahlen.

Ihre Gründe für die Distanz bestehen weniger darin, dass sie dem Politikjournalismus kritisch gegenüberstehen, sondern vor allem darin, dass sie politikmüde sind und den politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern nur sehr gering vertrauen. Dennoch tendieren diese jungen Menschen dazu, den Politikjournalismus als verlängerten Arm der Parteien zu sehen. Um das Vertrauen dieser skeptischen Zielgruppen zu gewinnen, gelte es dem Eindruck, Politikjournalismus sei reiner Verlautbarungsjournalismus, journalistisch entgegenzutreten, so Großegger.

Hard News statt Soft News

Allerdings warnt Großegger im Fazit ihrer Studie davor, junge politikdistanzierte Menschen zu unterschätzen. Obwohl sie zweifellos ein kompliziertes Verhältnis zu Politik, dem Politikjournalismus und politikbezogenem Expertendeutsch haben, seien sie „nicht dumm“. Die in einer hochkomplexen, in sich differenzierten Medienwelt sozialisierten Jugendlichen seien sehr reflektiert und kritisch, was journalistische Qualität und zielgruppenorientierte Vermittlungskonzepte betrifft.

Außerdem haben sie sehr konkrete Vorstellungen von objektiver Politikberichterstattung: Sie erwarten seriöse „Hard News“ statt boulevardesker „Soft News“. Und sie kritisieren an der gängigen politikjournalistischen Praxis weniger das Fehlen ihrer eigenen Welt in den Nachrichten, sondern die „Umsetzungslücken“, was die Themensetzung, Themenaufbereitung und die zielgruppenrelevanten Ausspielkanäle betrifft.

News-Avoider/innen und die Gesellschaft

Laut Großegger drohen Medienunternehmen im Bereich der tagesaktuellen Berichterstattung den Anschluss an das junge Publikum zu verlieren – oder anders gesagt: Sie werden in jungen Zielgruppen mehr und mehr zum Elitenprogramm.

Die Folge daraus: Junge News-Avoider/innen würden wiederum den Anschluss an die großen Themen unserer Zeit verlieren, die auf der öffentlichen politischen Bühne verhandelt werden. Außerdem könnte es ihnen schwerer fallen, politische Fragen, von denen sie selbst betroffen sind, in einem größeren Systemzusammenhang zu bewerten.

Auch die Demokratie könnte davon nicht unberührt bleiben: In einem Szenario, in dem 50 Prozent politikmüde Avoider/innen sind, könnte es schwierig werden, die junge Generation in den politischen Dialog besser einzubinden. „Jugendbeteiligung konzentriert sich meines Erachtens allzu oft auf diejenigen, die leicht zu erreichen sind – das sind, wenn man das Interesse am aktuellen politischen Tagesgeschehen als Messlatte nimmt, aber eben gerade einmal ein knappes Viertel der 16- bis 29-Jährigen“, so Großegger.

Wie News-Medien reagieren sollten

Großegger formuliert drei Erkenntnisse aus der Studie: Erstens „Weniger ist mehr“. Was es braucht, sei kompetente Selektion der für junge Menschen lebensrelevanten Neuigkeiten – eine Herausforderung, denn lebensrelevant ist an jedem sozialen Standort etwas anderes.

Zweitens: Neue frische Perspektiven auf altbekannte Themen und mehr Anschlussfähigkeit an persönliche Erfahrungen der Jugendlichen. Wichtig wäre, anschaulich zu machen, was Politik im Alltag der Menschen bedeutet und wie sich politische Entscheidungen konkret auf sie auswirken.

Und drittens: Newsformate sollen den zunehmend kurzen Aufmerksamkeitsspannen der digital sozialisierten jungen Generation entgegenkommen und mobile Nutzung im multimodalen Modus ermöglichen. Im Vergleich zwischen ORF-Newsformaten und nachrichtenvermittelnden YouTuber/innen ging die ZIB100 als klarer Testsieger hervor. Begründung: Die ZIB100 bringe das Wichtigste kurz auf den Punkt, sie ist smartphonekompatibel und im öffentlichen Raum lässt sich auch nur der Untertitel rezipieren, ohne den Ton aufdrehen zu müssen.

Hier geht’s zur Studie Junge News-Avoider/innen als Zielgruppe, erschienen in ORF (Hg.): Public-Value-Studie Informationsdeprivation und News-Avoiding. Eine Herausforderung für Demokratie und öffentlich-rechtliche Medien, Wien, 2020

 

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