Schwerpunkt: ONLINE-LERNEN

Österreichische Studie: So geht’s den Schülerinnen und Schülern

Ein Team der Universität Wien (Fakultät für Psychologie) erforscht seit einigen Wochen, wie es den Schülerinnen und Schülern zu Hause geht. Ihre Erfahrungen mit dem Online-Lernen in Zeiten der Schulschließungen sollen auch für die Zeit danach analysiert werden. Die ersten Zwischenergebnisse lesen Sie hier.

Monika Mair - 8. Mai 2020

Dass sich der Alltag von Österreichs Schülerinnen und Schülern verändert hat, stellt niemand in Frage. Doch was genau ist anders? Wie kommen die Lernenden mit dem Online-Lernen zurecht? Und wie geht es ihnen eigentlich? Diese und andere Fragen bilden die Grundlage für die Befragung von Univ.-Prof. Dr. Barbara Schober, Ass.-Prof. Dr. Marko Lüftenegger und Univ.-Prof. DDr. Christiane Spiel.

Die Studie richtet sich sowohl an Schülerinnen und Schüler als auch an Studierende. Die erste Phase endete am 20. April und Zwischenergebnisse liegen nun seit dem 27. April vor. Seit dem 27. April kann der zweite Fragebogen ausgefüllt werden – bis zum 11. Mai. Befragt werden Schüler/innen ab der 5. Schulstufe, die Schulen in Österreich besuchen.

Hier der Link zum zweiten Fragebogen!

Da die Forschenden die Veränderung seit dem Beginn des Online-Lernens spannend finden, darf bzw. kann sowohl der Fragebogen der ersten Phase als auch der aktuellen zweiten Phase ausgefüllt werden. Die Teilnahme ist freiwillig und die Antworten werden anonymisiert zusammengefasst und ausgewertet.

Mit dem Stichtag des 20. April wurde eine Teilstichprobe von 8.349 Schüler/innen analysiert. Die Lernenden, die den ersten Fragebogen ausgefüllt haben, sind zwischen 10 und 19 Jahre alt. 22% der Befragten haben angegeben, neben Deutsch auch andere Sprachen zu Hause zu sprechen.

Was wird wie eruiert?

Um die Ergebnisse zuordnen zu können, fragen die Forscher/innen nach den Sprachen, die die Schüler/innen zu Hause sprechen, dem Schultyp, den sie besuchen, und ob sie eine Ganztagsschule oder Nachmittagsbetreuung besuchen.

Zudem wird analysiert:

  • aufgewandte Stundenanzahl für die Schule derzeit beim Online-Lernen vs. davor in der Schule
  • Zugang zu eigenem Computer oder Laptop
  • ob man (benötigte) Hilfe erhält und von wem
  • wie gut man sich über Corona informiert fühlt
  • ob man den Stoff gut schaffen kann
  • wie viel Wahlfreiheit man hat
  • ob man das Lerntempo bestimmen kann
  • wie (gut) man sich organisiert
  • ob es fixe Lernzeiten gibt
  • ob man gewünschtes Feedback erhält

Interessant ist sicherlich, dass ein hohes Augenmerk auf dem psychischen Wohlergehen und der psychosozialen Situation der Lernenden liegt. Den Forschenden ist es wichtig zu wissen, wie es den Schülerinnen und Schülern mit der Situation im Vergleich zum Beginn der Maßnahmen geht, ob die Schule Spaß macht oder z. B. spannend ist. Wie gut man es schafft, Kontakte aufrechtzuerhalten, wird ebenso thematisiert, wie man sich über Sorgen und die schönen Dinge im Leben austauschen kann. Die Schüler/innen werden auch gefragt, was sie vermissen und welche Charaktereigenschaften sie sich selbst zuschreiben.

Diskussion der Zwischenergebnisse

Die Forschenden weisen in der Diskussion der Zwischenergebnisse bereits darauf hin, dass „Risikogruppen eher unterschätzt werden“. Die Hälfte der Befragten scheint täglich zwischen 3,5 und 6 Stunden mit schulischen Aktivitäten zu verbringen, ein Viertel 3,5 Stunden und weniger am Tag.

Als problematisch wird angesehen, dass 16% der Schüler/innen keinen eigenen Laptop, Computer oder Tablet für die schulischen Aufgaben haben und 21% auch keine Unterstützung beim Lernen bekommen, falls sie sie brauchen. Einerseits werden das selbstorganisierte Lernen und das selbstständige Strukturieren des Lernens als Herausforderungen angegeben. Andererseits nehmen die Schüler/innen wahr, dass sich ihre Selbstorganisation und ihre EDV-Kenntnisse verbessern.

Die Schüler/innen wünschen sich oft schnelleres Feedback, Unterstützung bei der Strukturierung des Lernens und im Umgang mit dem Computer. Eine einheitliche Lernplattform, auf der alles Online-Lernen organisiert ist, wird auch gewünscht. Schön zu lesen ist, dass sich ungefähr zwei Drittel der Befragten wohlfühlen und ungefähr 80% der Befragten optimistisch in die Zukunft blicken.

Eine Gruppe von ungefähr 6% gibt niedriges Wohlbefinden an, scheint sozial nicht sehr eingebunden zu sein und beschreibt sich als wenig erfolgreich in der aktuellen Situation. Die Forschenden rechnen damit, dass diese bedenkliche Situation ungefähr 45.000 Schüler/innen in Österreich betreffen kann.

Wie wird über die österreichische Studie zum Online-Lernen während der Schulschließungen in den Medienberichtet?

Wien.orf.at, die Wiener Zeitung, die OÖ Nachrichten und die Kronen Zeitung betiteln ihre Online-Berichte zur Studie damit, dass ein Viertel der Schüler/innen weniger als 3,5 Stunden am Tag mit schulischen Aktivitäten verbringt. Wie erwähnt, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ für die aktuelle Situation der österreichischen Schüler/innen. Die Befragten haben freiwillig geantwortet und angegeben, dass sie 3,5 Stunden oder weniger mit schulischen Aktivitäten am Tag verbringen.

Was könnte das bedeuten? Hier eine Liste an Vermutungen:

  • Vielleicht erledigen manche Schüler/innen nur das Allernötigste und sind deshalb schnell mit den Übungen und Aufgaben fertig.
  • Vielleicht haben die Lehrkräfte die Schüler/innen anfangs komplett mit Arbeitsaufgaben zugeschüttet und mittlerweile hat sich der Arbeitsaufwand etwas eingependelt.
  • Vielleicht fallen viele wichtigen Situationen des sozialen Lernens weg, wie Gruppendiskussionen und größer angelegte Projektarbeiten in Gruppen.
  • Vielleicht gehen die Lehrkräfte auf die besonderen Herausforderungen ein, in denen sich die Schüler/innen aktuell befinden, und versuchen, diese nicht noch zusätzlich zu überfordern.
  • Vielleicht können 3,5 Stunden an Aufgabenbewältigung zu Hause nicht mit 3,5 Stunden in der Schule verglichen werden.

Das Forschungsteam weiß es (noch) nicht und wir können aktuell nur Vermutungen anstellen. Diesen Fragen ist natürlich jetzt auch nachzugehen: Was können wir aus dieser Herausforderung bildungspolitisch lernen? Wie können die Erkenntnisse den österreichischen Schulalltag positiv verändern?

Die genannten Zeitungen beziehen sich auch auf die besorgniserregenden Ergebnisse, dass 16% der Befragten kein eigenes technisches Gerät für die Aufgaben hat und, dass 21% der Befragten keine Hilfe von daheim bekommen, wenn benötigt. Was bedeutet das für die Zukunft des Online-Lernens und der Schule, die dynamisch auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren soll?

16% ohne eigenes technisches Gerät

Wer keinen eigenen Computer, Laptop oder Tablet zur Erledigung von elektronischen Arbeitsaufträgen hat, ist massiv eingeschränkt. Wenn es gar kein Gerät im Haushalt gibt und Schüler/innen Aufgaben am Smartphone erledigen müssen, ist es noch schwieriger.

Wie kann diese Herausforderung in Zukunft gemeistert werden? Könnten alle Schüler/innen, die österreichische Schulen besuchen, mit Laptops oder speziellen Schul-Tablets ausgestattet werden? Zumindest jene Schüler/innen aus Familien, die sich kein eigenes Gerät für jedes Kind leisten können?

21% bekommen keine Hilfe von daheim

Die Herausforderungen der Ausgangssperren mit Home-Office, Arbeitsplatzverlusten, Zukunftsängsten und dem vermehrten Zusammensein auf vielleicht engen Räumen kann hier mit hineinspielen. Der Standard verweist im Kommentar „Schule für eine neue Welt“ auch auf soziale, psychische und entwicklungspsychologische Probleme der Ausgangsbeschränkungen hin, genauso wie auf Gewalt und Einsamkeit.

In dieser herausfordernden Zeit benötigen die Schüler/innen vielleicht sogar mehr Hilfe als sonst bei Arbeitsaufträgen bzw. Hausaufgaben. 21% der Befragten scheinen aktuell leider zu wenig Hilfe zu bekommen.

Chance Selbstorganisation

Die Forschenden fragen die Schüler/innen auch nach Dingen, die gut bzw. weniger gut funktionieren. Hier werden die Schwerpunkte Selbstständigkeit und Selbstorganisation genannt. Schwierig sei es, sich selbstständig mit den Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen, das Lernen zu strukturieren und sich die Zeit einzuteilen.

Trotzdem sehen die Schüler/innen ihre Zuwächse in der Selbstorganisation als positiv an. Die Forschenden erkennen darin eine bildungspsychologisch wichtige Schlüsselkompetenz, die als zentral für lebenslanges Lernen gilt.

Blick in die Zukunft

Der zweite Fragebogen kann noch bis zum 11. Mai ausgefüllt werden. Wir sind gespannt darauf zu erfahren, wie es den Schülerinnen und Schülern Österreichs geht, und werden darüber berichten.

Die Bildungspsychologin Christiane Spiel unterstützt zudem auch eine weitere Studie. Am 4. Mai startete die Ludwig Boltzmann Gesellschaft die Initiative „Reden Sie mit! Was macht Corona mit unserer psychischen Gesundheit?“. Der erste Teil (4. bis 21. Mai) setzt den Schwerpunkt auf Bildung. Daraufhin folgen Arbeit und Isolation. Ziel der Initiative ist es, einen offenen Dialog zwischen Praktikerinnen, Praktikern, Expertinnen und Experten sowie der Bevölkerung zu schaffen.

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.