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Tinkering: Kreatives Tüfteln zwischen Technik, Physik und Kunst

BMHS aktuell: Tinkering ist spielerisches Basteln mit Werkzeug, Materialien und Ideen. Sarah Funk vom ScienceCenter-Netzwerk erklärt, welche Skills der Stunde trainiert werden und wie auch BMHS das Tinkering lernen.

Florian Wörgötter - 22. Oktober 2020

MEHR_wasjetzt_Tinkering © Heinz Wagner

Selbstentfaltung, Um-die-Ecke-denken, Problemlösen, Verstehen von Konzepten: Beim Tinkering lernen Jugendliche alles, was sie im 21. Jahrhundert brauchen.

Eine Kugel rollt über selbstgebaute Bahnen aus Stangen und Holz. Eine Schaukel hebt eine Kerze, die langsam ein Garn durchbrennt, das ein Spielzeug-Auto in Fahrt bringt. Bücher fallen wie Dominosteine gegen das Pedal eines Fahrrads, das wiederum eine neue Kugel ins Rollen bringt. Eine Kettenreaktion wie diese ist eine Methode des sogenannten Tinkering, ein spielerisches Experimientieren mit Werkzeug, Materialien und Ideen.

Das Besondere an diesem Experiment, das während der Projektwoche an der AHS Rahlgasse in Wien durchgeführt wurde: Jede Schulklasse hat einen Abschnitt der Kettenreaktion auf einer Europalette gebastelt. Im Turnsaal wurden alle Einzelteile zum großen Ganzen zusammengestückelt.

„Beim Tinkering lernen die Jugendlichen, an ihren Ideen zu schrauben“, erklärt Sarah Funk vom ScienceCenter-Netzwerk in Wien. „Tinkering ist ergebnisoffen, daher überrascht auch meist, was am Ende raus kommt.“ In einem EU-Projekt hat Funk Lehrkräfte trainiert, damit diese – wie jene von der AHS Rahlgasse – Tinkering im Unterricht anwenden können. Ihr Zugang: „Hands on. Denn beim eigenen Tun weckt man Erkenntnisse, Neugierde und Forschergeist.“

 

Wie funktioniert Tinkering in der Schule?

Zuerst stecken Lehrkräfte den Rahmen des Projekts: Entweder die Klasse baut eine Kugelbahn, eine andere Kettenreaktion, näht Stromkreise in Textilien oder tüftelt an sonstigen kreative Aufgaben. Eine Vielfalt an Werkzeugen und (recycelten) Materialien – wie Holz, Plastikflaschen, Motoren, Räder, Ventilatoren – soll die Schüler/innen inspirieren, diese auch auf unübliche Weise einzusetzen. Ausgehend davon setzt sich jede Gruppe individuelle Ziele.

Anders als im Werkunterricht oder in der Do-it-yourself-Makers-Szene stehen nicht das fertige Produkt und seine Funktionalitäten im Vordergrund. Der Fokus liegt auf dem Prozess, dem Trial and Error, der Iteration. Also: Wenn eine Idee nicht funktioniert, muss das Material so lange angepasst werden, bis die Idee funktioniert.

Während die Schüler/innen tüfteln, übernehmen die Lehrkräfte die Rolle der beobachtenden Vermittler/innen. Sie analysieren zurückhaltend die Lösungskompetenz ihrer Schüler/innen. Erst im Moment der Frustration schreiten sie motivierend ein und helfen, das Problem eines Mechanismus zu lösen.

Skills des 21. Jahrhunderts

Welche Fertigkeiten die Schüler/innen beim Tinkering lernen? „Jede Menge“, sagt Funk und schießt los wie eine Kugel: Kreativität durch Selbstentfaltung, Um-die-Ecke-Denken, Problemlösen, kritisches Denken, kreativer Umgang mit Materialien, Kommunikation, Teamwork – und: das Verstehen von Konzepten.

„Tinkering lehrt Kreativität durch Selbstentfaltung, Um-die-Ecke-Denken, Problemlösen, kritisches Denken, Teamwork und das Verstehen von Konzepten.“

„Wenn man eine Kugel im Lift eine Etage höher transportiert, muss man den Mechanismus begreifen. Indem man die Theorie erst nach erfolgreicher Praxis vertieft, wird das Konzept besser verstanden.“ Funk hätte vermutet, dass die Lerndimension des Verstehens in der Schule die wichtigste sei, weil sie am ehesten überprüfbar ist. Doch den Lehrkräften zufolge seien Eigeninitiative und soziale Teilhabe genauso wichtig.

Gerade weniger engagierte Jugendliche hätten sich beim Tinkering in neuen Rollen entfaltet und brechen so die Schublade auf, in die sie gesteckt werden. Überraschend sei auch die Vielfalt an kreativen Zugängen, wenn unterschiedliche Charaktere an einem Ziel arbeiten. Aber auch die Erwachsenen seien beim Lehrkräfte-Training voller Neugierde ins Tinkering „reingekippt“.

MEHR_wasjetzt_Tinkering_Porträt

Sarah Funk vom ScienceCenter-Netzwerk in Wien schult Lehrkräfte, die ihren Schüler/innen das Tinkering beibringen wollen.

Potenzial des Tinkering für BHS

Das Tinkering-EU-Projekt wurde vorwiegend an Schulen der Sekundarstufe I durchgeführt – im Werkunterricht, in naturwissenschaftlichen und künstlerischen Fächern. Tinkering sei aber „eine Haltung, ein Mindset“, mit dem Schüler/innen an allen BHS-Schultypen neue Aktivitäten entwickeln lernen, sagt Funk. „Gerade HTLs können sich auf hohem Schwierigkeitsgrad austoben“, ist sie überzeugt. Denn mit spezialisiertem Werkzeug und Know-how sind noch viel komplexere Kugelbahnen und Kettenreaktion möglich.

Besonders interessant sei das Computational Tinkering, das die analogen, haptischen Aktivitäten mit digitalen Tools und Computerprogrammierung verbindet. Sensoren können Aktionen auslösen, kleine Roboter erledigen Aufgaben innerhalb einer Kettenreaktion. Weitere Infos hier.

Aber auch andere BHS-Typen könnten mit Tinkering die Neugierde für MINT-Fächer steigern. Denn physikalische Prinzipien werden auf niederschwellige, spielerische Art vermittelt. Ein selbstbestimmter Zugang kann Interesse wecken, das im klassischen Unterricht weniger angesprochen wird, meint Funk. „In der Nachbesprechung sind Schüler/innen erstaunt, wie das erlernte Wissen mit einem Fach verknüpfbar ist, das sie eigentlich nicht interessiert.“

Einfach machen

Wer sich für Anleitungen zum Tinkering an der Schule interessiert, dem empfiehlt Funk einen Blick auf die Website von The Tinkering Studio in San Francisco, in dessen Exploratorium das Tinkering Mitte der Nullerjahre seinen Ausgang genommen hat. Noch mehr Infos bietet das Buch „The Art of Tinkering“ .

Das ScienceCenter-Netzwerk unterstützt vor allem Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wie Lehrkräfte bei der Umsetzung. Alle Unterlagen des EU-Projekts, Studien sowie weitere Infos hier.

 

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