Schwerpunkt: Medienkompetenz

Ingrid Brodnig: „Schule impft gegen Verschwörungstheorien“

Wir starten den Schwerpunkt „Medienkompetenz“. Digital-Expertin Ingrid Brodnig erklärt, wie Lehrende ihre Schüler/innen gegen Verschwörungstheorien immunisieren – mit Faktenchecks, Warnsignalen und den Chips von Bill Gates.

Florian Wörgötter - 29. Mai 2020

Aktuell verbreiten sich Verschwörungstheorien über Corona schneller als das Virus selbst. Zum Auftakt des Was jetzt-Schwerpunktes „Medienkompetenz“ sprechen wir mit Digital-Expertin Ingrid Brodnig darüber, wie Lehrer/innen den Überblick bewahren, damit sie ihre Schüler/innen gegen Verschwörungstheorien in der Schule wappnen können.

Die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig hat verstanden, wie das Internet funktioniert: In Büchern wie „Hass im Netz“ (2016), „Lügen im Netz“ (2017) und „Übermacht im Netz“ (2019) analysiert die Grazerin den Brennpunkt zwischen Mensch und Internet.

 

Autorin und Digital-Expertin Ingrid Brodnig über Verschwörungstheorien in der Schule.

 

Was jetzt: Wann wird eine Spekulation  zur Verschwörungstheorie?

Ingrid Brodnig: Wenn es die Idee eines geheimen Zusammenschlusses von dunklen Akteuren gibt, die zulasten der breiten Bevölkerung Böswilliges planen. Es gibt auch Falschmeldungen, die sind womöglich problematisch, aber sie zeichnen nicht das Bild einer Verschwörung.

Vor welchen großen Corona-Verschwörungen sollte man Schüler/innen aktuell warnen?

Man sieht derzeit stark, dass Schuldige gesucht werden. Besonders über Microsoft-Milliardär Bill Gates wird viel Unsinn spekuliert. Etwa, dass er die Bevölkerung reduzieren und den Menschen Mikrochips einpflanzen wollen würde.

Andere Verschwörungstheorien behaupten, dass COVID-19  eine Folge von Handystrahlung des neuen 5G-Mobilfunkstandards sei. Eine Schwäche dieser Argumentation: Auch in Gegenden ohne 5G-Netz sind Menschen an COVID-19 erkrankt.

Worin stecken die Gefahren solcher Verschwörungstheorien?

Dass Menschen das Virus und seine gesundheitlichen Risiken falsch einschätzen, wenn sie etwa seine Existenz leugnen. Die andere Gefahr ist, dass Unschuldige aus Wut beleidigt und bedroht werden – oder wie in Großbritannien sogar Handymasten angezündet werden.

Wirklich gefährlich werden solche Theorien aber, wenn Feindbilder und Gewaltbereitschaft genährt werden. Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit einer Mentalität zu Verschwörungen eher undemokratische Maßnahmen akzeptieren und auch Gewalt als Verteidigungshaltung legitimieren würden.

Bleiben wir beim Beispiel „Bill Gates will die Weltbevölkerung schrumpfen“. Welche Methoden können Lehrende ihren Schülern und Schülerinnen beibringen, solche Falschmeldungen zu entlarven?

Die simpelste Variante wäre, einen Faktencheck im Internet zu suchen. Man googlet die Worte: Bill Gates + Impfung + Bevölkerungsreduktion + Faktencheck. Dann finden sich aufklärende Texte darüber, dass Bill Gates sich mit seinen karitativen Projekten gegen Armut in Entwicklungsländern einsetzt. Diese Armut könne reduziert werden, wenn Familien weniger Kinder bekommen müssten, wenn alle ihre Kinder überleben würden, weil sie geimpft werden. Aber das heißt nicht, dass Bill Gates sagt, Menschen gehören umgebracht.

„Ein Grundpfeiler des Faktenchecks ist seine Transparenz: Dass man nachvollziehbar macht, wie man zum Ergebnis einer Recherche gekommen ist.“

Welche seriösen Faktencheck-Webseiten empfehlen Sie Lehrern und Lehrerinnen?

In Österreich empfehle ich Mimikama.at, in Deutschland correctiv.org, in den USA Snopes.com, in Europa die Agence France Press (AFP), die Deutsche Presseagentur (DPA) oder auch den Faktencheck der Österreichischen Presseagentur (APA). Wenn ich auf diesen Seiten lande, kann ich davon ausgehen, dass sie sehr seriös vorgehen, weil sie in der Regel erklären, wie sie zum Ergebnis gekommen sind.

Wie erklärt man einem/r Zweifler/in, warum diese Faktencheck-Seiten seriös sind?

Ein Grundpfeiler des Faktenchecks ist seine Transparenz: Dass ich nachvollziehbar mache, wie ich zum Ergebnis meiner Recherchen gekommen bin. Sie schlüsseln Wort für Wort auf, in welchen Originalquellen Bill Gates was gesagt hat und wie ein Zitat aus einem Video irreführend weiterentwickelt wurde.

Viele dieser Faktenchecker sind große Redaktionen mit gutem Ruf. Es macht einen Unterschied, ob ein Medium mit vielen angestellten Journalistinnen und Journalisten jahrelang immer wieder hochwertige, eigenständige Recherchen liefert. Oder ob ich auf einer Webseite ohne Impressum lande, wo weder erklärt wird, wer hier arbeitet oder wo eine Zahl herkommt.

Genauso sollte es ein Warnsignal sein, wenn eine Quelle unbekannt ist oder sie bereits etliche Male widerlegt worden ist und renommierte Zeitungen bereits davor warnen.

Wenn nun im Unterricht ein/e Schüler/in diese Webseiten als „Unterdrücker der Wahrheit“ bezeichnet – wie reagieren Lehrer/innen darauf?

Wenn Schüler/innen einen solch heftigen Vorwurf äußern, müssen sie ihn auch belegen können. Eine Lehrperson sollte fragen: Worauf beziehst du dich? Wie realistisch ist dieser Zusammenhang? Das Problem ist oft, dass solche „Belege“ auf keinen Fakten, sondern auf Meinung basieren und wiederum nur von einer Weltverschwörung reden. Diesen Unterschied zwischen Fakten und Meinung sollten Schüler/innen lernen.

Lehrer/innen sollte aber nicht davon ausgehen, dass sie jede/n einzelne/n mit Logik überzeugen werden. Doch Jugendliche sind sind meiner Erfahrung nach für eine kritische Aufklärung noch weitaus empfänglicher als mancher Erwachsener.

Pubertierende finden quergedachte Theorien oftmals cool und rebellisch – vor allem, wenn Popstars wie Xavier Naidoo, Sido oder Fler sie propagieren. Wie erklärt man Schüler/innen, dass ihre Helden und Heldinnen sie auf Abwege bringen?

Ein Problem bei Jugendlichen ist ebenfalls, dass sie Verschwörungstheorien oft einfach nur lustig finden und wertebefreit konsumieren. Sie spielen auch gerne mit provokanten Aussagen.

Wenn ein/e Jugendliche/r aber tatsächlich glaubt, was Influencer/innen oder Popstars sagen, empfehle ich, andere Influencer/innen oder Popstars zu finden, die sich dagegen aussprechen. Vielleicht haben auch YouTuber/innen schon in Videos die Absurdität mancher Thesen aufgezeigt.

Junge wie Erwachsene nehmen sich Informationen oder Faktenchecks eher zu Herzen, wenn sie von einer Person oder Quelle kommen, der sie vertrauen. Wenn aber viele ihrer Idole in dieselbe Richtung tendieren, kann es problematisch werden.

Deshalb vertrauen viele den WhatAapp-Nachrichten ihrer Familie, Freundinnen und Freunde. Ein Fehler?

Das Problem ist: Viele glauben solchen Nachrichten, weil ihre Freund und Freundinnen sie nie belügen würden. Die Chance ist aber hoch, dass auch ihre Freunde und Freundinnen diese News nicht gegegenchecken, sondern weiterleiten, weil sie interessant sind und in ihr Weltbild passen.

Wenn mich solche Nachrichten stark emotionalisieren und Wut auslösen wollen, sollte ich vorsichtig werden, genauer hinschauen und einen Faktencheck anstellen.

„Auch Lehrer/innen müssen nicht immer alles wissen. Seriös ist, offen anzusprechen, was man nicht weiß.“

In der COVID-19-Krise existiert die Faktenlage auf Basis von Bruchstückchen. Das Vakuum dazwischen wird von Halbwahrheiten gefüllt. Wie können Lehrer/innen unklare Fakten einordnen?

Ganz wichtig: Auch Lehrer/innen sollten nicht den Anspruch haben, immer alles wissen zu müssen – und auch nicht zu glauben, dass immer alles geklärt ist. Gerade im Fall von COVID-19 wissen wir vieles einfach nicht. Seriös ist, wenn man offen anspricht, was man nicht weiß.

Was Lehrer/innen aber machen können: hochwertige Quellen nutzen. Wenn sie regelmäßig Factchecking-Webseiten wie Mimikama.at und correctiv.org mitlesen, erfahren sie auch, welcher Unsinn außerhalb ihrer Blase kursiert. Dann kennen sie schon die Mythen, über jene Schüler/innen im Unterricht reden, von denen ihr eigener Bekanntenkreis nichts mitbekommt.

Im Falle von Corona empfehlen sich natürlich namhafte Quellen wie das Robert Koch Institut in Deutschland, die Infektionszahlen der John Hopkins-Universität, das Dashboard des Gesundheitsministeriums in Österreich, aber auch die APA, die sehr viele Gesundheitsfragen gegengecheckt hat.

Was tun, wenn Schüler/innen ein Foto mit einer Behauptung teilen, von der auch gut informierte Lehrende  noch nie gehört haben?

Ich lese wirklich viele Falschmeldungen und Verschwörungstheorien, aber auch mir passiert regelmäßig, dass neue Thesen auftauchen, die ich so noch nicht kannte. Für Lehrer/innen ist es sinnvoll, selbst einen Faktencheck via Google durchführen zu können.

Wenn etwa ein Foto mit der Behauptung geteilt wird, diese Menschen wurden in China mit dem Corona-Virus getötet, empfiehlt sich die Google-Bildersuche und ihre Rückwärts-Suche: So kann ich mit dem Upload eines Fotos herausfinden, ob das Bild bereits in einem anderen, früheren Kontext im Web publiziert worden ist. Das sind handwerkliche Tricks, die Lehrende für sich selbst nutzen können, aber auch den Schülern und Schülerinnen vermitteln sollten.

Haben Sie noch weitere Lernmethoden für den Unterricht?

Ein simples Übungsbeispiel: Ich schau auf Mimikama.at oder correctiv.org, welche viralen Mythen aktuell hinterfragt werden. Im Unterricht kann dann die Aufgabe sein, eine dieser Meldungen zu analysieren, ob sie stimmt oder nicht. Schüler/innen prüfen die These und man bespricht gemeinsam die gesamte Quellenkritik. So lernen sie, wie Journalistinnen und Journalisten und Faktenchecker/innen in ihrer Recherche vorgehen.

„Die Schule kann gegen Verschwörungen impfen. Sei muss nur ihren Schüler/innen Faktenchecks beibringen.“

Wie weit kommt man bei überzeugten Verschwörungstheoretikern und Verschwörungstheoretikerinnen überhaupt mit Logik?

Das hängt davon ab: ist jemand nur verunsichert, findet er die Theorie spektakulär oder ist er komplett überzeugt davon. Je größer die Überzeugung, desto weniger erfolgreich ist ein eloquent vorgebrachter Faktencheck oder ein schön dargelegtes Unterrichtsbeispiel.

Generell sehen wir Menschen nicht gerne ein, dass wir falsch liegen und unsere Überzeugungen ändern sollten. Aber selbst ein kleiner Zweifel an der Theorie kann schon ein großer Erfolg sein.

Welches Bedürfnis steckt hinter dem Vertrauen in Verschwörungstheorien?

In einer undurchschaubaren Zeit liefern sie eine simple Erklärung, indem sie Vorurteile bestätigen oder Schuldige liefern. In der Wissenschaft spricht man vom Kontrollverlust, wenn Leute verunsichert über die Kontrolle ihres eigenen Lebens sind. Verschwörungstheorien geben ihnen dann das Gefühl des Durchblicks. Es fühlt sich besser an, das Gefühl zu haben, zu wissen, was wahr ist.

Versucht man, diese Ansichten mit rein logischen Argumenten zu bekämpfen, dann blendet man die dahinterliegenden Bedürfnisse aus, dass Menschen Angst oder auch Vorurteile haben.

Wie können Lehrer/innen der Jugend diese Ängste nehmen, damit sie auf keine kruden Theorien hereinfallen?

Ich glaube, dass an Schulen auch nur ein ganz kleiner Teil anfällig für Verschwörungstheorien ist. Der Unterricht kann eine Impfung gegen sie sein, indem ich schon vorab darauf aufmerksam mache, was für Unsinn kursiert, woran ich Warnsignale des Unseriösen erkenne und wie ich Faktenchecks durchführe.

Manchmal müssen Lehrer/innen die Feuerwehr sein, wenn es schon brennt und Falsches im Umlauf ist. In manchen Fällen sind sie aber Vorsorge und bieten Schülerinnen und Schülern die Chance, ihre Medienkompetenz zu entwickeln, die ihnen auch später noch nutzen wird. Diese Grundkompetenz sollte jeder Jugendliche in seiner Schulzeit erlernen.


Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.