Schwerpunkt: Vertrauen

„Vertrauen ist eine Investition, die sich immer rechnet“

Was es im Schulalltag bringt, wie dem Misstrauen von Eltern begegnet werden kann und warum es die Gesundheit von Lehrern verbessert: Lesen Sie hier unser Interview mit Vertrauensforscher Martin Schweer über die Macht des V-Worts.

Das Gespräch führte Stefan Schlögl - 4. April 2018

 

Wenn ich mich an meine Schulzeit zurück denke, war jener Lehrer, dem ich am stärksten vertraut habe, alles andere als ein Kuschelpädagoge. Er verlangte viel und prüfte hart. Können auch strenge Lehrer Vertrauen ausstrahlen?

Das hängt davon ab, wie wir „streng“ definieren. Wenn man unter Strenge versteht, dass es eindeutige Regeln und Ziele gibt, ist das schon ein wichtiger Vertrauensbeweis. Daraus erwächst Autorität im positiven Sinne, die seitens der Schüler berechenbar ist.

Anders sieht es aus, wenn Lehrende ihre Machtposition in unangemessener Weise ausnutzen, um etwa jemanden vor der Klasse herunterzuputzen.

Aber auch nach außen hin eher locker erscheinende Pädagoginnen und Pädagogen sind nicht automatisch Vertrauenspersonen. Manchmal sind ihnen die Bedürfnisse ihres Gegenübers einfach gleichgültig, das spüren die Schülerinnen und Schüler.

 

Vertrauensforscher Martin Schweer: „Das Entscheidende ist Authentizität, also echt sein und seine eigenen Werte, Ansichten und Überzeugungen auch tatsächlich leben.“

 

Welche Rolle spielt Vertrauen im Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern?

Eine sehr wichtige – die auch immer stärker erkannt wird. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Vertrauen eine Ressource ist, die positiv wirkt. Weil sie die Motivation aller Beteiligten fördert und eine bessere Lernatmosphäre schafft.

Gerade auch Schülerinnen und Schüler, die zunächst wenig Interesse am Unterricht zeigen oder sich mit Inhalten schwer tun, profitieren davon. Gleichzeitig lassen sich aufkommende Konflikte schneller und konstruktiver lösen.

Vertrauen ist ja etwas sehr Individuelles. Es gründet auf Erfahrung, Lebenseinstellung, der momentanen Situation. Würde man dennoch versuchen, den idealen, vertrauenswürdigen Pädagogen zu beschreiben: Was zeichnet sie oder ihn aus?

Das Entscheidende ist Authentizität, also echt sein und seine eigenen Werte, Ansichten und Überzeugungen auch tatsächlich leben. Wichtig ist es zudem, eindeutige Maßstäbe zu akzeptiertem und nicht akzeptiertem Verhalten zu setzen, um Unklarheiten zu vermeiden.

Gleichzeitig dürfen Schülerinnen und Schüler nicht das Gefühl bekommen, unfair behandelt zu werden, etwa deshalb, weil andere bevorzugt werden. Dazu gehört Transparenz bei der Beurteilung, damit Notengebung nachvollziehbar ist.

Fachkompetenz bedarf es natürlich ebenso, wichtig ist aber auch, Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln, im Bedarfsfall jederzeit Unterstützung erhalten zu können. Sei es im Unterricht, bei Konflikten in der Klasse oder auch bei eher privaten Angelegenheiten.

 

„Lehrende können Leistung einfordern und Sanktionen verhängen. Solange sie auch Maßnahmen wie Transparenz und Aufrichtigkeit setzen, ist das kein Widerspruch.“

 

Aber Lehrer und Schüler agieren ja nicht auf Augenhöhe. Es gibt ein mehr oder weniger deutliches Machtgefälle.

Diese ungleiche Machtverteilung gibt es nun einmal, und sie ist nicht verhandel- oder austauschbar. Mit solchen asymmetrischen Beziehungen müssen wir uns tagtäglich immer wieder auseinandersetzen.

Entscheidend jedoch ist, die unterschiedlichen Rollen klar anzusprechen, schließlich sind damit jeweils auch Rechte und Pflichten verbunden. Sei es etwa die Übernahme von Verantwortung oder das Bemühen, seine Aufgabe sorgsam zu erledigen.

Nun gibt es aber sicher bei einigen Lehrern die Befürchtung: Wenn ich meinen Schülern zu viel Vertrauen schenke, ist meine Autorität dahin. Das könnte mir als Schwäche ausgelegt werden.

Eine aus meiner Sicht häufige alltagspsychologische Fehlannahme, die es auch bei Führungskräften in der Wirtschaft gibt. Frei nach dem Motto: Ich muss stark auftreten, ansonsten verliere ich an Respekt und Autorität.

Entscheidend ist allerdings die klare Trennung zwischen Sache und Person. Lehrende können und sollen Leistung einfordern und unpassendes Verhalten ansprechen, sie können durchaus Sanktionen verhängen – aber auch vertrauensbildende Maßnahmen wie Unterstützung, Transparenz und Aufrichtigkeit setzen. Das ist kein Widerspruch.

 

„Wer das Gefühl hat, dass seine Arbeit wertgeschätzt wird, ist widerstandsfähiger gegenüber Frustmomenten und Belastungsspitzen.“

 

Gleichzeitig aber wird in der Pädagogik davor gewarnt, dass zu große Nähe das Autonomiebedürfnis von Jugendlichen einschränken könnte.

Natürlich ist jede Schülerin, jeder Schüler unterschiedlich. Das ist ein Abbild ihrer jeweiligen Erfahrungen, etwa in der Familie. Während der eine keine große Nähe wünscht, ist persönliche Unterstützung für den anderen wichtig. Darauf müssen Lehrende auch achten.

Doch Patentrezepte gibt es nicht. Ausschlaggebend ist, diese Bedürfnisse zu erkennen und Angebote zu machen. Dabei müssen Lehrende nicht alle zwangsbeglücken, ein respektvoller Umgang ist ein guter Anfang. Nicht zuletzt, weil so die Grenzen des Gegenübers gewahrt bleiben und dennoch eine solide Vertrauensbasis gelegt werden kann.

Nun haben ja Schüler und Lehrer unterschiedliche Vertrauensbezüge. Für Schüler ist etwa „Information“ oft mit Social Media verbunden, Lehrer vertrauen eher Fachwissen und Erfahrung. Können diese unterschiedlichen Gruppen überhaupt eine gemeinsame Basis finden?

Ich sehe darin sogar eine Chance, voneinander zu lernen. Das setzt vonseiten der Lehrenden selbstverständlich Offenheit und Mut voraus.

Die Aufforderung an eine Schülerin, doch mal zu zeigen, was eine bestimmte App so alles kann, wird vielleicht dem Lehrer bisweilen als Schwäche ausgelegt – auch weil er glaubt, immer alles wissen zu müssen.

Meines Erachtens ist das ein falsches Denken. Nachzufragen zeigt einfach echtes Interesse an der Lebenswelt des anderen.

 

Vertrauen ist eine Investition, die sich einfach immer rechnet.

 

Ist es im Unterrichtsalltag, mit all den Vorgaben, dem Leistungsdruck, nicht schwierig, sich auch noch um „Soft Skills“ wie Vertrauen zu kümmern?

Ganz klar steigen heutzutage bei allen Beteiligten die Anforderungen. Wir erleben im Übrigen Ähnliches im universitären Alltag bei der Begleitung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer.

Letztendlich jedoch haben es Lehrende in einem intakten Vertrauensklima ungleich leichter, gelungene und zielführende Arbeit zu gestalten. Das Bemühen um Vertrauen ist also eine Investition, die sich – um im ökonomischen Bild zu bleiben – rechnet.

Weil Lehrerinnen und Lehrer auch persönlich etwas davon haben?

Wer Spaß am Unterricht und das Gefühl hat, dass seine Arbeit wertgeschätzt wird, ist widerstandsfähiger gegenüber Frustmomenten und Belastungsspitzen. Das beugt psychosomatischen Beschwerden oder der Gefahr eines Burnouts vor.

Nun gibt es an der Schule nicht nur das Wechselverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, sondern auch das zwischen Pädagogen und Eltern: Wie lässt sich deren Vertrauen gewinnen?

Gerade bei Eltern gibt es nicht selten Unsicherheit, zum Teil sogar Misstrauen, wie es ja vielen Institutionen entgegengebracht wird. Heutzutage nehmen die Zweifel allerdings manches Mal überhand.

Tatsächlich aber kommt man nur weiter, wenn die Eltern aktiv ins Boot geholt werden. Also nicht nur informiert, sondern tatsächlich verpflichtet werden, Verantwortung zu übernehmen.

Dazu gehört ein regelmäßiger Austausch, bei dem alle Beteiligten, also Schüler, Lehrende und Eltern gemeinsam ihre Ziele, Vorhaben und gegenseitige Kritik artikulieren. Das Ergebnis sollte eine Vereinbarung sein, bei der alle drei Parteien gemeinsam an einem Strang ziehen müssen.

 

„Die Institution Schule sollte sich kritisch hinterfragen: Dringt es bis ins Klassenzimmer vor, was uns wichtig ist? Was verstehen wir unter Vertrauenskultur?

 

Wie kann die Schule, die Organisation, helfen, einen vertrauensvollen Umgang zu stärken?

Zuerst sollte sich die Institution selbst kritisch hinterfragen. Dringt es eigentlich bis ins Klassenzimmer vor, was uns als Institution wichtig ist? Was verstehen wir unter dem Schlagwort Vertrauenskultur? Wen sollten wir einbeziehen?

Es bringt nichts, wenn sich die Schulleitung sinnvolle Projekte ausdenkt, aber Lehrende und Schüler nicht mitziehen. Darüber hinaus sollte nach dem konkreten Profil, also der Identität einer Schule, gefragt werden.

Wichtig auch: Wie strahlen wir als Schule in die Gesellschaft hinein? Auf welche Weise können wir uns im Ort und in der Region aktiv einbringen? Schule also als gesellschaftlicher Player, als Kompetenzzentrum, das von der Bevölkerung als unverzichtbar empfunden wird.

Sie halten viele Vorträge vor Führungskräften aus der Wirtschaft und lehren an einer Universität. Plaudern Sie doch bitte aus dem Nähkästchen: Wie bauen Sie als Lehrer Vertrauen auf?

Das kann man natürlich nur bedingt mit der schulischen Praxis vergleichen, allein schon, weil ich mit Studierenden nicht so intensive Kontakte aufbauen kann. Aber generell setze ich auf ein hohes Maß an Transparenz.

Ich versuche, klare Spielregeln zu definieren, damit jeder weiß, wie Bewertungen zustande kommen. Darüber hinaus hoffe ich natürlich, dass ich fachlich kompetent bin.

Am wichtigsten ist mir jedoch, den Studierenden eines zu vermitteln: mein aufrichtiges Bemühen, ihnen etwas beizubringen.

 

Zur Person

Professor Dr. Martin K. W. Schweer (53) ist seit 1998 Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie an der Universität Vechta (Niedersachsen) und Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung (ZfV).

Schweer hat zahlreiche Publikationen zum Thema Schule veröffentlicht und einschlägige Fachbeiträge verfasst, darunter in: Lehrer-Schüler-Interaktion. Inhaltsfelder, Forschungsperspektiven und methodische Zugänge. 3. Auflage, Springer 2016.

 

 

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Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 1/18