Schwerpunkt: Vertrauen

Schau mir in die Augen

Wann vertrauen wir anderen mehr, wann weniger? Wie lange dauert es, bis uns jemand sein Vertrauen schenkt. Und was hat das mit Geld und Oxytocin zu tun? Die Wissenschaft hÀlt zum V-Wort teils erstaunliche Antworten parat.

Recherche: Stefan Schlögl - 27. Februar 2018

 

20 Sekunden entscheiden
LÀnger dauert es nicht, um zu entscheiden, ob Sie einer wildfremden Person trauen. Das ergab eine Studie der UniversitÀt von Kalifornien in Berkeley. Erstaunlich: Genauso lange dauert die Beantwortung dieser Vertrauensfrage, wenn Sie einen Fremden einfach nur dabei beobachten, wie er sich mit einer anderen Person unterhÀlt.

 


Eine Dosis Vertrauen, bitte
Das Hormon Oxytocin spielt nicht nur wĂ€hrend der Geburt, etwa weil es die Wehen auslöst, eine wichtige Rolle. Es wirkt zudem entspannend, fördert die Vertrautheit zwischen Mutter und Neugeborenem, verringert die Auswirkungen von Stress und wirkt luststeigernd. Gleichzeitig aber stĂ€rkt es ganz allgemein das Vertrauen. So verabreichten Forscher an der UniversitĂ€t ZĂŒrich einigen Probanden das Hormon vor einem Investment-Spiel. Prompt zeigten diese gegenĂŒber ihren Spielpartnern deutlich grĂ¶ĂŸeres Vertrauen. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Sogar bei Ehestreitigkeiten wirkt Oxytocin deeskalierend.

 

Schau mir in die Augen
BraunĂ€ugige sind klar im Vorteil. Schließlich wird ihnen mehr vertraut als Menschen mit blauen Augen. So das Ergebnis einer Studie an der Prager Karls-UniversitĂ€t. Hintergrund der Forschungsarbeit war die Frage, woran VertrauenswĂŒrdigkeit bei einem Menschen abzulesen ist. Faktoren wie Gesichtsform, Mundpartie oder eben die Augenfarbe wurden einbezogen. Besonders stark und positiv schlugen braune Augen bei den Probanden aus. Kleiner Trost fĂŒr BlauĂ€ugige: Wer gleichzeitig ein rundes oder eher breites Gesicht hat, holt in Sachen Vertrauen auf.

 

Entschuldigen Sie das miserable Wetter, aber …
Ein „Verzeihen Sie“, um einen unbekannten Menschen anzusprechen, ist nicht nur eine Höflichkeitsformel: Sich zu entschuldigen schafft Vertrauen – und zwar auch bei UmstĂ€nden oder Ereignissen, die Sie gar nicht beeinflussen können. Diesen paradoxen Zusammenhang belegt eine Studie der Harvard Business School. Dabei bat ein Schauspieler an einem regnerischen Tag dutzende Fremde, die am Bahnhof auf den Zug warteten, fĂŒr einen kurzen Anruf um deren Smartphone. Fragte er bloß nach dem GerĂ€t, halfen bloß neun Prozent aus. Entschuldigte er sich aber zuerst fĂŒr irgendetwas, in diesem Fall das miese Wetter, und fragte dann nach dem Handy, hatte er bei 47 Prozent der Angesprochenen Erfolg.

 

Die Macht der Einbildung

FĂŒr ein Experiment an US-Schulen im Jahr 1965 wurde einigen Lehrern am Beginn des Jahres mitgeteilt, dass sie eine Klasse ĂŒbernehmen sollten, deren SchĂŒler ĂŒber ein ĂŒberdurchschnittliches Lern- und Leistungspotenzial verfĂŒgen wĂŒrden. Am Ende des Schuljahres hatten diese Eleven in der Tat bessere Noten als die SchĂŒler in den Vergleichsklassen. Bei knapp der HĂ€lfte lag der IQ um 20 Punkte höher. TatsĂ€chlich aber waren die SchĂŒler von den Forschern bloß nach Zufall ausgewĂ€hlt worden und keineswegs die besten. Die Erkenntnis des sogenannten Pygmalion-Effekts: Nur weil die SchĂŒler glaubten, zu einer Leistungselite zu gehören, also auch mehr Selbstvertrauen entwickelten und die Lehrer ihnen deshalb mehr zutrauten, stieg die Intelligenz- und Lernkurve der Probanden an.

 

V wie viel verdienen
Eine 2010 veröffentlichte Studie der UniversitĂ€t von Kalifornien belegt, dass Menschen, die mehr vertrauen tendenziell mehr verdienen. Um bis zu 20 Prozent höher war deren Einkommen im Vergleich zu jenen mit dem grĂ¶ĂŸten Misstrauen.

 

Da schau her!
Der Wissenschafter Alexander Todorov von der New Yorker Princeton University ist Spezialist fĂŒr Gesichter. Genauer: Welche unterbewussten Botschaften ein Antlitz ausstrahlt. In unzĂ€hligen Studien hat er die subtilen Charakteristika erforscht, anhand derer wir innerhalb von Millisekunden entscheiden, wie wir ein GegenĂŒber einschĂ€tzen. Konkret hat Todorov auch die VertrauenswĂŒrdigkeit der jeweiligen Personen abgefragt. Dabei hat er Testprobanden computergenerierte, jeweils leicht verĂ€nderte Gesichter vorgelegt.

Das Ergebnis: Es gibt tatsĂ€chlich Charakteristika, die unsere grundsĂ€tzliche Einstellung beeinflussen. So empfinden wir Gesichter mit großen, weit auseinander stehenden Augen als vertrauenswĂŒrdig. Positiv wirken sich auch ein breites Kinn und hohe Wangenknochen aus.

Wenig vertrauenswĂŒrdig wirken hingegen ein kantiges Kinn und nach unten gezogene Augenbrauen. So ist es auch wenig ĂŒberraschend, dass die Gesichter links in der Fotoserie von den Probanden als wenig, das ganz rechte jedoch als sehr vertrauenswĂŒrdig bewertet wurde. Dennoch, so Todorov, seien nicht allein die oben erwĂ€hnten Merkmale fĂŒr unsere Bewertungen ausschlaggebend. Laut dem Forscher beeinflussen auch sogenannte Halo-Effekte – dabei schließen wir von bekannten positiven Eigenschaften einer Person unterbewusst auf weitere positive WesenszĂŒge – sowie Stereotype und Vorurteile die Entscheidung, ob wir vertrauen. Oder eben nicht.

 

Freunde fĂŒrs Leben
Im Rahmen des „European Social Survey“ 2016 wurde vom österreichischen Partner, dem Institut fĂŒr Höhere Studien (IHS), die Anzahl der sogenannten Vertrauenspersonen erhoben. „Wie viele Menschen haben Sie, mit denen Sie ĂŒber intime und persönliche Angelegenheiten sprechen können?“, lautete die entsprechende Frage, die knapp 1.800 Österreicherinnen und Österreichern gestellt wurde.

Das Ergebnis: 22 Prozent der Befragten haben zwei, ‹28 Prozent sechs Menschen, mit denen sie ĂŒber sehr persönliche Angelegenheiten reden. Je jĂŒnger die Befragten, umso mehr Menschen ziehen sie ins Vertrauen. VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hoch ist die Zahl der Vertrauenspersonen auch bei AkademikerInnen, SchĂŒlerInnen und Lehrlingen, wĂ€hrend PensionistInnen und Arbeitslose vergleichsweise hĂ€ufig (22 % bzw. 24 %) nur einen oder gar keinen Menschen haben, mit dem sie Persönliches besprechen können.


Ein Beitrag aus dem Was jetzt-Magazin, Ausgabe 1/18