Studium und Beruf

Fachhochschule des BFI Wien: Ein virtuelles Praktikum? Geht das?

Die FH des BFI Wien bietet Studierenden ein virtuelles Praktikum. Studiengangsleiter Andreas Hruza erklärt die Gründe hinter der Kooperation mit der Wirtschaftsagentur Wien und ob sein virtuelles Start-up auch Zukunft hat.

Florian Wörgötter - 25. März 2021

MEHR_wasjetzt_Andreas Hruza Virtuelles Praktikum ©FH des BFI Wien

Kann ein virtuelles Berufspraktikum funktionieren? Ja, sagt Studiengangsleiter Andreas Hruza von der FH des BFI Wien. Wie? Das erklärt er im Was jetzt-Interview.

Die Corona-Krise erschwert es Studierenden, ein geeignetes Berufspraktikum zu finden. Damit sich ihr Studienabschluss nicht verzögert, hat die Fachhochschule des BFI Wien das „österreichweit erste virtuelle Berufspraktikum“ ins Leben gerufen. In Kooperation mit der Wirtschaftsagentur Wien gründen Studierende ohne Praktikumsplatz ein fiktives Start-up.

Wir haben den Urheber der Idee, Andreas Hruza, befragt, wie ein virtuelles Praktikum konkret funktioniert. Der Leiter des Studiengangs Film-, TV- und Medienproduktion erklärt im Was jetzt-Interview, inwieweit ein virtuelles Start-up der digitalen Transformation Rechnung trägt.

Was jetzt: Herr Hruza, warum bietet die Fachhochschule des BFI Wien ihren Studierenden ein virtuelles Praktikum?

Andreas Hruza: In meinem Studiengang Film-, TV- und Medienproduktion hatten viele Studierende im Jänner noch keinen Praktikumsplatz. Sie benötigen aber ein Praktikum, um ihren Bachelor abzuschließen. Auch in anderen Studiengängen dämmerte ein solches Problem heran.

„Wir wollten vermeiden, dass manche ihr Studium erst später oder gar nicht abschließen können.“

Deswegen haben wir uns vernetzt, um für alle Studierenden, die coronabedingt keinen Praktikumsplatz finden, einen realitätsnahen Ausflug in ein Berufsfeld anzubieten. Wir wollten vermeiden, dass manche ihr Studium erst später oder gar nicht abschließen können.

In diesem Berufspraktikum gründen Studierende ein virtuelles Start-up. Welche Motivation steckt dahinter?

Viele Studierende unserer FH und insbesondere meines Studienganges spielen mit dem Gedanken, sich nach dem Studium selbständig zu machen – im Bereich Dokumentarfilm, visuelle Effekte oder Kameraarbeit. Ein virtuelles Start-up zu gründen, könnte sie auf die wichtigsten Fragen vorbereiten: Was ist eine Geschäftsidee? Wie konkretisiere ich sie? Wie überprüfe ich, ob sie Platz am Markt hat? Wie analysiere ich mein Konkurrenzumfeld? Wer sind meine Kunden?

Für den Praxisbezug kooperieren Sie mit der Wirtschaftsagentur Wien. Wie funktioniert das Wechselspiel zwischen Studierenden und Expertinnen und Experten?

Die Wirtschaftsagentur Wien beschäftigt sich umfangreich mit der Gründer/innen-Szene. Die wissen genau, wie man einem Start-up hilft, seine Geschäftsideen umzusetzen.

Zum Auftakt erklärt die Wirtschaftsagentur den Studierenden, wie sie eine Geschäftsidee finden und konkretisieren. Weiters bietet sie laufend Feedback-Schleifen für Fragen, ein Coaching-Angebot für Gründer/innen und die Chance, sich mit der realen Start-up-Szene auszutauschen.

Danach pitchen unsere Studierenden ihre Geschäftsideen der Wirtschaftsagentur und präsentieren ihren Businessplan samt Unternehmensstrategie, Kommunikation, Human Resources, Umfeldanalyse und Marketingplan. Darauf gibt die Wirtschaftsagentur ein finales Feedback.

Die wertvollsten Momente eines Praktikums bestehen oft darin, dass sich ein Profi auch Zeit für ein Vieraugengespräch nimmt oder beim Kaffee aus dem Nähkästchen plaudert. Können Sie Studierenden diese sozialen Erfahrungen virtuell ersetzen?

Es kommt immer darauf an, was man selbst aus einem Praktikum macht, aber die Möglichkeit besteht. Wir alle vernetzen uns derzeit in virtuellen Netzwerken und kommunizieren digital. Über diese Kommunikationskanäle können sich Studierende auch jederzeit mit der Wirtschaftsagentur vernetzen, die dabei sehr behilflich ist.

„Im virtuellen Praktikum realisiert man Kommunikation, Unterhaltung, Logistik oder Sport in einer voll digitalen Welt.“

Und auch bei physischen Praktika sitzt man derzeit meist keine 38,5 Stunden im Büro und kann nicht jederzeit mit allen quatschen. Denn viele reale Praktika werden momentan virtuell durchgeführt.

Corona hat den Drang zur „digitalen Transformation“ beschleunigt. Inwiefern greifen Ihre Start-ups dieses Thema auf?

Wir sind überzeugt davon, dass Menschen zukünftig in virtuellen Netzwerken und Teams arbeiten werden. Dass man Geschäftsideen in ein Netzwerk einspeist und sich überlegt, wer kann was beitragen. Wir haben unser virtuelles Praktikum daher so designt, dass es um Geschäftsideen in dieser digitale Transformation geht. Also wie man Kommunikation, Unterhaltung, Logistik oder Sport in einer voll digitalen Welt realisiert. Wir gehen davon aus, dass virtuelle Elemente auch nach Corona bleiben werden, insofern ist das Pilot-Projekt auch sehr zukunftsorientiert.

Wieviele Studierende arbeiten wieviele Stunden an einem Start-up?

In meinem Studiengang hat ein solches Praktikum einen Workload von 12 ECTS und dauert acht Wochen mit jeweils 38,5 Wochenstunden. Aktuell betreuen wir zwei Teams mit je vier Personen aus drei Studiengängen. Die allermeisten haben glücklicherweise doch noch ein Praktikum gefunden. Wobei wir nicht sagen können, ob alle Praktika auch im Kernbereich ihres Studiums liegen.

Bleiben diese Start-ups theoretisch wie eine Übungsfirma? Oder sollen sie auch real gegründet werden?

Wir wollen den Studierenden einen Reality Check bieten, der ihnen zeigt, welche Kriterien sie aufmerksam verfolgen sollten, wenn sie künftig ein Start-up gründen möchten. Wir verfolgen nicht den Anspruch, dass sie mit einer Geschäftsidee auf den Markt gehen. Doch sie würden wissen, wie man eine umsetzt. Natürlich ist es niemandem verboten, sein/ihr Projekt weiterzuverfolgen.

„Wir verfolgen nicht den Anspruch, dass Studierende mit einer Geschäftsidee auf den Markt gehen. Doch sie würden wissen, wie man eine umsetzt.“

Können Sie schon abschätzen, ob diese virtuelle Lösung auch praktikabel ist?

Ich denke schon. Das Wichtigste ist, dass man alle Instrumente zur Verfügung hat, um ein Projekt im Positiven wie im Negativen abzuklopfen. Es ist ja auch lehrreich zu wissen, was nicht in einem Team funktioniert. Wenn man in der Praxis seinen Gewerbeschein hat, sind die Folgen von Rückschlägen und Fehlannahmen weitreichender als im virtuellen Praktikum.

Was kann ein virtuelles Praktikum lehren, was ein Unternehmen vielleicht nicht lehren kann?

Bevor ein Start-up in den Markt eintritt, braucht es viel interne Planung. Erst dann entsteht eine Idee, ein Businessplan, die Finanzierung. Vielleicht werden Studierende überrascht, dass man mit so vielen Leuten gemeinsam eine strategische Einschätzung finden kann, auch wenn man nur über Teams oder Zoom zusammenkommt.

Werden die Studierenden bezahlt?

Nein, das können wir uns nicht leisten. Wir haben allen Studierenden empfohlen, einen bezahlten Praktikumsplatz anzunehmen. Wir sind nur ein Auffangnetz für jene Studierende, die in der Praxis kein Praktikum finden. Doch wir konkurrieren nicht mit der Wirtschaft, die uns dankenswerterweise viele Praktikumsplätze zur Verfügung stellt.

Hat dieses Modell eines virtuellen Praktikums eine Zukunft?

Wir verstehen dieses Modell als Corona-Notfallmaßnahme. Aber die Komponenten der digitalen Transformation und das Denken in virtuellen beruflichen Netzwerken könnten wir durchaus in die Zukunft weiterziehen. Denkbar ist ein Laboratorium, in dem man Ideen mit Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartnern und Unternehmen entwickelt und das unsere Studierende so näher an die Praxis bringt.

 

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