Bildung und Beruf

„Kampagnen allein reichen nicht aus, um die Lehre zu stärken“

Wie Lehrberufe wieder attraktiv werden und warum sich viele für den „goldenen Aufstiegsweg“ AHS entscheiden, erklärt Bildungsexperte Lorenz Lassnigg vom Institut für Höhere Studien im „Was jetzt“-Interview.

Das Gespräch führte Manuela Tomic - 28. November 2018

 

Wie groß ist der Einfluss, den Eltern, Freunde oder der Bekanntenkreis auf die Auswahl des eigenen Bildungswegs haben?

Dieser ist beachtlich. Die vielzitierte „Vererbung“ von Bildungslaufbahnen und Bildungsabschlüssen ist nicht etwas, was einfach so unbeabsichtigt oder ungewollt „passiert“. Ganz im Gegenteil.

Hinter dieser Vererbung stecken aktive Strategien, die in gewissen Ländern leichter und in anderen schwerer durchzusetzen sind. Die internationale Forschung ist sich daher auch einig, dass sich die besser Ausgestatteten oder Privilegierten in der Regel auch besser durchsetzen. Österreich hat hier eine sehr widersprüchliche und gemischte Struktur.

Einerseits die Unterschiede verstärkende frühe Differenzierung in AHS, den „goldenen Aufstiegsweg“, einerseits und andererseits die Haupt- oder Mittelschule und die Berufsbildung, mit einem viel steinigeren Weg, der aber auch zum Erfolg führen kann.

 

In Österreich herrscht ein Fachkräftemangel. Wie sehr, glauben Sie, hat das mit dem System und dem Image der Berufsausbildung zu tun?

Momentan stehen die verschiedenen Ausbildungsgänge im Wettbewerb um die knappen Jahrgänge, und wenn man davon ausgeht, dass alle Ausbildungen von Wert sind, handelt es sich dabei um ein Nullsummenspiel: Was die eine Einrichtung gewinnt, verliert die andere.

Was vor fünf Jahren noch nicht so im Vordergrund stand, sind die Fragen nach dem Qualifizierungsbedarf im Zusammenhang mit der Digitalisierung, die jedoch ebenfalls nicht kurzfristig durch die Berufsbildung gelöst werden können, sondern umfassender längerfristiger Strategien bedürfen.

 

„Kampagnen reichen nicht aus, um die Lehre zu stärken.“

 

Propaganda und Kampagnen oder auch Ausbildungsgipfel werden in dieser Struktur mit Sicherheit nicht ausreichen, um die Lehre zu stärken. Von einer Professionalisierung des Ausbildungspersonals ist kaum eine Spur zu erkennen, dies ist auch in der dezentralen Struktur schwierig.

Bei den Schulen wird sehr gerne die Qualitätssicherung und besseres Lehrpersonal eingefordert, aber bei den Betrieben ist davon so gut wie keine Rede, lieber schiebt man Qualitätsprobleme an die vorgelagerten Schulen ab.

Wenn man die Lehre attraktiver machen will, so muss man die Wettbewerbsprobleme in der Ausbildungsstruktur zwischen den Ebenen lösen, und man muss auch in die Qualität der Kernbereiche der Lehre investieren, Aufstiegswege und Werbung unter Maturantinnen sind hier nur ein kleiner Teil des Ganzen.

 

Wie könnte man Handwerksberufe wieder attraktiver machen?

Die Lehrlingsausbildung hat in Österreich unter anderem aufgrund der Existenz und Stärke der BHS eine andere, viel niedrigere Stellung in der Ausbildungsstruktur als in Deutschland oder der Schweiz.

In Deutschland setzt sie mittlerweile zumindest auf der mittleren Reife auf, die Hälfte der Auszubildenden ist zwischen 20 und 24 Jahren alt, es gibt einen hohen Anteil an Abiturienten und Abiturientinnen. Ein großer Teil der Lehre ist de facto postsekundär, und das Duale System nimmt die Aufgaben wahr, die in Österreich von der Lehre und BHS wahrgenommen werden.

 

„Die Schweiz hat ihren FH-Sektor auf der Lehre aufgebaut, die in Österreich beiseite gelassen wurde.“

 

Die Schweiz hat ihren FH-Sektor auf der Lehre aufgebaut, die in Österreich beiseite gelassen wurde, und mit dem überbetrieblichen Grundmodul auch de facto eine triale Ausbildung, und überdies mit dem höheren professionellen Prüfungssystem auch viel deutlichere Aufstiegswege auf Basis der Lehre.

 

Warum sinken die Schülerzahlen bei HAKs?

Zur Entwicklung der Schülerzahlen in der österreichischen Berufsbildung ist grundsätzlich zu sagen, dass diese sehr wesentlich von strukturellen Faktoren beeinflusst wird.

Darunter ist erstens die unterschiedliche Wertigkeit der höheren, mittleren sowie der Lehrlingsausbildung zu nennen, die lange Zeit sehr hierarchisch gegliedert war und sich in den letzten Jahren, etwa mit dem Maturazugang von der Lehre, etwas vermischt.

Zweitens erfüllen vor allem die BHS gleichzeitig berufsbildende Funktionen für den Arbeitsmarkt und allgemeinbildende Funktionen für weitere Bildungskarrieren im Hochschulwesen.

Das ist eine echte Besonderheit und impliziert gleichzeitig eine Verkoppelung und Entkoppelung gegenüber dem Arbeitsmarkt. Drittens vermischen sich die Arbeitsmärkte für BHS-Absolventen und -Absolventinnen mit denen von Hochschulabsolventen und -absolventinnen sowohl in der Perspektive der Ausbildungswahl als auch der Beschäftigungsmöglichkeiten.

 

„Es entwickeln sich Prekarität und nicht-standardisierte Beschäftigungen.“

 

Muss man heutzutage studiert haben, um einen „gut bezahlten“ Job zu haben? Oder gibt es da auch Gegenbeispiele?

Es gibt große Streuungen bei den Einkommen mit Überschneidungsbereichen. Es entwickeln sich Prekarität und nicht-standardisierte Beschäftigungen. Die Arbeitsformen, die mit der Digitalisierung verbunden sind, sind noch wenig ausgelotet.

Auch wenn es aufgrund der Streuung Gegenbeispiele gibt, zum Beispiel Lehrabsolventinnen und -absolventen, die besser verdienen als Akademiker und Akademikerinnen, deutet dennoch nach wie vor alles darauf hin, dass das Einkommen im Durchschnitt umso besser ist, je „höher“ der Abschluss ist. Mit einer höheren Ausbildung kann man also auch höhere Einkommen erwarten.

 

Zur Person

Lorenz Lassnigg ist Forscher am Institut für Höhere Studien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung an der Schnittstelle zwischen sozialen, politischen und ökonomischen Fragestellungen.

 

 

 

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Ein Beitrag aus der Was jetzt-Redaktion.