Schwerpunkt: Online-Lernen

„Zurück in die Schule“: Mit Resümee und Ausblick in die Sommerferien

Teil 4 unserer Serie: Wir stellen unseren vier BHS-Lehrenden drei finale Fragen: Mit welchem Fazit gehen sie in die Ferien? Was halten sie von Faßmanns 8-Stufen-Plan? Und was braucht nachhaltiges Online-Lernen im Unterricht noch?

Florian Wörgötter - 3. Juli 2020

In der Serie „Zurück in die Schule“ wollten wir herausfinden, welche Chancen das Online-Lernen im Unterricht bietet. Daher haben wir vier BHS-Lehrer/innen in vier Episoden auf dem Weg zurück ins Klassenzimmer begleitet.

In der ersten Episode haben wir auf die intensiven Wochen des Online-Unterrichts zurückgeblickt und darauf, was die Lehrer/innen aus dem Online-Lernen gelernt haben.

In Episode zwei haben wir sie gefragt, was sie davon im Präsenzunterricht umsetzen wollen und wie man untergetauchte Schüler/innen zurück ins Boot holt.

Episode drei hat ein Status-Update im Schichtbetrieb ermittelt und welche digitalen Tools und Methoden sich in der Praxis bewähren.

Nun fragen wir in der (vorerst) finalen Episode vier nach einem Resümee dieses außergewöhnlichen Semesters und einem Ausblick auf den Herbst und welche Rolle Bundesminister Faßmanns Strategie zur Digitalisierung der Schule dabei spielen wird.

 

„Computer sollten erst in Oberstufen eingesetzt werden. Davor sollte man Lernen ohne Google lernen und Schreibschrift ohne Tastatur.“

Susanne Drobez, Vienna Business School, Akademiestraße, Wien, Deutsch/Italienisch

 

Fazit: Welches Resümee ziehen Sie nach diesem Semester für Ihre Lehre?

Susanne Drobez: „Ich habe für mich die Gewissheit gefunden, dass Lernen interaktiv ist und ich Wissen persönlich am besten vermittelt werden kann. Dies trifft vor allem auf jüngere Schüler/innen zu, die sich noch weniger gut selbst organisieren können. Sie brauchen meist einen „Motivationsschub“ von außen.

Einige Schüler/innen in höheren Klasse waren im Online-Unterricht jedoch äußerst erfolgreich, da sie sich bereits selbst organisieren können und diese Fähigkeit auch noch ausbauen konnten.

Ich kann mir vorstellen, die Lernplattform Microsoft Teams jetzt auch mit jüngeren Jahrgängen zu verwenden. Denn ich kann Aufgaben übersichtlich hochladen und Hausaufgaben sehr gut auf der Plattform korrigieren. Digitale Medien eignen sich im Unterricht auch, um ein Quiz zu erstellen, Videos hochzuladen oder die Schüler/innen ein „Vlog“ erstellen zu lassen.“

Status Quo: Was halten Sie vom 8-Stufen-Plan zur Digitalisierung der Schule von Bildungsminister Faßmann?

„Die Idee ist gut, aber die Durchführung fraglich, weil sie sehr viel Zeit beansprucht. Wenn etwa im Rahmen von Schulsanierungen Arbeitsplätze und Räumlichkeiten geschaffen werden sollen – wo sollen die Lehrenden untergebracht werden, wenn der Platz fehlt? Sollen Schulen dann ausgebaut werden?

Wichtig fände ich, dass alle Lehrenden kostenlos mit Laptops ausgestattet werden. Will man Schulen digitalisieren, so ist es unabdingbar, wie in den meisten Unternehmen ein „Firmengerät“ zur Verfügung zu stellen. Ich denke, so würde auch die Bereitschaft der Lehrenden steigen, digitale Tools im Unterricht einzusetzen.

Die Schüler/innen sollten erst in der Oberstufe mit digitalen Geräten ausgestattet werden. Zuerst sollte man „das Lernen richtig lernen“, ohne sofort Google befragen zu können, und auch die Schreibschrift beherrschen, bevor man auf das Tippen an der Tastatur übergeht.

Das gilt vor allem in Fremdsprachen: Wer ständig Vokabeln suchen kann, wird sie nie selbst lernen; mit der Hand geschriebene Wörter prägen sich schneller ein. Es ist aber durchaus sinnvoll, digitale Medien parallel in den Unterricht einzubauen: Ein guter Mix ergänzt Videos oder Audios, Online-Übungen und Quizze.“

Ausblick: Wie müsste sich die Schule im Herbst verändern, damit die Vorteile des Online-Lernens im Unterricht nachhaltig bleiben?

„Die technische Ausstattung an den Schulen muss stimmen: ein funktionierendes Internet, Beamer-Kabel etc. Vor allem Lehrende müssen einen funktionierenden Laptop haben und digitalisiert sein. Ich denke aber, dass sich während des Online-Unterrichts die meisten Unterrichtenden die nötigen „Tools“ angeeignet haben.

Auch Schüler/innen brauchen daheim die richtigen Voraussetzungen: einen eigenen Laptop – oft teilen sie ein einziges Gerät mit Geschwistern –, ein stabiles Internet und vielleicht einen ruhigen Raum, um Besprechungen durchführen können.“

 

„Schulbuchverlage sollten das neue Schulportal mitentwickeln.
Ansonsten bleibt der Wildwuchs an Lehrbuch-Plattformen.“

Helmut Bauer, BHAK1 Salzburg, Rechnungswesen

Fazit: Welches Resümee ziehen Sie nach diesem Semester für Ihre Lehre?

Helmut Bauer: „Eine intensive Auseinandersetzung mit Schule 4.0 im Sinne einer Digitalisierung ist unumgänglich. Diese Krise muss im Bildungsbereich als Chance gesehen werden. Der digitale Unterricht ist in den Fokus der Gesellschaft und der Bildungspolitik gerückt.“

Status Quo: Was halten Sie vom 8-Stufen-Plan zur Digitalisierung der Schule von Bildungsminister Faßmann?

„Ein einheitliches Einstiegsportal mit „Single Sign-on“ ist sicherlich von Vorteil und ein erster wichtiger Schritt. Die Schulbuchverlage sollten jedoch unbedingt in die Entwicklung dieser Portale einbezogen werden. Ansonsten befürchte ich weiterhin einen Wildwuchs an Plattformen im Zusammenhang mit den Lehrbüchern.

Eine einzige Lernplattform pro Schule halte ich nicht für sinnvoll. Schüler/innen sollten verschiedene System kennenlernen. Im Bereich der Lehrenden-Fortbildung machen MOOCs durchaus Sinn. Wichtig erscheint mir jedoch die Motivation der Lehrkräfte, diese auch zu besuchen. Hier sollten Anreize geschaffen werden.

Die Basis-Infrastruktur scheint mir im BMHS-Bereich bereits jetzt eine gewisse Qualität zu haben. Der Fokus sollte auf den Lehrinhalten, Programmen und Apps liegen. Hier könnte ein Gütesiegel für Apps durchaus Anreize schaffen. Die Ausstattung der Lehrkräfte mit digitalen Endgeräten und vernünftigen Arbeitsplätzen in den Schulen sollte Priorität haben.“

Ausblick: Wie müsste sich die Schule im Herbst verändern, damit die Vorteile des Online-Lernens im Unterricht nachhaltig bleiben?

„Schüler/innen sollten einen einfachen Zugang zu digitalen Endgeräten bekommen. Dies kann entweder über die Bereitstellung der Schulen oder eine finanzielle Unterstützung geschehen.

Bei der Wahl der Endgeräte hat in meinen Augen das Notebook gegenüber herkömmlichen Tablets große Vorteile, was die tägliche Arbeit im Unterricht betrifft.

Der Flipped Classroom sollte als Unterrichtsprinzip eingeführt werden. Die Rolle der Lehrkraft unterzieht sich dann einer Wandlung in Richtung Betreuer/in und Unterstützer/in.“

 

„Wenn mir jemand zeigt, wie ich Präsenzunterricht und Online-Lehre
optimal vernetze, kann ich digitale Tools auch optimal nutzen.“

Elke Friesacher, HAK Ungargasse, Wien, kaufmännische Fächer

Fazit: Welches Resümee ziehen Sie nach diesem Semester für Ihre Lehre?

Elke Friesacher: „Die Online-Lern-Phase von März bis Anfang Juni war äußerst intensiv. Wir haben die ersten Schritte in Richtung Online-Lernen gemacht. Doch ich sehe noch sehr viel Lernpotenzial auf allen Seiten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so effizient arbeiten konnte, wie ich es mir gewünscht hätte. Daher werde ich werde mich über den Sommer weiterhin mit den Funktionen von Lernplattformen vertraut machen. Damit ich für mich und meine Schüler/innen das Optimum rausholen kann.

Nach einiger Zeit ohne Präsenzunterricht wurde klar, wie wichtig der persönliche Kontakt ist. Sogar die Schüler/innen sagten, dass sie gerne wieder in die Schule kommen wollen. Vielleicht hat sich das Bild des „In-die-Schule-Gehens“ etwas gewandelt: dass die Schule nicht selbstverständlich ist, sondern ganz schnell zum Privileg werden kann – auch in Österreich.

Ich lerne jedes Jahr von meinen Schüler/innen und reflektiere immer wieder, ob ich Dinge mache, weil sie sich eingespielt haben oder weil sie wirklich sinnvoll sind. In diesem Semester konnte ich verstärkt hinterfragen, ob ich Teile meines Präsenzunterrichts nicht noch einfacher darstellen kann. Durch technische Anpassungen habe ich auch meine Inhalte angepasst, damit sie besser verstanden werden.“

Status Quo: Was halten Sie vom 8-Stufen-Plan zur Digitalisierung der Schule von Bildungsminister Faßmann?

„Der Plan geht in die richtige Richtung, ist aber sehr ambitioniert. Obwohl ich es mir wünsche, glaube ich nicht, dass vieles so schnell umgesetzt werden kann, wie es der Plan vorsieht. Manches ist wohl erst machbar, wenn die technische Infrastruktur an Schulen geschaffen ist. Und bis manche Schulen erst in vier Jahren drankommen, vergeht viel Zeit.

In der aktuellen Phase des Online-Lernens haben Schüler/innen und Lehrende mit ihren privaten Laptops und Ressourcen gearbeitet. Das Ministerium sollte nicht voraussetzen, dass Lehrende auch weiterhin alle Ressourcen privat zur Verfügung stellen – und dass diese auch am neuesten Stand der Technik sind.

Daher wäre es gut, wenn Lehrende mit Laptops ausgestattet werden. Für ein solches Arbeitsgerät zu zahlen, sehe ich ambivalent. Nutzt man es aber auch außerschulisch, fände ich einen Privatanteil gerecht. Zumindest in der Schule sollten Lehrer/innen-PCs auch eine Kamera und ein Mikrofon haben, damit ich eine/n Schüler/in von daheim aus zuschalten kann.“

Ausblick: Wie müsste sich die Schule im Herbst verändern, damit die Vorteile des Online-Lernens im Unterricht nachhaltig bleiben?

„Eine einheitliche Lernplattform finde ich begrüßenswert. Ebenso einen einzigen Account für diverse Online-Ressourcen. Umso wichtiger ist es, Lehrende für Blended Learning und Distance Learning mit diesen Plattformen weiterzubilden. Wenn mir jemand alle Möglichkeiten aufzeigt, wie ich Präsenzunterricht und Online-Lehre vernetzen kann, dann kann ich den Unterricht mit digitalen Tools optimal nutzen.

Wenn sich unsere Schule auf eine Plattform geeinigt hat, dann soll es auch fix Fortbildungen geben. So verringert sich die Barriere, ein neues Tool anzuwenden, damit sich auch alle draufschmeißen und sie ausprobieren wollen.

Kommt eine zweite Welle, dann sehe ich mich besser vorbereitet, weil die ersten Schritte des Learning by Doings und die Suche nach den Tools wegfallen.“

 

„Private Kostenbeiträge sollen so gestaffelt sein, dass sich auch
sozial schwache Schüler/innen einen Laptop leisten können.“

Thomas Heimhofer, Schumpeter BHAK Wien 13, Betriebswirtschaft

Fazit: Welches Resümee ziehen Sie nach diesem Semester für Ihre Lehre?

Thomas Heimhofer: „Es war eine interessante Erfahrung für Schüler/innen und Lehrer/innen. Wir haben alle viel dazugelernt, was die technischen Anwendungsmöglichkeiten mit Microsoft Teams betrifft:

Wir haben Video-/Telefonkonferenzen gemacht, Chat-Diskussionen veranstaltet und Einzelchats für Fragen/Erklärungen genutzt. Wir haben Aufgaben und Ausarbeitungen hochgeladen, Videos erstellt, Quizze veranstaltet, Fragebögen ausgeschickt und ausgewertet. Außerdem haben wir  die Plattform für die Kommunikation zwischen den Lehrenden sowie zwischen Klassenlehrerinnen/Klassenlehrern und ihren Klassen genutzt.

Auch didaktisch habe ich neue Wege wie das Konzept des Flipped Classrooms ausprobiert: Die Schüler/innen eignen sich den theoretischen Input zu Hause allein an. In der Schule werden offene Fragen besprochen und Fallbeispiele gelöst.“

Status Quo: Was halten Sie vom 8-Stufen-Plan zur Digitalisierung der Schule von Bildungsminister Faßmann?

„Die Verbesserung der EDV-Ausstattung an österreichischen Schulen ab der Volksschule ist längst überfällig. In den weiterführenden Schulen ist die Situation wahrscheinlich etwas besser; jedenfalls ist meine Schule bereits recht gut ausgestattet.

Auch die Initiative zur Ausstattung der Schüler/innen mit Laptops finde ich richtig. Dabei ist es wichtig, dass die privaten Kostenbeiträge so gestaffelt werden, dass sich auch sozial schwache Schüler/innen einen Laptop leisten können. Die Geräte sollten von hoher Qualität sein.“

Ausblick: Wie müsste sich die Schule im Herbst verändern, damit die Vorteile des Online-Lernens im Unterricht nachhaltig bleiben?

„Wir haben an unserer Schule beschlossen, dass alle Lehrenden dokumentieren, was im Onlineunterricht gut funktioniert hat. Diese Dinge werden zu Beginn des neuen Schuljahres 2020/21 in Erinnerung gerufen.

Auch wenn wir im September hoffentlich wieder alle Schüler/innen gleichzeitig unterrichten können – gut funktionierende Elemente des Onlineunterrichts vergrößern die didaktische Methodenvielfalt. Dadurch wird der Unterricht abwechslungsreicher und für die Schüler/innen spannender, attraktiver und ertragreicher.“

 

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